8.

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Jakob Michael Reinhold Lenz: 8. (1771)

1
Weine, kriegrischer Held! wofern deine männlichen Wangen
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Je ein warmes Mitleid und Liebe mit Tränen gefeuchtet.
3
Meinem Munde sind Klagen versagt, denn Krieger stehn um mich:
4
Aber die Hand darf bereun und tiefe Schmerzen erklären,
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Denn durch sie ist das Licht des schönsten Lebens verloschen.
6
Ach, wo ist sie, wo ist sie, die Seele des trostlosen Tankreds,
7
Meine Clorinde? – Hier sinket der Kiel, hier hebt sich der Busen,
8
Hier entfliehn die Gedanken und werden zu zahllosen Tränen.

9
Freund! – Doch nein, ich belüge dich, nein, ich empfand keine Triebe
10
Als für sie, ich werde für keinen jemals empfinden
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Als für sie. Nun hab' ich kein Herz: sie hatt' es geraubet,
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Hatt' es der ganzen Welt geraubt: ihre kalte, schöne
13
Gar zu schöne Hand hält's mit erstarreten Fingern,
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Hat's in ihr Grab mitgenommen, nun hab' ich für Freunde kein Herz mehr;
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Doch ihr habt Herzen für mich, o fühlt, o werdet mitleidig,
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Werdet weinende Kinder wie ich, ihr stählernen Helden! –
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Oder verachtet mich, haßt mich, tödtet mich! Grausames Schiksal!
18
Warum zwingst du den Mörder zu leben? Asträa, so bist du
19
Denn von der Erde geflohn? Wie, oder – oder erblaßtest
20
Du mit meiner Clorinde? Warum verweilet die Rache,
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Einen höllischen Wütrich zur Hölle nieder zu schlagen?

22
Ach du weissest, Clorinde war standhaft und edel und tapfer,
23
All' ihre Triebe waren zu grossen Thaten gespannet.
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Wie ein höheres Wesen sah sie verächtlich hernieder
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Auf den kriechenden Geiz und auf den blähenden Hochmuth
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Der mit Wind sich aufbläht, auf die verschmachtende Liebe,
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Auf die zärtlichsten Tränen um sie: sie wählte das Rauschen
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Strenger Waffen für ächzende Küsse, sie wählte den Harnisch
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Für den jungfräulichen Schleyer, verschmähte den Sieg ihrer Reize
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Für den Sieg mit dem Schwerdt, verschmähte den elenden Tankred.
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Zwar ihr Schwerdt war furchtbar, doch furchtbarer weit, ihre Blikke,
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Ihre allmächtigen Blikke, die meine verhärtete Seele
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Wie die Sonnenstrahlen durchdrangen, belebeten, wärmten.
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Weissest du nicht, daß ich sie geliebt? Hast du sie gesehen,
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Hast du das Feuer des Auges, die Seraphsmiene voll Hoheit,
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Hast du die Stirne gesehn, auf der die Tapferkeit thronte?
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Must' ich die Kriegrin nicht lieben? – Einst focht ich – Wie? Focht ich? Ich legte
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Wie ein gezähmter Löwe mich ihr zu Füssen: sie sah mich
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Wie ich da lag und die Seele verseufzt' und die schönsten Arme
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Um einen tödtlichen Streich bat: sie sah mich mitleidig und lächelnd,
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Und entfloh, wie ein Bliz entfleucht, stolzlächelnd wie Blizze.
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Nachmals focht ich nie mit ihr mehr; ich flehte zum Himmel:
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Laß mich sie finden, laß mich von ihren Händen erblassen!
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Aber ich fand sie nicht, ich lebt' – ich sollte sie tödten.

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Schrökliche Nacht! wer hieß dich die grausen Flügel verbreiten
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Und meinen Augen das Licht entziehn, meinen trostlosen Augen
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Ihren Reiz verbergen? O leiht mir Flügel, ihr Blizze!
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Ich will ihr nachziehn, der höllischen Nacht, ich will sie bey ihren
49
Schwarzen Fittigen haschen, ich will sie mit eisernen Händen
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Würgen, ich will sie zur Hölle hinab, zur Höll' hinab schikken:
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Denn sie führte Clorinden hinaus, sie führte die Heldin
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In unser Lager, sie hieß sie den Thurm der Christen entzünden,
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Sie verschloß ihr Jerusalemsthor. Die zum Tode bestimmte
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Arme, verlaßne Clorinde irrt' ohne Leitung am Bollwerk
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Wie eine schüchterne Taube umher, die die Zuflucht versperrt sieht.
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Warum fiel nicht ein Stern vom Himmel und zeigte die schöne
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Seele, wie sie da irrte, mir an? Ich hätte mit treuem
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Arm sie umfaßt, ich hätte sie in mein Lager geführet:
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Tausend Lampen hätten schnell in die Lüfte aufsteigen
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Und ihr Feuer keine der Mienen des Engels auf Erden
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Mir verheelen sollen. Allein ich verirreter Tankred
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Ritt voll Wuth auf sie zu; ich sprach zu ihr: Kämpfe! sie kämpfte.
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Ach, noch trag' ich die Zeichen des Kampfs, die werthen Wunden,
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Die sie mir schlug. Ich küß' euch, Wunden! ich seh euch, mit Wonne,
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Einzige Andenken, die sie mir ließ. Warum wart ihr nicht tödtlich?
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Und warum mußte ich siegen? Mein Reinald, mit brechendem Herzen
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Muß ich dir sagen: ich siegte. Sie lag vor mir da: mein Schwerdt war
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In ihren Busen gedrungen, und meine Hand fühlte Blut,
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Meine verfluchte Hand ihr Blut. Mit leiser Stimme
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Rief sie: Taufe mich, Sieger! Da stieß ihre Rede mir auch ein
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Schwerdt in die Brust: ich fühlt' eine Angst, eine Ahndung im Herzen
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Die mich erschrökt', ich schöpfte den Helm am Jordan voll Wasser,
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Lößt' ihr den Helm vom Haupt und sah – wie ein trüber Himmel
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Lag ihr Angesicht da – ich sah Clorinden – und Schwindel,
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Graun und Tod benahm mir Empfindung und Sinne. Mit starren
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Händen taufte ich sie, und taumelte nieder und bebte
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Stumm. Die Zunge, die ihr Gebete vorstammeln sollte,
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Stammelte nur ihren Namen. Ach Reinald! ach himmlische Wonne!
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Ach! indem ich nun sank und auf sie hinstarb, da fühlt' ich
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Daß sie die mördrische Faust mir drükte; sie sprach: Ich verzeih dir.
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O sie sprach noch viel. Bedaure mich redlicher Reinald!
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Ach sie seufzte noch viel, doch alle Seufzer zum Himmel,
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Keinen für mich, kein Wort mehr für mich – doch was red' ich, ich Lästrer?
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Ich Verruchter! Sollt' ein sterbender Engel mein denken,
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Eines Unmenschen denken? Zu viel ist mir Gnade geschehen.
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Hätt' ihr blasser Mund mir geflucht, oder schröklicher als der
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Strengste Fluch! hätt' er: ich liebe dich nicht, mit der lezten
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Stimm' in mein Ohr gedonnert: dann wäre mir Recht wiederfahren.
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Höre noch mehr! Sie erschien mir: Die folgende Nacht war ein Himmel –
90
Schön wie ein heiliger Engel erschien sie. O Schlaf, o verwünschter,
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Vermaledeyter Schlaf! Im Schlaf erschien sie, nicht wachend.
92
Hätt' ich gewacht, ich hätte das blosse Schwerdt auf die Brust mir
93
Drohend gesezt, ich hätte mit einer verzweifelten Stimme
94
Sie gefraget: Liebst du mich? oder ich hätte mit starken
95
Armen an mein Herz sie gedrükt, ich hätte den theuren
96
Schatten nicht loss gelassen, bis er in der heissen Umarmung
97
Vor mir zerflossen wäre; dann wär' ich mit ihm zerflossen.

98
Aber nun erscheint er nicht mehr. – Erhabene Seele!
99
Lächerlich Sehnen, daß ich dich in die Welt zurük wünsche,
100
Die du wie einen Punkt, wie einen Ameisenhaufen
101
Unter dir siehst. Der Himmel wird seine Schäzze nicht missen,
102
Noch geläutertes Gold in vorige Schlakken versenken.
103
Wie! ich wag's dich zu lieben, die du von höherem Wesen,
104
Höherem Stoffe nun bist und sterblich Lieben verachtest?
105
Seraphen müssen dich izt mit himmlischer Freundschaft umschweben
106
Und des thörichten Sterblichen lachen, der zu dir hinaufwünscht.

107
Ach der unsinnigen Hand die dich der Erde geraubet,
108
Dich so früh der auf dich bewundrungsvoll hoffenden Erde
109
Mördrisch geraubt. Unsinnige Hand, empfandst du nicht in dir,
110
Daß du wider dich selber strittest? Du warst nicht die meine.
111
Ich will von meinem Leibe dich reissen: du warst nicht die meine,
112
Du warst die Hand eines Satans, der wider die Himmlischen wütet.

113
Weine Reinald! Du, den izt die Helden zum Kampf herabhohlen,
114
(denn meine Stärke ist hin, ich bin ein ächzender Knabe)
115
Weine männliche Tränen um deinen gefallenen Helden,
116
Oder wenn mehr Erbarmen noch deinen Busen durchglühet,
117
Bete um meinen Tod!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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