Die Erde und der Mensch

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Friedrich Hebbel: Die Erde und der Mensch (1848)

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Dich, alte Erde, muß ich etwas fragen,
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Damit sich endlich mir das Räthsel löse,
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Mit dem in unsern ungewissen Tagen
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Sich ängstlich plagt der Gute, wie der Böse.
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Du magst mir, was du willst, als Antwort sagen,
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Ich ruf' es treu hinaus in das Getöse
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Der Millionen wild verworr'ner Stimmen,
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Gleichgültig, ob sie jauchzen, ob ergrimmen.

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Ich seh' den holden Frühling wieder kehren,
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Und reicher war er niemals noch gestaltet,
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Als wolltest du dich jedes Keims entleeren,
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So hat sich üppig Alles rings entfaltet,
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Die Fülle hört nicht auf, sich zu vermehren,
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Verschwenderisch erscheint der Geist, der waltet,
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Man fragt: kann jetzt ein zweiter Lenz noch kommen?
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Allein man weiß: dem Herbst wird dieser frommen!

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Doch deine Menschen schau'n darein mit Mienen,
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Als wärst du nicht ein ewig-grüner Garten,
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Vielmehr ein Schiff, so überfüllt von ihnen,
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Daß sie schon längst vor Furcht und Angst erstarrten,
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Als wäre jetzt ihr jüngster Tag erschienen,
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Als hätten sie nicht Frist mehr zu erwarten,
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Als müßten sie sich um den Zwieback raufen
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Und sich mit Blut ihr letztes Mahl erkaufen.

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Sprich, Erde, drum: hat die Ernährung Schranken
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Und die Erzeugung hätte dennoch keine?
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Vergebens dürfte nicht ein Hälmchen ranken,
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Indeß entmarkt, mit schlotterndem Gebeine,
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Zu Millionen schon die Menschen wanken,
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Weil du für sie kein Brot mehr hast, nur Steine?
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Weit eher sollte eine Welt voll Aehren
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Ja doch verfaulen, als ein Mensch entbehren!

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So hatt' ich in der Frühlingsnacht gesprochen,
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Verzweifelnd ob dem düstern Welt-Verhängniß,
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Mir war der Geist gebeugt, das Herz gebrochen,
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Und in der rastlos wachsenden Bedrängniß
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Wagt' ich die stumme Mutter aufzupochen
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Um einen Trost in meiner Seelenbängniß.
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Auch gab sie mir, die ich begehrt, die Kunde,
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Jedoch in strengem Sinn, mit ernstem Munde.

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Noch nie ist mir ein Kind aus Noth gestorben –
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Dieß war ihr Spruch – denn jede war zu wenden,
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Und sind auch ganze Völker schon verdorben,
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Man konnte fernhin über's Meer sie senden,
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Dort hätten sie sich Heil und Glück erworben
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Und mich zugleich geschmückt mit fleiß'gen Händen,
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Ich band die Bäume nur an ihre Schollen,
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Die Menschen nicht, weil diese wandern sollen!

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Darum verklagt nicht mich, wenn ihr verschmachtet
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In einem Elend, das ihr selbst geschaffen,
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Weil ihr das Mittel, das ich bot, verachtet:
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Faßt endlich den Entschluß, euch aufzuraffen,
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Und kehrt den Pflug, wenn ihr nach Segen trachtet,
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Still gegen mich, nicht gegen euch, die Waffen:
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Ich hatt' und hab' für weit mehr Millionen
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Noch Brot, als mich bewohnten und bewohnen!

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Bin ich nur erst bebaut in allen Ländern,
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So wird euch Allen auch der Tisch sich decken,
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Und sollte sich's in fernster Zukunft ändern,
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So habt ihr selbst die Gränze euch zu stecken,
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Und die gehören zu der Freiheit Schändern,
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Die dann vor dieser schweren Pflicht erschrecken;
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Ich kann mich nicht vergrößern, meinen Kindern
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Ist's nicht unmöglich, ihre Zahl zu mindern.

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Zwar glaube ich nach der Natur der Dinge,
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Das Gleichgewicht wird ewig fort bestehen,
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Wenn's erst errungen ist, daß dieß gelinge,
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Müßt ihr den Weg, den ich euch zeigte, gehen.
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So dreht euch denn nicht mehr im alten Ringe,
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Erweitert ihn, und Alles ist geschehen:
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Wenn meine Quellen nicht mehr überfließen,
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Wird wohl von selbst des Lebens Thor sich schließen.

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Doch dieß wird das Jahrtausend kaum entscheiden,
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Drum soll es nicht schon das Jahrhundert quälen,
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Ihr braucht nicht länger, als ihr wollt, zu leiden,
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Ihr habt nur neu den Welttheil euch zu wählen,
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Dann wird, was ich in meinen Eingeweiden
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Bisher mit Qual verschloß, euch nicht mehr fehlen,
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Und, statt des Fluchs, werd' ich in vollen Chören
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Zum ersten Mal der Menschheit Jubel hören!

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Nun schwieg sie still, ich aber rief vernichtet:
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Sie hat mit uns, wir nicht mit ihr, zu rechten;
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Darum zu Schiff, jedoch zum Heer verdichtet,
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Nicht bloß zu pflügen gilt's, wohl auch zu fechten;
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So wird der große Doppel-Zwist geschlichtet,
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Denn erst, wenn wir uns ganz mit ihr verflechten,
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Kann sie der Sonne auch für ihre Stralen
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In Glanz und Duft die ganze Schuld bezahlen!

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Laß aber du, o Vaterland, dich mahnen:
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Vergiß sie nicht, die Kinder in der Ferne;
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Sie werden segeln unter deinen Fahnen,
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Drum sorge du, daß man sie achten lerne,
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Und zieh'n sie auch von Pol zu Pol die Bahnen,
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Sei du mit ihnen, wie die treuen Sterne,
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Und halte jedes, voll erhab'nen Trutzes,
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Je ferner dir, je würd'ger deines Schutzes!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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