Thorwaldsens Ganymed und der Adler

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Friedrich Hebbel: Thorwaldsens Ganymed und der Adler (1843)

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Knabe, süßer, wunderbarer,
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Unter'm Kuß des Zeus gereift,
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Blüte, die in leuchtend-klarer
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Schönheit nie der Wind gestreift:

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Sorgsam tränkst du und aesthetisch,
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Wenn auch halb gelangeweilt,
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Hier den Aar, der gravitätisch
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Schmaus't und wenig sich beeilt.

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Mancher würde ungeduldig,
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Und er hätte Grund genug,
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Doch du denkst: ich bin's ihm schuldig,
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Weil er zum Olymp mich trug;

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Weil er schnell, mich fester fassend,
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In die Wolken mich entrückt,
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Als ich, schwindelnd und erblassend,
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Unter mich hinabgeblickt;

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Ja, weil er sogar die Klauen
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Unter'm Fittig-Paar verhüllt,
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Die mich fast mit größerm Grauen,
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Als der Abgrund selbst, erfüllt.

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Solltest doch in's Ohr ihm raunen:
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Spute dich zu deinem Heil;
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Denn schon wölkte Zeus die Braunen,
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Und – da fällt der Donnerkeil!

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Auf, mein Vogel, dienstbeflissen!
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Wie du auch das Auge rollst!
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Du, o Knabe, wirst schon wissen
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Wo du dich erholen sollst!

(Haider, Thomas: Deutsches Lyrik Korpus (DLK) v5.0, 2022. Ursprünglich von Editura GmbH & Co. KG (Digitale Bibliothek) digitalisiert, vom TextGrid-Verbund erworben und angereichert; als DLK-Ausgabe bearbeitet und kuratiert. Lizenz: Verbreitet unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz (CC BY-SA 4.0). Änderungen: Textkorrekturen, Anreicherung mit Metadaten und Textannotationen sowie Konvertierung durch Textopus.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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