Erstes Buch. Der Krieg

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Jakob Michael Reinhold Lenz: Erstes Buch. Der Krieg (1771)

1
Junge traurige Muse! besinge die schreklichen Plagen,
2
Die unerbittlich der Todesengel aus Schaalen des Zornes
3
Ueber die Länder ausschüttet, wenn frech gehäufete Schulden
4
Wider ein ganzes Volk vom Richter Gerechtigkeit heischen.

5
Wechselnde Scenen voll Grauen, stellt euch den furchtsamen Sinnen
6
In eurer ganzen Abscheulichkeit dar. Entkleidete Felder!
7
Rauchende Mauren und Thürme! Boßhaftig schleichende Lüfte!
8
Menschliche Schatten, nicht Menschen mehr, mit todblassen Gesichtern,

9
Mit bluttränenden Augen! Auf winselnde Kinder und Frauen!
10
Streitende, gegen einander erhizzete Vesten des Weltbaus,
11
Erd' und Feuer und Dampf und Wasserfluthen und Stürme!
12
Gebt mir den furchtbaren Stoff zu meinem ernsten Gesange.

13
Und ihr, denen ich singe, mein Preis ist, fühlet und weinet!
14
Weinet edle Menschlichkeit auf meine klagenden Saiten,
15
Weinet Tränen des Danks zu dem, der göttlich erbarmend
16
Noch die Gewitter der Rache, (sie brausten, wüteten, eilten
17
Ueber euch gräßlich hinauf) von euren Häuptern zurük hielt.

18
Du zuerst, der Landplagen Vater, mit Donner und Feuer
19
Ueber die Erde stürmend, durch Menschenopfer und Blut nicht,
20
Nicht durch Verödung und Wimmern der ganzen Natur zu versöhnen,
21
Krieg! oder nenn' ich dich lieber den ehrlich gemacheten Todschlag?
22
Pflanze mir Schwerdter vors Auge, färbe mit Blut meine Laute,
23
Daß meiner Brust voll Schrekken kein zärtlicher Seufzer entfliehe,
24
Oder ein sanfter Ton von meinen Saiten nicht irre.

25
Was für ein dumpfes Prasseln erwacht aus jener Entfernung,
26
Welches von schwazzenden Bergen der Widerhall dumpfer zurük tönt?
27
Ach ihr seid es, Bothen des Kriegs, Herolde des Todes,
28
Ihr lautkrachenden Trommeln, von Mordgesängen begleitet.
29
O wie flieget das Herz des erblassend-lauschenden Landmanns!
30
Schnell entfällt den starren Händen die Sichel: er eilet
31
Mit oft sinkenden Knien zum Dorf und verkündigt den Nachbarn:
32
»fliehet! der Feind ist da.« Sie hörens, erblassen und rennen
33
Männer und Weiber unsinnig mit fliegendem Haar durcheinander:
34
»ach, was sollen wir thun?« und keiner rathet dem andern:
35
»wohin sollen wir fliehn?« und keiner flieht vor Bestürzung.

36
Zögert nur! Seht ihr, wie nicht vom Himmel genährete Blizze
37
Jene Nebel zertrennen und hört ihr den Donner der Stükke? –
38
Seht ihr den Berg mit Wolken weissagenden Staubes bedekket?
39
Jezo senkt sich der Staub ins Thal. Helleuchtende Waffen
40
Dekken wie Aeren die Hügel. Mit stampfenden Fußtritten eilet
41
An ihrer Neige der Krieger hinab. So stürzen die Ströme
42
Im Schneeschmelzenden Lenz von steilen Felsen und machen
43
Ruhige Fluren zum wilden See. Schon seufzet der Akker
44
Unter gewafneten Schnittern, oder die nährenden Halmen
45
Werden von frechen Füssen im schlechten Sande begraben.

46
Plözlich erhebt sich ein banges Geschrei. Vor brennenden Hütten
47
Heulet der nakte Landmann. Mit Händeringen und Seufzen
48
Sieht, in Lumpen gehüllt, die trostlose Gattin der Glut zu,
49
An der scheue Kinder sich hängen. Im dunkeln verlaßnen
50
Furchtbaren Walde opfert ein blödes unschuldiges Mädchen
51
Winselnd der Brunst des Verführers die zu ohnmächtige Tugend.
52
O wie wird der Vater mit Tränenbetröpfelten Schritten
53
Seines Alters Trost verzweifelnd suchen und finden
54
In eines Wüterichs Arm. Mit seinem erschrokkenen Enkel
55
Eilet der schwache Greis hinweg; in den Runzeln der Wange
56
Schleichen bekümmerte Tränen: Da, ach! eine schnelle Faust reißt
57
Aus den Armen des Vaters den weinend sich sträubenden Knaben,
58
Ewig zum Sclaven: o hätte sie ihn dem Leben entrissen!

59
Jezo rükt die lebendige Mauer der Krieger zur sichern
60
Nahgelegenen Stadt, und schikket sich, sie zu belagern.
61
Alles wird Furcht in der Stadt: die hohen offenen Thore
62
Werden krachend verschlossen und Trommeln rasen wie Donner.
63
»gOTT! wie wird es uns gehen?« rufen die bleichen Bewohner,
64
Die wie gescheuchte Schaafe in dummer Verwirrung umher fliehn.
65
Bald verirrt ihr kläglicher Blik auf die Weiber, die Kinder:
66
Zitternd ergreifen sie sie und stürzen nieder mit ihnen
67
In die dumpfigsten Höhlen, wo ewige Dämmerung schleichet.
68
So ergreift mit ängstiger Hand den Beutel, in dem sein
69
Herz ruht, wenn über ihm sein Dach in Funken davon fliegt,
70
Der halb todte Wuchrer. Schon hört man das trozzige Schmettern
71
Auffodernder Trompeten. Mit nicht zu erschütterndem Muthe
72
Spottet der Vestung Beschüzzer der tönenden Drohung. Der Bürger
73
Hörts, wankt mit gezwungenem Schritte zur Wohnung und hänget
74
Schaudernd die rostigen Waffen um sich. Beklemmet umhals't er
75
Dann die ohnmächtige Gattin und die erbleichende Tochter,
76
Kann nicht sprechen und weint. Dort rüstet den Jüngling die Braut aus:
77
Mit unzähligen Küssen heften die schönen und blassen
78
Lippen sich auf sein brennend Gesicht, voll wallender Tränen.
79
Schluchzend tröstet der Trostlose sie: »Verzag nicht, Geliebte!
80
GoTT wird mich schüzzen: verzag nicht!« aber sein ängstliches Trösten
81
Rizzet die tödtliche Wund' in ihrem Busen nur tiefer.
82
Plözlich entreißt er sich ihren an ihm klebenden Armen:
83
Stumm und lebloß, als wär' ihr Herz dem Busen entrissen,
84
Steht sie, ihr Chrystallenes Aug auf ihn gekehrt und
85
Da er nun unsichtbar wird, und da sie statt seiner sein Bildniß
86
Nur noch zu sehen glaubt, und da er ihr Ach voll Verzweiflung
87
Nicht mehr hören kann, sinkt sie, athemloß, ohne Sinnen
88
In verbergende Kissen und schluchst, bis auf die siegreichen
89
Augenlieder voll Tränen der Schlummer mitleidig hinabsinkt.

90
Und nun sind schon die Wälle mit Vätern und Gatten und Söhnen,
91
Die für Mütter und Weiber und Kinder kämpfen, besetzet.
92
Brennende Kugeln stürzen aus zornig brüllender Stükke
93
Ehernem Rachen umsonst auf die langsam sich nähernden Feinde;
94
Alle Gassen sind öd' und nur aus hohlen Gewölben
95
Tönet die wechselnde Stimme der Angst, das dumpfe Gemurmel,
96
Und das Aechzen der Kranken und der Säuglinge Schreien.
97
Plözlich fliegen in zischenden Bogen funkelnde Bomben
98
Ueber die Stadt dahin, in izt noch stehende Thürme –
99
Jezt gesunken; würgen in bangen Versammlungen oder
100
Tödten ein munteres Kind, um welches erschrokkne Geschwister
101
Zitternd betrachtend stehn. Auf hartem Strohbette wälzt sich
102
Ein Todkranker und weint, so oft er den schütternden Knall hört.
103
Jezt entbrennet ein Haus. Vergeblich schlupfen mit schnellen
104
Schritten die hurtigen Greise aus ihren Gewölben zum Löschen:
105
Der wahrnehmende Feind schießt in das lodernde Feuer,
106
Dort herum sinken die Retter von springenden Bomben zerschmettert,
107
Und die Flamme wird Glut. Die zagende blasse Besazzung
108
Kömmt in Verwirrung, beängstigt vom Heulen der Weiber und Kinder,
109
Die mit zerstreueten Haaren die rauchenden Gassen durchirren
110
Und vom Brande gejagt auf Wäll' und Thürme sich retten.
111
Schnell bedient der Belagerer sich des erhascheten Vortheils,
112
Stürmt mit wildem Geschrei, besteigt die Mauren und öfnet
113
Die gesperreten Thore durch die er blutdürstig hereinzieht.

114
Wie die Wolke, die lang an der Stirne des blauen Olympus
115
Schwarz und schwefelgelb droht, von uneinigen Winden gehindert:
116
Endlich plazzet sie loß, verschüttet Donner und Feuer
117
Und den peitschenden Hagel in hülflose Haufen der Aeren,
118
Die er, nicht achtend des stetigen Bükkens grausam zerknikket:
119
Also würget der Feind in wehrlose Schaaren der Bürger,
120
Die mit gebogenem Knie nicht können die Wohlthat erflehen,
121
Länger das Licht des Tages, das Würmern gegönnt wird, zu trinken.
122
Blut besprenget das Pflaster: verworrene kreischende Stimmen
123
Tödtender und Getödteter steigen zum zürnenden Himmel.
124
Von dem Schrekken ergriffen gebehren schwangere Frauen:
125
Unbändig stürzen die Krieger in ihre Kammern und reissen
126
Den bekümmerten Ehemann hinweg von der Seite der Liebsten
127
Und vor ihren Augen ermorden sie ihn. Ach! vergeblich
128
Strebt der Gebehrerin matte Hand, zum Himmel zu ringen,
129
Ihr Mund stammelt und stöhnt vergeblich: sie sieht ihn durchstochen
130
Und eine tiefe Ohnmacht verlöscht ihr glimmendes Leben.
131
Bräute bitten und schluchzen für die bedrohten Geliebten:
132
Mörder sind taub dem Girren der Liebe. Geschändete Jungfrauen
133
Opfern dem schröklichen Stahl ihr schönes Leben, nachdem sie
134
Viehischen Lüsten die Tugend geopfert. Es rauchet des Säuglings
135
Eingedrükketer Schedel; in seinen goldgelben Lokken
136
Klebt Gehirn. Wie zersprang das Herz der verzweifelnden Mutter,
137
Als ein Wütrich ihr sie umhalsendes furchtsames Kind mit
138
Plumper Faust ihr entriß! Sie fiel vor ihm nieder; die Rechte
139
Grif ins gezükkete Schwerdt, die Linke versuchte den Märt'rer
140
Zu entreissen: sie jammerte, bat, beschwur ihn, versprach ihm
141
In der sie ängstenden Todesangst Geld, ihr Haus – ihre Tugend.
142
Aber er lacht' ihrer Wuth: so lachen nächtliche Blitze,
143
So lachen Flammen der Hölle durchs sie umwölbende Dunkel.
144
Zischend stieß er den Stahl durch den unschuldigsten Busen,
145
Da fiel das zarte Kind mit Zappeln zur Erde; die Wange
146
Ward mit zunehmender Blässe und purpurnem Blute gefärbet.
147
»mutter! Mutter!« erscholl noch von den bebenden Lippen,
148
Als ihm das Leben entwich: es strekkte die Hände, die Füsse
149
Von sich und blieb, ohne Rettung tod, zu den Füssen der Mutter.
150
Ganz bleich, mit verwildertem Auge, zerrungenen Händen,
151
Die sich ausgeraufte Lokken fülleten, flog sie
152
Wie eine kindberaubte Löwin, auf den Barbaren,
153
Raubt ihm das Schwerdt und tödtete ihn und sich mit dem Schwerdte.

154
Wie aus dem Toderfüllten Eden die Satane zogen,
155
So, auf Verwüstung stolz, ziehn aus ausspeyenden Tohren
156
Ueber mit Schutt und Leichen gefüllte Gräben die Barbarn.
157
Schwarz von Rauch, voll wartender Blizze, schauet der Himmel
158
Auf die Verruchten hinab und winkt dem feindlichen Heere
159
Wider sie anzuziehn und Henker den Henkern zu werden.
160
Schnell pflanzt auf dem weiten, zertretenen, stäubenden Akker
161
Sich ein blizzender Zaun von Schwerdtern, es toben die Trommeln
162
Und die Fahnen flattern bedeutend, wie Abbadons Flügel,
163
Ueber die Haufen dahin, die stumm zum Tode sich ordnen.
164
Brust gegen Brust gekehrt stehn die geweiheten Mörder,
165
Frech, gedankenloß, doch heimlich voll Sorgens und traurig.
166
Wie ein Wandrer erschrikt, wenn er unvermuthet den Rachen
167
Des zerreissenden Löwen vor ihm aufgesperrt siehet
168
Und nicht fliehen mehr kann: so beben sie, da die Geschüzze
169
Gegen sie angeführt, mit offenem Schlund' ihnen drohen.
170
Jezt ertönt die Trompete: sie sendet Schrekken auf Schrekken
171
In die Gebeine des Kriegers hinab. Jezt rufet die Stimme
172
Der Hauptleute zum Streit. Man strekt die blanken Gewehre –
173
Bliz auf Bliz und Knall auf Knall verwunden und tödten.
174
Menschen sinken wie Mükken, wie ein gewaltiger Schlag stürzt,
175
Taumeln betäubt darnieder, betäubt, bis eisernes Krachen
176
Sich eröfnender Thore der Ewigkeit sie aus dem Traum wekt.
177
Mit verdreheten Augen entstürzt der verwundete Frevler
178
Dem unter ihm wegstreichenden Roß. In umspannender dunkler
179
Todesangst suchet die starrende Hand die andre, sie noch zum
180
Richter zu falten: umsonst! zu kurz ist die Zeit seiner Busse,
181
Da er die längere frech, mit leichtsinniger Boßheit versäumet.
182
Ihr, die eure Pflicht aufruft, den winkenden Fahnen
183
In tausendfache Gefahren zu folgen, erbebt vor dem Tode,
184
Eh er noch auf der drohenden Spizze des feindlichen Schwerdtes
185
Vor eurem Busen steht: schaut ihm ins furchtbare Antliz,
186
Werdet vertraut mit ihm, gewöhnt euch zu seinen Schrekken,
187
Eh sein abscheulich Geripp euch unvermuthet umhalset.

188
Zagen und Schauder verbreitendes Bild! Aufdampfende Ströme
189
Menschenbluts rinnen auf dem untern ehernen Fußtritt des Heeres
190
Donnernden Akker, der izt zum harten Wege getreten,
191
Sie nicht bergen mehr kann. Entstellete Leichen, Waffen,
192
Kleider, unkenntliche Fahnen, Aeser geschlachteter Rosse,
193
Liegen unter den Füssen der Streiter zerstampft und verwirret.
194
Rauch und Staub verdunkelt die Gegend. Kugeln und Flammen
195
Fahren schröklich umher: das Schwerdt wird wüthend geschwungen
196
Durch die seufzende Luft, und Blut trieft herab von der Schneide.
197
Knallen, Schreyen, Wiehern und Winseln ertönen vermischet
198
Und die kläglichen Stimmen Verwundter und Sterbender werden
199
Fürchterlich unterbrochen von jauchzenden Siegesposaunen.
200
So viele Völker hier kämpften, so viele Zungen und Sprachen
201
Flehn von verschiedenen Gottheiten oder von Märtrern Erbarmen.
202
Hier eröfnet den Mund ein weicherzogner Jüngling;
203
Aber der Schall seiner Stimme verschwindt im wirbelnden Lärmen.
204
Dort strekt flehend ein Gatte die Hand aus, der sich der Gattin
205
Und der unmündigen Kinder erinnert und gern dem Getümmel
206
Noch entränne, noch lebte: aber die schnaubenden Rosse
207
Stürmen über ihm weg und erstikken den Funken des Lebens.
208
Damon, ein Vater und Held, der an der Seite des ersten
209
Des geliebtesten Sohnes voll Staub und Blut lag, erblikt' ihn:
210
Als er ihn sah, da schob er sich näher zu ihm, umarmt' ihn:
211
»o dich segn' ich, Geliebter! daß deine ehrende Wunde
212
Blut fürs Vaterland strömt! Sei getrost! die Kämpfe des Todes
213
Endet unsterblicher Lohn: laß uns mit Freuden sie kämpfen!
214
Freue dich, Sohn, und stirb!« Der sprachlose Jüngling
215
Zärtlicher, furchtsamer von Empfindung, hörte den Helden
216
Nicht. Sein trübes Auge tröpfelt' unzälige Tränen
217
In das Blut seiner Wunde und sein Herz brach seufzend.

218
Indeß end't sich die Schlacht. Ein Theil der Siegenden eilet
219
Denen Entfliehenden nach, von welchen ein plözlicher Regen
220
Abgeworfener Kleider und Waffen den Boden bedekket.
221
Fliegend wiehern die Rosse. Wolken von Staub verhüllen
222
Laufende Fußgänger ihren Verfolgern. Feigere Sieger
223
Plündern die Leichen in ihrem Blut. Abscheulicher Anblik!
224
Menschlicher sind die, die mütterlich Erdreich den Todten eröfnen
225
Und unter schönen Blumen Helden zu ruhen vergönnen,
226
Die der Großsprecher Glük durch stumme Wunden erkauften.

227
Flekken der Menschheit, vom wildsten der höllischen Geister ersonnen,
228
Krig, Zerstörer der Freuden, Verderber friedseliger Staaten!
229
So erschreklich du bist, sind schreklicher oft deine Folgen,
230
Die Jahrhunderte durch dein Andenken wieder erneuern.
231
Schallet nach langem Kriegesgeschrei die tröstliche Stimme
232
Der Posaune des Friedens an fröhlich nachhallenden Ufern:
233
Ach dann nahet der Landmann mit stillen unschuldigen Tränen,
234
Sucht sein verlassenes Dorf und findet glimmende Asche,
235
Sucht sein wallendes Feld, die Auen voll hüpfender Schaafe
236
Und die Berge voll Reben: und findt unkenntliche Wüsten.
237
So fand Noah die vormals lächelnde Erde verschlemmet
238
Als er aus dem schwimmenden Sarge neugierig heraustrat.
239
Tiefer gebeugt betrachtet die ihm izt drohenden Mauren
240
Seiner einst zierlichen Wohnung der Bürger. So stumm und erschrokken
241
Sah der mäonische Held die vorigen Freunde, mit jeder
242
Tugend des Lebens geschmükt, auf Circens bezauberter Insel
243
Ihn als zottigte Bären mit wildem Schnauben bedräuen.
244
Ganze Geschlechter ziehn hülfloß umher. Dort kriechet ein Alter
245
An dem dürren Stekken: ihm folgen mit langsamen Schritten
246
Seine entstellten Kinder nebst ihrer wehmütigen Mutter:
247
Alle in Lumpen, alle vom Gipfel des Glüks und des Reichthums
248
Zu der tiefsten Tiefe der Dürftigkeit niedergesunken.
249
Stolz geht der niedrige Reiche der sie geplündert, vorüber,
250
Hört, umwikkelt mit Tressen, bekannt mit Seufzern und Flüchen,
251
Nicht das stete Gewinsel der nakten hungrigen Knaben,
252
Noch das Stöhnen des Greises, der sie zu trösten versuchet.
253
Schändliche Sieger! die wehrlose friedengewöhnte Geschlechte
254
In ihren Häusern bestürmen und aus den Wällen voll Reben
255
Mit bepanzerten Händen verscheuchen: die köstliche Weine
256
Nicht aus Helmen entwaffneter Helden, aus gottlosem Raube
257
Und dem Heiligthum sonst geweihten Gefässen verschlukken.
258
Ists Verdienst ein Räuber zu sein, ists Lorbeeren würdig?
259
Oder lispelt sie nicht in eurem Busen, die Stimme
260
Die allmächtige Stimme der Menschlichkeit und des Erbarmens?
261
Oder erschrekket euch nie der fluchende Seufzer des Bettlers,
262
Einst ein glüklicher Bürger? Weigert die Hand sich nicht, bebt nicht,
263
Zu berühren ein Gut das fremdes Mühen verdiente?
264
Eure Kinder und Weiber, (ich sehe die rächende Zukunft)
265
Irren verlassen umher von einem Wuchrer gedrükket:
266
Tränen bahnen sich Wege auf ihre trostlose Wangen
267
Und ihr Busen gewöhnt sich zu bittern und heimlichen Seufzern.

268
Gräßlicher sind der Muse die Tygerseelen, die Morden
269
Und Unschuldiger rinnendes Blut zum Labsale wählen,
270
Lachen zu Flammen der Dörfer und jauchzen ins Schreien der Märtrer.
271
Einst wenn der sein Opfer aufspahrende Tod euch hinwirft,
272
Sollen tränende Augen, tränlose Augen, weit offen,
273
Um euer Lager blinken, ein stetes Winseln und Heulen
274
In eure Ohren schallen und aller der Elenden Flüche
275
Wie ein hoher Berg auf eurem ringenden Busen,
276
Der unter fruchtloser Müh sie von sich zu welzen, hinstirbt,
277
Ruhen. Höret und bebt: Es ist für Teufel ein Gott da.

278
Alles ist jezt öd' und Handlung, Gewerbe und Handwerk
279
Unterbrochen. Einsam zerstreuet seufzen die Menschen
280
Nach den besseren Zeiten, doch seufzen sie lange vergeblich.
281
Selten tritt nicht der magere Hunger, gefräßige Seuchen
282
Und weiterndtende Pest in die Fußtapfen des Krieges.
283
Oft erobern Tyrannen die schon verheereten Länder
284
Und ihre Herrschaft ist ewiger Krieg: sie pressen beraubten
285
Und erst schwach emporstrebenden Bürgern armselige Güter,
286
Schiffbrüchigen den Schiffbruch ab und nennen sich Väter.
287
Oft müssen die Ueberwundnen den scheuen Nakken hinbeugen
288
Dem unerträglichen Joch der Gefangenschaft. Grausame Ketten
289
Klingen an ihren unschuldigen Händen; umschränkende Blökke
290
Muß ihr müder Fuß, als wären sie Räuber, fortschleppen.

291
Noch einen Blik, empfindliche Muse! vergönne mir, die du
292
Schon der Tränen satt bist, die in dein Saytenspiel fallen.
293
Laß uns're Augen mit den gebrochenen Strahlen des Tages
294
Dämmernde Höhlen, die Gräber lebendig modernder Sklaven
295
Durchirren, laß uns die dunkeln Tränen auf ihren blassen
296
Gelben Wangen zählen (so krümmt zwischen Ufern von Schwefel
297
Sich der schwarze Styx); laß uns des Tunischen Räubers,
298
Oder des grausamen Türken, des Vieherniedrigten Tartarn
299
Wilde Aekker durchwandern, wo lärmende Ketten harmonisch
300
Tiefe Seufzer gleich Rindern pflügender Christen begleiten.
301
Dort im furchtbaren schwarzen Hayn, vom Strahle der Sonne
302
Selten nur angelacht (wie tröstet diß Lächeln die Seele!),
303
Arbeitet Silvius einsam. Er war ein blühender Jüngling,
304
Als er die trostlose Braut, mit nicht zu stillenden Tränen
305
Ahndungsvoll verließ, für seine Brüder zu kämpfen.
306
Aber wie hat der Gram izt in seine Wangen voll Rosen
307
Tiefe Furchen gezogen! Wie fliessen vom Kinn, den die Schöne
308
Oft mit sanfter Hand gestreichelt, die eißgrauen Haare!
309
Ach! und hätt' er kein Herz, das nur für Liebe geschaffen,
310
Nur für sanfte Triebe gestimmet wäre, wie glüklich
311
Wär' er! Aber bey jedem Stoß der klingenden Schaufel
312
In den felsharten Boden, hart wie seine Bewohner,
313
Fällt eine Träne mit nieder. »O Gott!« ruft er oft und hält die
314
Braunen Arme lange verzagend zum Himmel gebreitet.
315
Auch der scheinet ihm unbarmherzig: dann wirft er sich nieder,
316
Stekket sein Haupt in den Staub, bedekket mit Tränen die Gräsgen,
317
Betet und ächzet und schreyt. Verborgen lauschende Barbarn
318
Eilen herzu und färben mit Blut die betenden Arme.
319
Keine Wiesen reizen sein Aug': er ist wie ein Todter:
320
Stumm schleicht er aufs Feld, stumm eilet er weg zu der Höhle,
321
Die ihn schreklich erwartet; doch segnet er sie, denn das Dunkel
322
Das nie Phöbus noch Luna besucht, verbirgt seine Tränen
323
Und die bemooßten Gewölbe hallen des nächtlichen Flehens
324
Flüstern tröstlich zurük, gleich einer Antwort der Gottheit.
325
Selten verschließt ein kurzer verräthrischer Schlaf ihm die Augen,
326
Müde zu weinen: dann schaun die furchtbarthürmenden Mauren
327
Wie mitleidig nieder auf ihn, so siehet ein Kirchthurm
328
Auf die umher begrabnen herab. Und wenn kaum der erwachte
329
Morgen noch auf den Hügeln umherglänzt und Thäler durchschleichet,
330
So entschliesset sein Blik sich dem traurigen Lichte schon wieder,
331
Irrt verwildert umher, erkennt das alte Behältniß
332
Und der erneuerte Tag erneuert das Maaß seines Kummers.
333
Unterdeß gehen der Braut die Jahregedünkten Tage,
334
Jeder von Tränen durchweint vorüber. Im ängstenden Traume
335
Sieht sie oft den Geliebten von Ungeheuern umgeben,
336
Oder umarmt ihn in düstern Höhlen, an welchen das Heulen
337
Wüthender Wasserfälle herauftönt. – Bis an dem Himmel
338
Der sie erhört, ein glücklicher Tag zur Erde hinab lacht,
339
Da den geliebten Sclaven sein Freund sein Damon erlöset.
340
Athemloß rennt er zu ihm: der staunet ihn an und spricht nicht.
341
Ihre zitternden Arme umschlingen sich, ehe die Brust kann
342
Worte herausarbeiten, umschlingen sich, gleich als wären
343
Beyde ein Körper. Wie rollen die freudigen redenden Tränen
344
Des Unglüklichen Wangen hinab, wie drükt er den Liebling
345
Ans laut schluchzende Herz! So hoch empfindet kein Seraph.
346
»folge mir, spricht der, du bist befreyt.« So rühret kein Donner,
347
Schrekket kein plözlicher Bliz, wie dieses Wort die versunkne
348
Muthlose Seele aufschüttelt. Noch ist sie nur ganz Staunen,
349
Und verzweiflungsvolle Hofnung: doch bald wird die volle
350
Freude des Herzens Wunden heilen, die tiefgegrabnen
351
Runzeln des Antlizzes eben machen und Blüthe drauf pflanzen.
352
Und nun folgt er mit ungewissen Tritten, die magre
353
Hand in die Hand des Freundes geheftet, die Stirne, aus der die
354
Ganze Seele leuchtet, auf seine Achsel gelehnt, dem
355
Edlen Retter und weint und kann ihm nicht danken: »Damon!«
356
Lispelt er manchmal (die Stimm ist ersäuft in Tränen), und drükt ihn
357
Fester an seine Brust und lezt ihm die Wange mit Küssen.
358
Unsichtbar stehn ihre Schuzgeister, lächeln sich ihre Entzükkung
359
Und umarmen sich zärtlicher bei dem Anblik der Freundschaft
360
Ihrer Beschüzten. – Und jezt versuche die Muse Wonne,
361
Die nur fühlen sich läßt, zu schildern. Er eilet, er flieget
362
Zu seinem andern Leben. Sie sizt, die welken Arme
363
Unter das Haupt gestüzt: ihre bleichen reizenden Wangen
364
Schmükken küssenswürdige Tränen, wie Thautropfen Liljen.
365
Also in Gram versunken sizt sie: sieh! da eröfnet
366
Schnell sich die Thüre des Zimmers. Ein Mann, (noch rauh sind die Züge
367
Des einst männlich schönen Gesichts in dem seinen verstekket)
368
In ungewöhnlicher Kleidung, mit wild herabfallendem Barte
369
Und entzündeten Augen umarmt lautweinend die Schöne.
370
Gleich als hätt' ein mitternächtlicher Schatten mit kaltem
371
Schröklichen Arm sie umschlungen, bleibt sie, vom Gefühle verlassen.
372
Doch bald öfnen ihr seine unzähligen Küsse das blaue
373
Himmlische Aug', es strömt von Zeugen ihrer Empfindung
374
Eh sie noch deutlich empfindet. Er spricht ihren Namen mit Stammeln
375
Tausendmal aus, drükt ihre kraftlose Hand an die Lippen,
376
Wäscht sie in seinen Tränen. »Geliebteste, theuerste, beste,
377
Theuerste Doris!« Sie zittert, betrachtet ihn, und erkennt ihn:
378
»silvius! – Bist du es, Silvius? Bist du es, theurer Geliebter?
379
Ist es ein täuschender Traum, der dich mir schenket? Wie oder
380
Seh ich vielleicht im Todesthale dich wieder? – Du bist es,
381
Ja, du bist es!« – Jauchzen erfüllt die Gegend und Freude
382
Ist der Liebenden Seele, die sie belebet und fortreißt,
383
Daß sie Handlungen üben, der Einfalt und Kindheit sich nähern,
384
Die der gelehrte Vater am staubichten Pulte belachet.

385
Dann wenn die rauschende Freude vorbeygerauschet ist, kann sie
386
An dem werthen Geliebten nicht satt sich sehen, dann kann er
387
An der theuren Geliebten nicht satt sich küssen: dann trennt sie
388
Nimmer sich von ihm. Er muß tief in dem einsamen Hayne,
389
Der ihm wieder Ruhe zulispelt, am gleitenden Bache,
390
Des unabläßiges Murmeln ihm nicht mehr Schwermuth erwekket,
391
Seine Geschicht' ihr erzählen. Sie troknet dann zärtlich die Tränen
392
Die die Erzehlung begleiten, und muß auch ihm ihren Kummer,
393
Ihre Geschicht' erzehlen, dann küßt er die reizenden Tränen
394
Von ihren Wangen weg, die ihre Erzehlung begleiten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.