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Weine, kriegrischer Held! wofern deine männlichen Wangen
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Je ein warmes Mitleid und Liebe mit Tränen gefeuchtet.
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Meinem Munde sind Klagen versagt, denn Krieger stehn um mich:
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Aber die Hand darf bereun und tiefe Schmerzen erklären,
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Denn durch sie ist das Licht des schönsten Lebens verloschen.
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Ach, wo ist sie, wo ist sie, die Seele des trostlosen Tankreds,
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Meine Clorinde? – Hier sinket der Kiel, hier hebt sich der Busen,
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Hier entfliehn die Gedanken und werden zu zahllosen Tränen.
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Freund! – Doch nein, ich belüge dich, nein, ich empfand keine Triebe
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Als für sie, ich werde für keinen jemals empfinden
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Als für sie. Nun hab' ich kein Herz: sie hatt' es geraubet,
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Hatt' es der ganzen Welt geraubt: ihre kalte, schöne
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Gar zu schöne Hand hält's mit erstarreten Fingern,
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Hat's in ihr Grab mitgenommen, nun hab' ich für Freunde kein Herz mehr;
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Doch ihr habt Herzen für mich, o fühlt, o werdet mitleidig,
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Werdet weinende Kinder wie ich, ihr stählernen Helden! –
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Oder verachtet mich, haßt mich, tödtet mich! Grausames Schiksal!
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Warum zwingst du den Mörder zu leben? Asträa, so bist du
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Denn von der Erde geflohn? Wie, oder – oder erblaßtest
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Du mit meiner Clorinde? Warum verweilet die Rache,
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Einen höllischen Wütrich zur Hölle nieder zu schlagen?
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Ach du weissest, Clorinde war standhaft und edel und tapfer,
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All' ihre Triebe waren zu grossen Thaten gespannet.
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Wie ein höheres Wesen sah sie verächtlich hernieder
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Auf den kriechenden Geiz und auf den blähenden Hochmuth
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Der mit Wind sich aufbläht, auf die verschmachtende Liebe,
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Auf die zärtlichsten Tränen um sie: sie wählte das Rauschen
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Strenger Waffen für ächzende Küsse, sie wählte den Harnisch
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Für den jungfräulichen Schleyer, verschmähte den Sieg ihrer Reize
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Für den Sieg mit dem Schwerdt, verschmähte den elenden Tankred.
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Zwar ihr Schwerdt war furchtbar, doch furchtbarer weit, ihre Blikke,
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Ihre allmächtigen Blikke, die meine verhärtete Seele
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Wie die Sonnenstrahlen durchdrangen, belebeten, wärmten.
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Weissest du nicht, daß ich sie geliebt? Hast du sie gesehen,
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Hast du das Feuer des Auges, die Seraphsmiene voll Hoheit,
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Hast du die Stirne gesehn, auf der die Tapferkeit thronte?
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Must' ich die Kriegrin nicht lieben? – Einst focht ich – Wie? Focht ich? Ich legte
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Wie ein gezähmter Löwe mich ihr zu Füssen: sie sah mich
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Wie ich da lag und die Seele verseufzt' und die schönsten Arme
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Um einen tödtlichen Streich bat: sie sah mich mitleidig und lächelnd,
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Und entfloh, wie ein Bliz entfleucht, stolzlächelnd wie Blizze.
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Nachmals focht ich nie mit ihr mehr; ich flehte zum Himmel:
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Laß mich sie finden, laß mich von ihren Händen erblassen!
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Aber ich fand sie nicht, ich lebt' – ich sollte sie tödten.
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Schrökliche Nacht! wer hieß dich die grausen Flügel verbreiten
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Und meinen Augen das Licht entziehn, meinen trostlosen Augen
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Ihren Reiz verbergen? O leiht mir Flügel, ihr Blizze!
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Ich will ihr nachziehn, der höllischen Nacht, ich will sie bey ihren
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Schwarzen Fittigen haschen, ich will sie mit eisernen Händen
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Würgen, ich will sie zur Hölle hinab, zur Höll' hinab schikken:
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Denn sie führte Clorinden hinaus, sie führte die Heldin
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In unser Lager, sie hieß sie den Thurm der Christen entzünden,
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Sie verschloß ihr Jerusalemsthor. Die zum Tode bestimmte
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Arme, verlaßne Clorinde irrt' ohne Leitung am Bollwerk
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Wie eine schüchterne Taube umher, die die Zuflucht versperrt sieht.
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Warum fiel nicht ein Stern vom Himmel und zeigte die schöne
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Seele, wie sie da irrte, mir an? Ich hätte mit treuem
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Arm sie umfaßt, ich hätte sie in mein Lager geführet:
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Tausend Lampen hätten schnell in die Lüfte aufsteigen
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Und ihr Feuer keine der Mienen des Engels auf Erden
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Mir verheelen sollen. Allein ich verirreter Tankred
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Ritt voll Wuth auf sie zu; ich sprach zu ihr: Kämpfe! sie kämpfte.
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Ach, noch trag' ich die Zeichen des Kampfs, die werthen Wunden,
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Die sie mir schlug. Ich küß' euch, Wunden! ich seh euch, mit Wonne,
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Einzige Andenken, die sie mir ließ. Warum wart ihr nicht tödtlich?
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Und warum mußte ich siegen? Mein Reinald, mit brechendem Herzen
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Muß ich dir sagen: ich siegte. Sie lag vor mir da: mein Schwerdt war
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In ihren Busen gedrungen, und meine Hand fühlte Blut,
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Meine verfluchte Hand ihr Blut. Mit leiser Stimme
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Rief sie: Taufe mich, Sieger! Da stieß ihre Rede mir auch ein
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Schwerdt in die Brust: ich fühlt' eine Angst, eine Ahndung im Herzen
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Die mich erschrökt', ich schöpfte den Helm am Jordan voll Wasser,
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Lößt' ihr den Helm vom Haupt und sah – wie ein trüber Himmel
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Lag ihr Angesicht da – ich sah Clorinden – und Schwindel,
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Graun und Tod benahm mir Empfindung und Sinne. Mit starren
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Händen taufte ich sie, und taumelte nieder und bebte
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Stumm. Die Zunge, die ihr Gebete vorstammeln sollte,
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Stammelte nur ihren Namen. Ach Reinald! ach himmlische Wonne!
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Ach! indem ich nun sank und auf sie hinstarb, da fühlt' ich
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Daß sie die mördrische Faust mir drükte; sie sprach: Ich verzeih dir.
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O sie sprach noch viel. Bedaure mich redlicher Reinald!
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Ach sie seufzte noch viel, doch alle Seufzer zum Himmel,
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Keinen für mich, kein Wort mehr für mich – doch was red' ich, ich Lästrer?
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Ich Verruchter! Sollt' ein sterbender Engel mein denken,
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Eines Unmenschen denken? Zu viel ist mir Gnade geschehen.
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Hätt' ihr blasser Mund mir geflucht, oder schröklicher als der
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Strengste Fluch! hätt' er: ich liebe dich nicht, mit der lezten
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Stimm' in mein Ohr gedonnert: dann wäre mir Recht wiederfahren.
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Höre noch mehr! Sie erschien mir: Die folgende Nacht war ein Himmel –
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Schön wie ein heiliger Engel erschien sie. O Schlaf, o verwünschter,
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Vermaledeyter Schlaf! Im Schlaf erschien sie, nicht wachend.
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Hätt' ich gewacht, ich hätte das blosse Schwerdt auf die Brust mir
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Drohend gesezt, ich hätte mit einer verzweifelten Stimme
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Sie gefraget: Liebst du mich? oder ich hätte mit starken
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Armen an mein Herz sie gedrükt, ich hätte den theuren
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Schatten nicht loss gelassen, bis er in der heissen Umarmung
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Vor mir zerflossen wäre; dann wär' ich mit ihm zerflossen.
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Aber nun erscheint er nicht mehr. – Erhabene Seele!
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Lächerlich Sehnen, daß ich dich in die Welt zurük wünsche,
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Die du wie einen Punkt, wie einen Ameisenhaufen
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Unter dir siehst. Der Himmel wird seine Schäzze nicht missen,
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Noch geläutertes Gold in vorige Schlakken versenken.
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Wie! ich wag's dich zu lieben, die du von höherem Wesen,
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Höherem Stoffe nun bist und sterblich Lieben verachtest?
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Seraphen müssen dich izt mit himmlischer Freundschaft umschweben
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Und des thörichten Sterblichen lachen, der zu dir hinaufwünscht.