Das alte Haus

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Hebbel: Das alte Haus (1834)

1
Der Maurer schreitet frisch heraus,
2
Er soll dich niederbrechen;
3
Da ist es mir, du altes Haus,
4
Als hörte ich dich sprechen:
5
»wie magst du mich, das lange Jahr'
6
Der Lieb' und Eintracht Tempel war,
7
Wie magst du mich zerstören?

8
Dein Ahnherr hat mich einst erbaut
9
Und unter frommem Beten
10
Mit seiner schönen, stillen Braut
11
Mich dann zuerst betreten.
12
Ich weiß um Alles wohl Bescheid,
13
Um jede Luft, um jedes Leid,
14
Was ihnen widerfahren.

15
Dein Vater ward geboren hier,
16
In der gebräunten Stube,
17
Die ersten Blicke gab er mir,
18
Der munt're, kräft'ge Bube.
19
Er schaute auf die Engelein,
20
Die gaukeln in der Fenster Schein,
21
Dann erst auf seine Mutter.

22
Und als er traurig schlich am Stab
23
Nach manchen schönen Jahren,
24
Da hat er schon, wie still ein Grab,
25
In meinem Schooß erfahren;
26
In jener Ecke saß er da,
27
Und stumm und händefaltend sah
28
Er sehnlich auf zum Himmel.

29
Du selbst – doch nein, das sag' ich nicht,
30
Ich will von dir nicht sprechen,
31
Hat dieses Alles kein Gewicht,
32
So laß nur immer brechen.
33
Das Glück zog mit dem Ahnherrn ein,
34
Zerstöre du den Tempel sein,
35
Damit es endlich weiche.

36
Noch lange Jahre kann ich steh'n,
37
Bin fest genug gegründet,
38
Und ob sich mit der Stürme Weh'n
39
Ein Wolkenbruch verbündet;
40
Kühn rag' ich, wie ein Fels, empor,
41
Und was ich auch an Schmuck verlor,
42
Gewann ich's nicht an Würde?

43
Und hab' ich denn nicht manchen Saal
44
Und manch geräumig Zimmer?
45
Und glänzt nicht festlich mein Portal
46
In alter Pracht noch immer?
47
Noch Jedem hat's in mir behagt,
48
Kein Glücklicher hat sich beklagt,
49
Ich sei zu klein gewesen.

50
Und, wenn es einst zum Letzten geht,
51
Und wenn das warme Leben
52
In deinen Adern stille steht,
53
Wird dieß dich nicht erheben,
54
Dort, wo dein Vater sterbend lag,
55
Wo deiner Mutter Auge brach,
56
Den letzten Kampf zu streiten?«

57
Nun schweigt es still, das alte Haus,
58
Mir aber ist's, als schritten
59
Die todten Väter all' heraus,
60
Um für ihr Haus zu bitten,
61
Und auch in meiner eig'nen Brust,
62
Wie ruft so manche Kinder-Lust:
63
Laß steh'n das Haus, laß stehen!

64
Indessen ist der Mauermann
65
Schon in's Gebälk gestiegen,
66
Er fängt mit Macht zu brechen an,
67
Und Stein' und Ziegel fliegen.
68
Still, lieber Meister, geh von hier,
69
Gern zahle ich den Taglohn dir,
70
Allein das Haus bleibt stehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.