Vater unser

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Hebbel: Vater unser (1839)

1
Blitze lauern hinter Wolken,
2
In den Eichen wühlt der Sturm;
3
Dicker Wald; ein Nothgeläute
4
Hallt schon dumpf von manchem Thurm.

5
Ruhig unter'm breiten Baume,
6
Seine Pfeife in dem Mund,
7
Liegt der alte Räuberhauptmann;
8
Ihm zu Füßen schläft sein Hund.

9
Und ein Jüngling, bleich, wie Keiner,
10
Streckt sich ihm zur Seite hin.
11
»schleif dein Messer!« spricht der Alte,
12
Er gehorcht mit schwerem Sinn.

13
Roth und zischend zwischen Beide
14
Springt ein Blitz, doch trifft er nicht.
15
»vater unser!« ruft der Jüngling,
16
Doch der Alte flucht und spricht:

17
»vater unser lass' ich gelten,
18
Wenn man auf dem Richtstuhl sitzt,
19
Wenn die Scheere in den Haaren
20
Und das Beil im Nacken blitzt.

21
Jetzt verbiet' ich dir das Beten,
22
Denn zum Herrn erkorst du mich,
23
Und ich stell' den Mord noch heute
24
Dunkel zwischen Gott und dich!

25
Ja, ich schwör's, du sollst den Ersten,
26
Den du hier erblicken wirst,
27
Tödten, daß du nicht noch einmal
28
Dich von mir zu Gott verirrst.

29
Du erschrickst? Ich will's nicht schelten,
30
Mir auch schien das einst gar viel,
31
Und auch du erlebst die Zeiten,
32
Wo du's treibst, wie ich, als Spiel.

33
Mir ist solch ein Muth gekommen,
34
Seit ich, weil er zornig sprach
35
Vom Gericht und andern Dingen,
36
Meinen Vater niederstach.«

37
Angstgeschüttelt ruft der Jüngling:
38
»nimmer, nimmer that'st du das!«
39
Kräftig schmauchend spricht der Alte:
40
»ei, ich that's, und ist's denn was?«

41
»wohl, da muß ich's freilich halten,
42
Was du schwurst, und thu's mit Lust!«
43
Ruft's, und stößt dem grausen Alten
44
Fest sein Messer in die Brust.

45
Jener ballt die Hand, verröchelnd,
46
Doch er sieht es ohne Graus,
47
Betet, wie nach einem Opfer,
48
Laut sein Vaterunser aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.