Zeit, sey mir heilig, den Sohn im Leiden des Todes zu singen

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Zeit, sey mir heilig, den Sohn im Leiden des Todes zu singen Titel entspricht 1. Vers(1771)

1
Zeit, sey mir heilig, den Sohn im Leiden des Todes zu singen,
2
Tränen fließt in die Lieder, die ich dem Blutigen weihe.
3
Triebe, die David den Sänger nach Gottes Herzen beseelten,
4
Wenn er einsame Nächte mit heiligen Lobliedern feyrte:
5
Die den erleuchteten Geist der Gottes-Propheten entzückten,
6
Sahn sie den Mann unsers Heils in dämmernder Zukunft am Kreutze:
7
Triebe, die durchs klopfende Herz Maria erbebten,
8
Da sie den sterbenden Sohn mit einer Gebärerin Schmerz sah:
9
Seyd mir Begleiter wenn ich zum Hügel des Bundes hineile,
10
Den Unsterblichen todt, den Schöpfer gekreuzigt zu sehen.

11
Blutiger Oelberg, mit Nebeln und donnernden Wolken bedecket,
12
Altar, auf dem der Messias den eyffernden Richter
13
Bald wird strömendes Blut der sterbenden Unschuld dich färben,
14
Und die traurende Erde, die Gott einst donnernd verfluchte,
15
Segnen, versöhnen und sie zum Tempel des Ewigen weyhen.

16
Dort krümmt Jesus als Sünder sich vor dem Richter im Staube.
17
Anbetungswürdige Demuth! Er trägt, ein göttlicher Bürge,
18
Auch im Staube noch groß, die Straffen der Kinder von Adam,
19
Die sie von Pole zu Pol seit der Schöpfung Morgen verschuldten.
20
Jeder Seufzer, den Lasten des Fluches dem Busen erpressen,
21
Jede Zähr' um Erbarmung, vom Aug' des Erbarmers geweinet,
22
Jeder Tropfen vom Schweiß, der blutig die Wangen herabrollt,
23
Jede gramvolle Miene des leidenden Schöpfers der Freuden:
24
Sagts den erlöseten Sündern: Der Mittler ist Gott, und die Liebe!
25
Meine Gedanken entfliehn, und staunend stammelt die Zunge!
26
Jesus, die Unschuld, fühlt Straffen, die nie ein Endlicher dachte.
27
Blutiger Angstschweiß rollet vom blassen Gesichte herunter,
28
Fliegende Pulse klopfen ihm Ahndungen großer Gerichte.
29
Bang erhebt er die Arme zum donnernden Richter zu beten,
30
Aber Empfindungsleer sinken die Hände zurück auf sein Antlitz,
31
Wie, wenn die bebende Erde sich auf einen Elenden wälzet,
32
Ihm ein Grab wird, und er die letzten Kräfte der Menschheit
33
Mit Verzweiflung und Furcht des Todes wafnet, um von sich
34
Die auf ihn sich krachend stürzenden Hügel zu wälzen,
35
Dann die Kräfte entfliehn: so raft er noch einmal sie mächtig
36
Alle zusammen und ringt und stirbt in seiner Bemühung:
37
So belastet mit Todesangst, unter den Schlägen des Richters
38
Jesu schauert, erhebt sich, und läßt seine Todesangst beten:
39
»vater und straffender Richter, wenn gleich die Donner dein Antlitz
40
Meinem schmachtendem Auge, dein Ohr meinem Flehen verhüllen,
41
Nenn ich dich doch mit jenem süssen Namen des Vaters,
42
Den mir, da ich noch bey dir war, feyernd die Himmel nachsangen.
43
Jetzt ein Wurm und kein Mensch, beschwör ich dich bey dem Namen,
44
Wende den Kelch deines Zorns und der unerträglichen Quaalen.
45
Vater, soll ich dein Sohn verzehrendes Feuer austrinken?
46
Doch, nicht mein, sondern dein, o Vater, dein Wille geschehe!
47
Ja, Gott, donnere Tode in meine morschen Gebeine,
48
Laß mein innerstes Mark vor deinen Gerichten vertroknen,
49
Leg' nieempfundene Straffen auf meine büssende Schultern:
50
Nur des Blutes der Menschen, Vater, Erbarmer, verschone!
51
Unterstütze mich Arm des Unendlichen, wenn meine Menschheit,
52
Meine endliche Kraft in endlosen Quaalen erlieget:
53
Laß michs, laß michs vollenden, das Werk der großen Erlösung,
54
Daß ich von Myriaden erretteter Menschen begleitet,
55
Einst in mein Reich zieh und ewig ihr Hallelujah empfange!«

56
So fleht Jesus, und sieht um Erhörung schmachtend zum Himmel.
57
Aber schwärzere Wolken verhüllen das Antlitz des Vaters.
58
Donner brüllen ihm zu: Verflucht seyst du Sündervertreter!
59
Noch erhebt sich der niedergedonnerte göttliche Bether,
60
Noch zweymal wagt er es Vater! Vater! zu winseln,
61
Opfert sich Gott mit starkem Geschrey und Angstvollen Tränen,
62
Ringt mit dem Tode, fühlt seinen Stachel und lebet und sieget.

63
Wie wenn brausende Stimmen der Wellen sich nach und nach legen,
64
Und in den Wirbeln des Weltmeers die Sonne von neuem sich spiegelt;
65
So entfernte der Vater allmählig die marternden Leiden,
66
Und den entkräfteten Sohn überströmte jetzt lindernde Ruhe.
67
Einer der Helden des Ew'gen sprach unaussprechliche Worte,
68
Eine geheime Stärkung für Jesu trostleere Seele.
69
Und er stand auf, sah freudig zum Himmel, dankte dem Vater,
70
Eilte göttlich gestärkt in neue wartende Martern.

71
Folgt ihm gläubige Seelen auf dem Wege der Leiden!
72
Seht mit heiligem Zittern die Hände, die Sünder umfiengen,
73
Die oft jammernden Kranken und Sterbenden Leben ertheilten,
74
Die die Säuglinge herzten, mit drückenden Fesseln umwunden!
75
Seht den Göttlichen ruhig der Mörder Urteil erwarten!
76
Seht ihn blutig, entkleidt, geschlagen verspottet und elend!
77
Seht das glänzende Antlitz mit Speichel und Tränen bedecket!
78
Seht die heilige Scheitel mit spitzigen Dornen zerstochen!
79
Und den Rüken auf welchen Gott unsere Sünden gewelzt hat
80
Wunde bey Wunde, zerfleischt, ein schmähliches Kreutz auf der Schulter!
81
Und, welch ein Anblik! Sünder, die mit dem allmächtigen Hauche
82
Jesus vernichtete, wären sie nur nicht Würmer des Staubes,
83
Wär' er nicht Sohn der Liebe, und Sohn des Vaters der Liebe,
84
Creuzigen ihn, die Fülle des Segens, als Fluch als Verbrecher,
85
Und durchboren die nach uns ausgerekt schmachtenden Arme
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Und die Füsse mit Nägeln: Seegen fließt mit dem Blute.
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Seegen auf die Mörder, wenn sie einst wehmütig fühlen
88
Des Verbrechens Abscheulichkeit und Gnade erwinseln.
89
Hört ihr Sünder alle, alle von Adam her, Sünder
90
Hört wie der Gottmensch betet da sündhafte Brüder ihn tödten!
91
Fleht er um Rache und Blut, fleht er den eyffernden Vater
92
Um Seraphim und Engel, tausend bey tausend zu schlagen?
93
Nein, er bittet: »Vater, vergib den Mördern des Sohnes!
94
Unter der Finsterniß Macht verkennen sie mich den Messias.
95
Viele von diesen Mördern, viele der sündigen Menschen
96
Deren Sünden mich tödten, wird mein heiliger Donner
97
Mein lebendiges Wort erschüttern, zerschmelzen und beugen.
98
Wenn sie dann mit Wehmuth und Schaam, mit Seufzern und Tränen
99
Am Creutz deines Sohnes hinknieen, winseln und jammern;
100
Dann höre sie o Vater, vergieb ihnen, Vater! Erbarmer!
101
Dann werd ich vom Creutze mit sanftem holdseeligem Lächeln
102
Ihnen die blutigen Hände reichen, ins Leben sie ziehen.«

103
Sünder fallt nieder und betet ihn an den Abgrund der Liebe!
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Sonst wenn er wiederkommt wird dis barmherzig tränende Auge
105
Richterlich funkeln, die Miene des Mitleids Tode verkündgen.
106
Dann rekt er die blutige Hand über schnöde Geschöpfe,
107
Klagt euch an als Verbrecher und schwört bey des Ewigen Namen:
108
Ihr seyd ewig verflucht, verflucht zum ewigen Tode!

109
Fern von Jesu Creutz steht ein verachteter Hauffe
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Weniger Edlen, welche voll Schmerzen Seufzer nur lispeln.
111
Ein ehrwürdiger Schimmer zwar vom Verzagen verdunkelt,
112
Aber doch heilig, fließt um die Stirn der besten der Mütter.
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Welche Feder ist fähig, ihre Empfindung zu schildern!
114
Keine Minute verliert ihn ihr Blik, und schneidende Schwerter
115
Fahren bey jedem Gedanken durch ihr offenes Herz hin.
116
Jede blutende Wunde des Sohnes blutet ihr doppelt!
117
Alles ist ihrem Geiste jetzt ein entsetzliches Chaos.
118
Matter spielen die Strahlen um jene goldgelbe Scheitel
119
Des unschuldigen Jüngers, des Herolds der Liebe, Johannes.
120
Wemüthig zittern Tränen auf seiner sorgenden Wange.
121
»da der Busen, so lispelt er, welcher mir Gottesgedanken
122
Als mein Haupt daran ruhte, durch jeden Pulsschlag ins Herz gab,
123
Merklich erstarrt er, röchelt und schwillt und die Farbe des Todes
124
Todesblässe bedekt ihn – Seegnet mich heilige Ströme
125
Aus seinen offenen Wunden! seegne mich brechendes Auge!
126
Rede Herr, dein Mund öffnet sich, ich höre dich folgsam!«

127
Erst zum Vater ein Blick, dann spricht er zur sterblichen Mutter:
128
»dort ist Geliebte, dein Sohn, ein Mensch zwar, aber ein Liebling
129
Deines sterbenden Sohnes, der jetzt zum Himmel zurückeilt.
130
Du, Johannes, mein Bruder, dem noch mein zärtliches Herz wallt,
131
Die mich mit Schmerzen gebar, übergeb ich dir sterbend zur Mutter.«

132
Aber in welcher Gesellschaft hängt mein Jesus am Kreutze?
133
Jesus in der Mitte zweyer ruchlosen Mörder!
134
Und, erstaune Hügel des Todes, Oelberg erbebe!
135
Ein verurtheilter Sclave, der vor sich heulende Nächte
136
Einer Ewigkeit sieht, die mit namlosen Quaalen ihm drohet,
137
Wagts der Unendlichkeit Vater, den Schöpfer der Hölle zu lästern?
138
Jesus sieht ihm erhaben in seine knechtische Augen,
139
Wie verächtlich der Mensch auf den Wurm der sich sträubet, herabsieht.
140
Aber ein brennendes Feuer lodert im Busen des andern
141
Mitgekreuzigten Sünders und schmelzt ihn in ernstliche Reue.
142
Er fühlt, er fühlt sie die Gottheit des von der Welt so Verschmähten.
143
Alle geübte Verbrechen fühlt er in ihrer Grösse,
144
Und der Gedanke, daß er vor dem Antlitz des sterbenden Gottes
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Seine verdienten Straffen empfange, beuget ihn doppelt.
146
Noch voll heimlicher banger Bemühung dem Forscher der Nieren
147
Diese schamrothe Wange, dis furchtsame Aug zu verstecken:
148
Hört er die Schmähungen welche sein Mitverurteilter ausspeyt,
149
Und im heiligem Eiffer spricht er für den schweigenden Jesum;
150
»billig leiden wir Straffen. Verdiente Nächte des Todes
151
Rauschen über die Häupter, die Gott und Gesetze verkannten,
152
Die die Stimme des Bluts der Unschuld nicht heilsam erschreckte.
153
Aber, der göttliche Mann, wenn hat er sich sträflich vergangen,
154
Hat ihn Judäa nicht selbst für einen Propheten gehalten?«

155
Hingerissen von Wehmuth wagt dann der blöde Verführte,
156
Seine tränenden Augen zum Trohne der Gnaden zu richten,
157
Und sein innres Gefühl dem Gottmenschen selber zu beichten.
158
Mit Schaamglühender Wange, zur Erde gehefteten Augen,
159
Und leiser bebender Stimme redte der Schächer zu Jesu:
160
»herr gedenke barmherzig an mich wenn du in dein Reich kommst!«
161
Mit jenem mächtigen Blicke, der oft Verzagende stärkte
162
Sah Jesus dem Schächer am Kreutz ins erbleichende Antlitz:
163
»warlich, heute noch wirst du im Paradiese mit mir seyn!«

164
Noch rollen Donner am finstern Olymp, noch triefen die Quaalen
165
Von der geschwungenen Geissel welche den leidenden Sohn schlug.
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Und jetzt winkte Jehovah, die Erde stand still, und die Sonne
167
Hüllte ihr Antlitz in Nebel. Finsterniß dekte die Flächen,
168
Nächte die Thäler und blasse Dämmrung die Spitzen der Berge,
169
Daß nicht die Leiden des Mittlers ein Auge des Spötters erblickte.
170
Kannst du entsetzlicher quälen finstre grundlose Hölle,
171
Wo in tausend unendliche Wirbel der Quaal und Verzweiflung,
172
Das Geheul des Sturmwinds Gottesvergessene schleudert,
173
Als in dem Meere von Nächten immer bänger und bänger
174
Der Erlöser gequält wird, sich windet und blutet und jammert?
175
Seufzer, gebrochene Worte, Stimmen der Angst und Verzweiflung
176
Schallen lange drey Stunden vom Kreutz in die rauschende Nacht hin.
177
Brüllende Donner mischen bisweilen sich unter die Klagen,
178
Unter zerschmetternden Blitzen krachet die furchtbare Sonne.
179
Einsam heulen Orcane: nun schweigt das Getümmel der Städte,
180
Und das Rauschen der Flüsse die sich nach Golgatha drängten.

181
Wie, wenn der blühende Knabe voll Unschuld, auf seinem Lager
182
An der Seite des besten Vaters von Träumen geschreckt wird,
183
Und auf dem stürmenden Meere von brausenden Wellen geschleudert,
184
Seinen Retter und Vater, der ihm die Hand reicht, verlieret:
185
Oder, wenn er im Traume, vom Gipfel des höchsten Gebirges
186
Mit dem rollenden Sande schnell weggerissen, herabstürzt,
187
Und vergeblich den Vater, der ihm nicht helfen kann, anschreyt,
188
Dann plötzlich erwacht, und zitternd den Vater erblicket,
189
Dann mit zärtlichen Tränen ihn kindlich umhalset und küsset,
190
Und halb Wemuth halb Freude: Wo warst du, Vater? ihn anredt:
191
So erwachte jetzt Jesus aus den betäubenden Quaalen,
192
Rang seine Klagen zum Vater, die Täler hallten sie wieder:
193
»gott, mein Gott, warum hattest du mich in der Hölle verlassen!«

194
Aber der Strahl seiner Gottheit, der ihn zu verlassen schien, kam jetzt
195
In die verschmachtende Menschheit zurük und mit ihm Entzüken.
196
Wie in den äussersten Ländern Europens unter dem Nordpol,
197
Wo ein ewiges Eiß die steinerne Erde bedecket,
198
Wo die matten Stralen der weitentlegenen Sonne,
199
Wenn sie im Eise sich spiegeln, schon Freuden des Sommers erwecken:
200
Wenn da die schwerbelasteten Flügel halbjähriger Nächte
201
Langsam, der mächtigern Sonne die ferne herannaht, entfliehen,
202
An ihre Stelle Dämmrung tritt, die Mutter des kommenden Tages:
203
Wie dann die Einwoner wenn sie das Antlitz der Sonne erblicken,
204
Mit lauten Jubeln sie seegnen, da freudiges Lächeln
205
Wie eine Sonne sich auf den vergnügten Gesichtern verbreitet:
206
So verscheuchten die wiederkehrenden Strahlen der Gottheit,
207
In der Seele des Mittlers die schwarzen Todesgedanken,
208
Und die Bilder der Hölle, die Schrecken die ihn umringten.
209
Nun sah er mit lachendem Auge die Erde versönet;
210
Und das göttliche Werk der andern Schöpfung vollendet.
211
Fern entzükten sein Ohr die Hallelujah der Himmel
212
Und der lispelnde Dank der heiligen Seelen der Väter.
213
Jetzt rief er der Schöpfung die Botschaft des Friedens entgegen:
214
Es ist vollbracht! und die Täler, das Echo schallte sie wieder.

215
Aber wer naht sich dem Creutz in furchtbares Dunkel gehüllet,
216
Welche magre Gestalt mit mördrisch funkelnden Augen?
217
Sie tritt beym Siegesthor Jesu zurück und staunt und erbebet
218
Hört der Hölle Geheul, wie ein Ueberwundener heulet,
219
Sieht den Teuffel im Meere des Todes verzagen und wüten,
220
Wendt sich zu fliehn, kehret wieder, flieht wieder, steht tiefsinnig stille,
221
Sieht im Antlitz des Mitlers Züge der Freuden des Sieges:
222
Brennet vor höllischer Wuth, winkt den verzagenden Teuffeln,
223
Hebt den knöchernen Arm, läßt ihn sinken, doch wagt sie es wider,
224
Und will den tödlichen Streich zum Haupte des Gottmenschen führen,
225
Doch keine Macht des Todes raubt Jesu Christo das Leben,
226
Er übergiebt es freywillig zum Opfer dem himmlischen Vater.

227
»vater, zittert darauf des Mittlers sterbende Stimme:
228
Ich befehl meinen Geist in deine barmherzige Hände!«
229
Langsam verleschet das Feuer in seinen freundlichen Augen,
230
Blässer werden die Lippen, blässer die lieblichen Wangen,
231
Matter sinket das Haupt auf die blutigen Schultern herunter:
232
Eiß wird sein Blut, nicht mehr klopfet das göttliche Herz und der Pulsschlag,
233
Und – meine Seele weigert sich, den Gedanken zu denken:
234
Gott, der Unsterbliche stirbt: er neiget sein Haupt und verscheidet.

235
Und die Erde steht still, der Jubelthon himmlischer Sänger
236
Schweiget, die Sonne wird Nacht. In untersten Tieffen der Hölle
237
Brüllt der Donner furchtbar: der Gottmensch stirbt! und sie heulet.
238
Selbst der Tod erbebt vor seinem begangenen Morde.
239
Orcane zersprengen die Vesten der Erde, sie wartet
240
Wenn ihr der Richter befielet die Mörder des Sohns zu verschlingen.
241
Traurig, doch voll heil'ger Verehrung der Winke des Ew'gen,
242
Stehen die Cherubim fertig mit flammenden hauenden Schwerdtern,
243
Die rebellischen Menschen tausend bey tausend zu tödten:
244
Doch der Tod des göttlichen Mittlers versönet den Vater!
245
Seht der Vorhang des Tempels zerreißt und öffnet euch Sündern
246
Ganz das Heilige, welches die Priester mit Zittern betrachten:
247
Mit ihm zerreisset die Handschrift unserer Sünden, die Ketten
248
Des Gesetzes und Todes, es bricht der Stab Mosis des Treibers!

249
Welches ein frohes Getümmel entsteht in den Hügeln des Oelbergs!
250
Wie! verschlossene Gräber eröfnen sich, Todte erwachen,
251
Heilig glänzen die Scheiteln, himmlisch wie Seraphen glänzen;
252
Lächelnd winken sie ihren jetzo noch irdischen Brüdern
253
Ihre Seeligkeit zu, und die Versönung des Vaters
254
Und das Entzücken der Himmel über der Menschen Erlösung.
255
»heil euch, heilige Lehrer! kommt in die Hütten der Sünder,
256
Lehret uns göttliche Dinge, warum verweilet ihr draussen?«
257
Aber sie lächeln, und sehen zum Himmel und glänzend entfliehn sie,
258
Zeigen sich andern, verschwinden und lassen Stralen zurücke.

259
Noch hängt Jesus am Creutz in Mitternächtigen Dunkel,
260
Hängt verlassen von seinen Freunden und Brüdern und Jüngern.
261
Doch es stehen erstaunt noch einige fühlbare Herzen,
262
Jammern und weinen um ihn, sie schlagen zerknirscht und wehmüthig
263
An ihre schwellende Brust. Hier ruft der Hauptmann, ein Heide:
264
Wahrlich dieser ist Gottes Sohn! und andere stammlen
265
Weinend und klagend ihm nach: Warhaftig er war ein Sohn Gottes!

266
Weinet nicht, edele Seelen! sehet, es hat überwunden
267
Vom Stamme Juda der Löwe, und die Versönung vollendet.
268
Zwar der göttliche Leib sinkt unter die modernden Todten,
269
Sinkt in den Schooß der Erde, die ihren Schöpfer verhüllet.
270
So starb die glühende Rose, als sie ein heulender Nordwind
271
In den Staub herabwarf, und ihre geruchreichen Blätter
272
Mit den Blättern stachlichter Disteln und niedriger Kletten
273
Traurig vermischte und ihnen Saft und Farbe verwehte.
274
Zwar seht ihr den göttlichen Mann nicht mehr wohlthätig herumziehn,
275
Sondern, er ist ein Entschlafner, ein Bürger des Reiches der Schatten.
276
Aber Jehovah wird seine Seele nicht in der Hölle
277
Seinen Leib der Verwesung, dem Wurm zur Beute nicht lassen.
278
Ein hellglänzender Leib mit himmlischer Klarheit verkläret
279
Wird aus dem dumpfen Grabe umgeschaffen hervorgehn.
280
Und nach vierzig Tagen wird der verklärte Messias
281
Auf dem blutigen Berge, wo er zur schrecklichsten Tieffe
282
Schmählicher bitterer Leiden, zum Grabe des Todes herabsank,
283
Zu der höchsten unabsehbaren Maiestät Gottes
284
Vom versöhnten Vater herrlich erhöhet erscheinen.
285
Eine blitzende Wolke wird mit ihm vor euren Augen
286
Wegrauschen; tiefes Erstaunen wird dann eure Tränen um Jesum
287
Halb noch im Auge vertroknen, und eure Seufzer ersticken.

288
Aber, welch ein göttliches Licht verbreitet sich um mich?
289
Meinem staunenden Blicke dämmert mit mächtigem Schauer
290
Eine heilige Zukunft; laßt uns mit Ehrfurcht hinabsehn!
291
Welche festliche Stille herrscht auf dem wartenden Erdkreiß!
292
Stiller lag nicht das Chaos, eh es vom Schöpfer gebildt war.
293
Schauervolle Dämmrung lagert sich auf den Flächen,
294
Schwarze, schwangere Wolken wölben den fliehenden Himmel.
295
Ein entsetzliches Murmeln braust vom rebellischen Weltmeer
296
In das Ohr des schüchternen Wandrers der still steht und bebet,
297
Und sich platt auf die Erde, die ihm zu zittern scheint, hinwirft.
298
Sollte der festliche Tag des Weltgerichts etwa herannahn?
299
Sollte das Ende der Welt uns mit dem Anzuge drohen?
300
Ja mich dünkt, ich höre die fernen rollenden Donner,
301
Und den durchdringenden silberthönenden Schall der Posaune.
302
O wie zerschneidt sie das innerste Mark der Kinder von Adam
303
Die den göttlichen Sohn am Stamm des Creutzes verkannten!
304
Mit wildströmendem Auge sehn sie den offenen Himmel.
305
Jesus fähret herab mit majestätischer Hoheit,
306
Cherubim um ihn. Neben ihm jauchzende Seelen der Väter.
307
Vor ihm zersprengte Gräber und auferstehende Todten.
308
Hinter ihm folgen die Todes-Engel in furchtbarem Zuge,
309
Die mit blitzenden Schwerdtern den heulenden Gottlosen dräuen.
310
Unter seinen Füssen krümmen sich Gottesverächter.
311
Elemente zerschmelzen und gränzlose Welten verbrennen.
312
Ein durchdringender Thon der Jubel reisset mein Ohr hin,
313
Es sind gläubige Fromme, die hier um den Weltsöner weinten,
314
Die, wie geläutertes Gold aus grossen Trübsalen kamen,
315
Die im Blute des Lammes ihre Kleider gewaschen.
316
Jetzo fliehen sie auf den Flügeln der tragenden Engel
317
In die Arme des Richters der sie mit Lächeln empfänget.
318
Namenloses Entzücken durchströmt ihre offene Herzen,
319
Denn er wischt ihre Tränen von ihren Wangen zu Perlen.
320
Jeder Seufzer der noch auf der beklommenen Brust saß,
321
Als der Richter des Fleisches auf einer Wolke sich zeigte,
322
Wird jetzt zum Hallelujah: sie sitzen auf goldenen Trohnen,
323
Halten mit Jesu Gericht und eilen mit Jesu zum Himmel,
324
Wo sich ewige Freuden in einander verlieren,
325
Wo bald diese bald jene unendliche seelige Aussicht
326
Unsere Augen hinreißt, und unser Hallelujah reitzet.
327
Weinet nicht edele Seelen! der für euch am Creutz starb, lebt ewig,
328
Herrscht ewig zur Wonne aller begnadigten Sünder!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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