Stanzen auf ein Sicilianisches Schwesterpaar

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Friedrich Hebbel: Stanzen auf ein Sicilianisches Schwesterpaar (1845)

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Mit deinem Auge, deinem seelenvollen,
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Schaust du mich an, als wär's zum letzten Male;
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Dann seh' ich eine dunkle Thräne rollen,
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Kaum noch durchblitzt von seinem frommen Strale;
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Mir ist, als bräch' es, und ich muß mir grollen,
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Daß ich dir meine heil'ge Schuld nicht zahle;
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Ich sehe deine Seele, wie ertrinken,
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Ich schaud're d'rob, und lass' sie doch versinken!

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O! fluch' mir nicht! Ich bin ja selbst gebunden,
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Und weiß, daß ich an dir gefrevelt habe;
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Von deiner stolzen Schwester trag' ich Wunden,
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Und diese werd' ich tragen bis zum Grabe;
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Und wenn mein Blick in den entfloh'nen Stunden
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An deinem Blicke hing zu süßer Labe,
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So war es nur, weil schon in deinem Wesen
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Der Schattenriß des ihren steht zu lesen.

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Mir war's ein eig'nes schauriges Vergnügen,
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Mich halb noch frei von ihrem Bann zu fühlen,
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Und doch an diesen mystisch-tiefen Zügen,
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Die auch in dir schon dämmern, mich zu kühlen,
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Dich aber mußte solch ein Blick betrügen,
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Er mußte dir das weiche Herz zerwühlen,
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Es that sich auf, mein Bild hinein zu lassen,
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Und statt zu jauchzen, sahst du mich erblassen.

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Mir ist, als ob erblichne Huldgestalten,
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Die schon zum Theil nicht mehr auf Erden weilen,
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Mich still umschweben, und die Hände falten,
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Und mich beschwören, dein Gefühl zu theilen,
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Als könnt' ich ihnen dann noch Treue halten,
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Wenn ich versuchte, deine Brust zu heilen:
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Als Schwester bist du ihnen wohl erschienen;
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Denn ihnen gleichst du an Gestalt und Mienen.

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Umsonst! Es sei mit Allem jetzt gebrochen,
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Was ich geliebt, und ewig lieben müßte,
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Und mag darob auch mancher Busen pochen,
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Es schmerzt mich, daß ich je ein Mädchen küßte.
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Denn, wäre diese mir nicht zugesprochen,
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So glaub' ich nicht, daß ich mir Süß'res wüßte,
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Als jeglichem Ersatz zu widerstreben;
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Drum hat das Schicksal ihn voraus gegeben.

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Es kann mir jetzt den höchsten Wunsch versagen,
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Und dieses wird, ich weiß es schon, geschehen;
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Ich ward in einen fremden Kreis verschlagen,
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Wie sollte ich in ihm nicht untergehen;
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Die Welt des Mährchens, die aus alten Tagen
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Zu uns herüber klingt, will neu erstehen;
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Einst liebt' ich, was ich längst im Traum umfaßte,
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Jetzt, däucht mir, muß ich lieben, was ich haßte.

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Was sind sie, ihre dunklen, schwarzen Augen,
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Was sonst, als Nacht, die in den Brand gerathen?
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Und keine Ahnung sagt mir, ob sie taugen
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Zu andern noch, als mörderischen Thaten;
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Sie können Seelen aus dem Busen saugen,
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Die zwar auch keinen süßren Tod erbaten,
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Doch zweifl' ich, ob sie milde blicken können.
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Und mehr noch, ob sie mir ihr Mildes gönnen.

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Gleichviel! Und soll ich Nichts von ihr erwerben,
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Und ist sie in des Todesengels Händen
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Ein Dolch, der, um mich sichrer zu verderben,
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Mit Gold und Perlen muß mein Auge blenden,
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So schmück' ich sie doch köstlich noch im Sterben
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Und will den ganzen Dichterschatz verschwenden,
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Ihr für die That, dem Tode mich zu weihen,
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Den höchsten Glanz im Leben zu verleihen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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