Geburtsnacht-Traum

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Friedrich Hebbel: Geburtsnacht-Traum (1835)

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Ich durfte über Nacht im Traum
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Ein seltsam Fest begehen,
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Ich habe meine Väter all'
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Um mich vereint gesehen.

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Mein Vater führte stumm den Zug,
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Er lächelte hinüber,
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Dann aber wandte er sich ab,
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Ihm ward das Auge trüber.

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Es war der Letzte, welcher starb,
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Noch hatt' er all' die Milde;
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Der Himmel hatte Nichts verschönt
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An seinem theuren Bilde.

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Großvater nahte nun heran,
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Der mich zu wiegen pflegte,
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Eh', wie er mich, ihn selbst der Tod
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In's stille Bette legte.

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Ich habe ihn sogleich erkannt,
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Als hätte, wie die Nische
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Den Heiligen, mein Herz sein Bild
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Bewahrt in voller Frische.

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Sein Auge weilte, wie erstaunt,
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Auf mir und schien zu fragen:
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Bist du dasselbe kleine Kind,
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Das einst mein Arm getragen?

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Großmutter auch, sie nahte sich,
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Die mildeste der Frauen;
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Auf meinen Vater schien sie bald
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Und bald auf mich zu schauen.

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Und als sie fand, daß ich ihm glich,
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Ging in den bleichen Zügen,
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Als wär's ein neues Leben, auf
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Das innigste Vergnügen.

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Nun trat ein ernster Mann herzu,
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Den ich nicht mehr erkannte,
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Doch sah ich, daß er freundlich sich
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Zu meinem Vater wandte.

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Und immer größer ward die Schaar
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Von Männern, welche kamen,
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Und stets durchzuckte mir's die Brust:
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Du bist von ihrem Samen!

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Auch zarter Frauen nahten viel
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In Trachten, fremd und eigen;
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Ein schlummerndes Jahrhundert schien
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Mit jeder aufzusteigen.

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Die sanften Augen waren all'
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So süß auf mich geheftet,
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Doch war der lächelnd holde Mund,
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Zur Rede zu entkräftet.

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Vom Thurme schlug es, dumpf und bang,
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Sie schieden mit Getümmel;
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Die Männer deuteten auf's Grab,
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Die Frauen auf den Himmel.

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Das war die Stund', die mich gebar;
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Nun frag' ich mich mit Beben:
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Ob sich das Leben und der Tod
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Im Grabe noch verweben?

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Ob, die sich regt in meiner Brust,
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Die ungestüme Flamme,
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Die Todten noch im Schlummer stört,
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Aus deren Blut ich stamme?

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Ob sie mir blaß zur Seite geh'n,
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Unmächtig, zu erscheinen,
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Und lächeln, wenn ich glücklich bin,
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Und wenn ich's nicht bin, weinen?

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Und ob ich selbst dereinst mein Kind,
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Statt ruhig auszuschlafen,
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Durch Nacht und Sturm begleiten muß
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Bis an den letzten Hafen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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