Das Opfer des Frühlings

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Friedrich Hebbel: Das Opfer des Frühlings (1845)

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Sah ich je ein Blau, wie droben
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Klar und voll den Himmel schmückt?
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Nicht in Augen, sanft gehoben,
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Nicht in Veilchen, still gebückt!
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Leiser scheint der Fluß zu wallen
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Unter seinem Widerschein,
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Vögel schweigen, und vor Allen
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Dämmert meine Seele ein.

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Doch, es gilt auch eine Feier!
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Schaut den Lenz im Morgenglanz!
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Hinter grauer Nebel Schleier
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Flocht der Jüngling sich den Kranz.
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Wenn sein Hauch, die Nebel theilend,
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Ihn zu früh' schon halb verrieth,
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Wich er scheu zurück, enteilend
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In ein dunkleres Gebiet.

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Dennoch steh'n, ihn zu empfangen,
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Seine Kinder schon bereit:
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Rose mit den heißen Wangen,
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Mandelbaum im weißen Kleid!
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Veilchen, die des Sommers Brüten
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Bald erstickt, sie harren auch,
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Keusche Lorbeern selbst erglühten;
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Denn sie Alle traf sein Hauch.

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Nun, mit fast verschämtem Lächeln,
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Zieht er ein in's schöne Reich;
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Ihm die glüh'nde Stirn zu fächeln,
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Nah'n die Morgenwinde gleich.
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Doch, ihn selber kühlend, stehlen
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Sie so viel der holden Glut,
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Als, die Blumen, die noch fehlen,
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Zu erwecken, nöthig thut.

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Flugs nun auf den leichten Schwingen
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Eilen sie durch Hain und Thal,
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Und vor ihren Küssen springen
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Spröde Knospen ohne Zahl.
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Jeder Busch, wie sie ihn streifen,
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Wird zum bunten Blütenstrauß,
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Und die Wurzeln, die noch steifen,
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Treiben erstes Grün heraus.

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Doch nun lös't sich, alle Farben
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Zu erhöh'n und allen Duft,
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Das verschluckte Licht in Garben
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Reinen Goldes aus der Luft.
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Sind das Stralen? Sind das Sterne,
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Die der Tag in Flammen schmolz?
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Alles funkelt, nah' und ferne,
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Berg und Wald, ja Stein und Holz!

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Horcht! Vor diesem Glanze fahren
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Auch die Vögel aus dem Traum,
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D'rin sie still versunken waren,
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Wieder auf im blauen Raum;
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Aber dick und rauchend steigen
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Wolken heißen Dufts empor,
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Und nun fällt in's dumpfe Schweigen
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Neu betäubt zurück ihr Chor.

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Fürder, immer fürder schreitend,
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Kommt der Jüngling an den Fluß,
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Der, sich rings in's Land verbreitend,
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Alles tränkt, was trinken muß.
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Aber heute möge dürsten,
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Was da will, er hält sich an
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Und versucht, ob er den Fürsten
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Durch sein Bild nicht fesseln kann.

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Denn, wenn dieser, süß betroffen,
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Hier sich selbst im Spiegel schaut,
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Krönt sein Blick das leise Hoffen,
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Dem die Welle still vertraut;
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Sei er noch so schnell und flüchtig,
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Jene Lilje wird geweckt,
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Die, wie keine, keusch und züchtig,
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Sich in ihren Schooß versteckt.

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Und wie sollte er nicht säumen?
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Sieht er denn sich selber nur?
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Nicht zugleich, die seinen Träumen
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Leben gab, die blüh'nde Flur?
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Wenn's ihn auch vorüber triebe
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An der eig'nen Huldgestalt,
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Fesselte ihn doch die Liebe
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An die Braut mit Allgewalt.

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Ach, er zögert wonnetrunken!
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Aber lange bleibt er nicht
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In den süßen Rausch versunken,
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Nein, er wendet das Gesicht!
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Denn ihm sagt ein inn'res Stocken,
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Daß die Götter neidisch sind,
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Und ihm däucht, mit seinen Locken
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Spiele schon ein and'rer Wind.

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Da beschleicht ihn dumpfe Trauer,
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Ihm erlischt der Wange Roth,
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Und ihn mahnt ein kalter Schauer
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An den Tod, den frühen Tod;
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Doch, von dem durchzuckt, entzittert,
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Wie von selbst, sein Kranz dem Haar,
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Der die Ew'gen ihm erbittert,
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Und sein Fuß zertritt ihn gar.

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Plötzlich Stille jetzt! Die Winde
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Ruh'n, wie auf ein Zauberwort,
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Doch in jedem Frühlingskinde
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Bebt der Todesschauer fort,
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Und ein hast'ger Blüten-Regen
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Macht das duft'ge Opfer voll,
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Das verhalt'nen Fluch in Segen,
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Haß in Liebe wandeln soll.

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Aber nun den stolzen Wipfel
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Jeder Baum zur Erde neigt,
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Nun auf hohem Berges-Gipfel
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Selbst der Kühnste Demuth zeigt,
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Nun erhebt der Jüngling wieder
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Sanft das Haupt, das er gesenkt,
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Und ein Oelblatt säuselt nieder,
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Das versöhnt der Neid ihm schenkt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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