Das abgeschiedene Kind an seine Mutter

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Friedrich Hebbel: Das abgeschiedene Kind an seine Mutter (1843)

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O, meine Mutter, schwer war unser Scheiden,
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Drum muß ich mich noch einmal zu dir wenden,
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Dich zu beschwichtigen in deinem Leiden!
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Und ob mich auch die tausend Sonnen blenden,
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Die still und groß an mir vorüber wallen,
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Doch find' ich sie, der sie die Stralen senden, –
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Die Erde noch heraus, die dämmernd-kleine,
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Die, sonst verschwimmend in den blauen Hallen,
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Jetzt heller aufglänzt, wie im eig'nen Scheine,
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Denn fröhlich sind der Menschen Angesichter,
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Und keines ist verdüstert, als das deine!
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Die Kinder hüpfen um die Weihnachtslichter,
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Die ihre Mütter ihnen angezündet,
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Du siehst es und verhüllst dich dicht und dichter.
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Ich aber will, geheimnißvoll verbündet
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Mit meines Vaters Geist, nicht von dir lassen,
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Bis ich das Wort der Worte dir verkündet,
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Das, kannst du's auch nicht ungestorben fassen,
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Doch all dein Sinnen fesselt und dein Denken,
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Bis es sich ganz dir aufschließt im Erblassen.
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Ich will in meinen Vater mich versenken,
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Ich will mein tiefstes Ahnen ihm entdecken,
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Ich will ihm Bilder und Gedanken schenken,
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Die selbst vor einem Dichter sich verstecken.
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Und faßt er sie so wenig, wie die Harfe
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Den Ton, den Abendlispel in ihr wecken,
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So wird er doch nach innerstem Bedarfe
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Sie fromm in deine Brust hinüber leiten,
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Dann lös't in ihr der Mißlaut sich, der scharfe,
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Da ew'ge Harmonieen ihn bestreiten.

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O, had're nimmer mit den Urgewalten,
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Die, ruhig thronend über alle Zeiten,
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In festen Händen jeglich Schicksal halten!
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Des Lebens Schönheit wollt' ich dir erschließen,
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Des Todes Schrecken mußt' ich dir entfalten,
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Die ird'schen Wonnen brannt' ich, zu genießen,
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Doch zu den höhern ward ich abgerufen.
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Dir war, als sähst du mich in Nichts zerfließen,
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Als mich's erhob zur letzten aller Stufen,
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Ich selber sträubte mich, obgleich mein Beben
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Und Säumen einzig so viel Qual mir schufen.
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Ich glich in meinem eitlen Widerstreben
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Dem Eingekerkerten, der das Gefängniß,
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Wenn es zusammenstürzt in Windes Weben,
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Nicht lassen will in seines Herzens Bängniß,
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Es fällt kein Stein, der ihm nicht Wunden schlüge,
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Bis er entspringt, dann faßt er das Verhängniß
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Und thut im Freien frische Athemzüge.
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Mir war, wie ich da lag in meinen Wehen,
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Als könnt' ich's nie verwinden, was ich trüge;
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Jetzt ist es mir, als wär's mir nie geschehen,
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Und, wie du meines Friedens reine Fülle,
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So kann ich deinen Schmerz nicht mehr verstehen.
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Mich schaudert's vor der abgeworf'nen Hülle,
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Auch fürchte ich, es würde dich nicht heilen,
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Sonst zeigte ich in mitternächt'ger Stille
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Mich, wie ich war, in Träumen dir zuweilen.
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Jetzt hält ja keine Form mich mehr gefangen,
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Kann ich auch jede, wolkengleich, zertheilen,
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Ich bin, was meinem innersten Verlangen
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Entspricht, und bin's nicht mehr, sobald mich ekelt,
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Wer alle, bis zur höchsten, durchgegangen,
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Der wird in keine wieder eingehäkelt,
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Er wird, und ob's ihn auch noch rückwärts triebe,
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Doch nicht mehr schnöde an den Staub vermäkelt.

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Denn, alles Leben ist gefror'ne Liebe,
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Vereis'ter Gottes-Hauch, in tausend Flocken
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Erstickt, und Zacken, d'rin er starren bliebe,
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Wenn nicht, obgleich die Wechselkräfte stocken,
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Im Tiefsten ihn ein dunkler Drang erregte,
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Ihn fort und immer weiter fort zu locken,
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Bis er den Kreis, in dem er sich bewegte,
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Den weitern Ring stets um den engern tauschend,
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Zurück bis auf der Ringe letzten legte,
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Und nun, hinaus in's Unbegränzte lauschend,
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Dem Odemzug, durch den sich Gott die Wesen
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Einst wieder mischt, in Ahnung sich berauschend,
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Entgegen harrt, mit Guten und mit Bösen,
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Die sich auf Erden darin unterschieden:
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Daß jene, groß und klar, sich als erlesen
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Von Gott erkennend, ihm sich schon darnieden
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Entgegen drängten aus der todten Zacke,
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Wenn diese, dumpf und klein, zu ew'gem Frieden
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Sich gern verschlossen hätten in die Schlacke,
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Damit er, den sie nur mit Schaudern ahnten,
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Sie nicht, vorüber wandelnd, plötzlich packe!
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O daß sich, die noch leben, hieran mahnten,
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Und so, durch eig'ne Kraft heraus sich schälend,
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Den Weg zur Welt- und Selbst-Erlösung bahnten!
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Denn, auf den Letzten, wie den Ersten, zählend,
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Kann Gott das Liebeswerk erst dann vollbringen,
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Wenn dieser auch, sich mühsam aufwärts quälend,
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Gekräftigt ist, mit uns empor zu dringen.
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So lange aber müssen wir's entbehren,
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Und ob Aeonen noch darob vergingen.
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Auch wird uns erst der Uebergang erklären,
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Wozu im Ewig-Einen dies Zersplittern;
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Ob einzig, um das Böse zu verzehren,
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Das, wenn es sich in tausend Ungewittern
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Entlud, vor seiner eig'nen Ohnmacht endlich
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Erschrecken wird und still in sich zerzittern;
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Ob mit, weil Gott, sich selber unverständlich,
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Wie unser Geist in Worte, in Figuren
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Zerfließen mußte, um sich dadurch kenntlich
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Zu werden, und aus allen Signaturen
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Die eigene zusammen sich zu stellen,
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So daß die Welt, trotz ihrer finstern Spuren,
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Ihm Fackel war, sein Inn'res aufzuhellen,
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Und daß nicht uns're Schuld, nur sein Bedürfen
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Den Gegensatz, dem Trotz und Haß entquellen,
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Hervor rief, der nach mystischen Entwürfen
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Uns, die wir leiden, quält, als ob wir thäten,
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Um so, indem wir all sein Bitt'res schlürfen,
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In uns ihn, bis zur Wurzel auszujäten
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Und das Geheimniß erst zu offenbaren,
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Wenn wir zurück in ihn, den Urgrund, treten
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Und wieder werden, was wir einst schon waren,
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Den Tropfen gleich, die, in sich abgeschlossen,
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Doch in der Welle rollen, in der klaren,
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So rund für sich, als ganz mit ihr verflossen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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