Der Haideknabe

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Friedrich Hebbel: Der Haideknabe (1844)

1
Der Knabe träumt, man schicke ihn fort
2
Mit dreizig Thalern zum Haide-Ort,
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Er ward drum erschlagen am Wege
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Und war doch nicht langsam und träge.

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Noch liegt er im Angstschweiß, da rüttelt ihn
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Sein Meister, und heißt ihm, sich anzuzieh'n
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Und legt ihm das Geld auf die Decke
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Und fragt ihn, warum er erschrecke.

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»ach Meister, mein Meister, sie schlagen mich todt,
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Die Sonne, sie ist ja wie Blut so roth!«
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Sie ist es für dich nicht alleine,
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Drum schnell, sonst mach' ich dir Beine!

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»ach Meister, mein Meister, so sprachst du schon,
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Das war das Gesicht, der Blick, der Ton,
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Gleich greifst du« – zum Stock, will er sagen,
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Es sagt's nicht, er wird schon geschlagen.

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»ach Meister, mein Meister, ich geh', ich geh',
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Bring meiner Frau Mutter das letzte Ade!
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Und sucht sie nach allen vier Winden,
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Am Weidenbaum bin ich zu finden!«

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Hinaus aus der Stadt! Und da dehnt sie sich,
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Die Haide, nebelnd, gespenstiglich,
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Die Winde darüber sausend,
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»ach, wär' hier Ein Schritt, wie tausend!«

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Und Alles so still, und Alles so stumm,
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Man sieht sich umsonst nach Lebendigem um,
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Nur hungrige Vögel schießen
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Aus Wolken, um Würmer zu spießen.

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Er kommt an's einsame Hirtenhaus,
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Der alte Hirt schaut eben heraus,
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Des Knaben Angst ist gestiegen,
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Am Wege bleibt er noch liegen.

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»ach Hirte, du bist ja von frommer Art,
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Vier gute Groschen hab' ich erspart,
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Gieb deinen Knecht mir zur Seite,
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Daß er bis zum Dorf mich begleite.

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Ich will sie ihm geben, er trinke dafür
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Am nächsten Sonntag ein gutes Bier,
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Dies Geld hier, ich trag' es mit Beben,
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Man nahm mir im Traum drum das Leben!«

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Der Hirt, der winkte dem langen Knecht,
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Er schnitt sich eben den Stecken zurecht,
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Jetzt trat er hervor – wie graute
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Dem Knaben, als er ihn schaute!

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»ach Meister Hirte, ach nein, ach nein,
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Es ist doch besser, ich geh' allein!«
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Der Lange spricht grinsend zum Alten:
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Er will die vier Groschen behalten.

49
»da sind die vier Groschen!« Er wirft sie hin
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Und eilt hinweg mit verstörtem Sinn.
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Schon kann er die Weide erblicken,
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Da klopft ihn der Knecht in den Rücken.

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Du hältst es nicht aus, du gehst zu geschwind,
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Ei, Eile mit Weile, du bist ja noch Kind,
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Auch muß das Geld dich beschweren,
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Wer kann dir das Ausruh'n verwehren!

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Komm, setz' dich unter den Weidenbaum
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Und dort erzähl' mir den häßlichen Traum,
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Mir träumte – Gott soll mich verdammen,
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Trifft's nicht mit deinem zusammen!

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Er faßt den Knaben wohl bei der Hand,
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Der leistet auch nimmermehr Widerstand,
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Die Blätter flüstern so schaurig,
64
Das Wässerlein rieselt so traurig!

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Nun sprich, du träumtest – »Es kam ein Mann –«
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War ich das? Sieh mich doch näher an,
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Ich denke, du hast mich gesehen!
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Nun weiter, wie ist es geschehen?

69
»er zog ein Messer!« – War das, wie dieß? –
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»ach ja, ach ja!« – Er zog's? – »Und stieß –«
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Er stieß dir's wohl so durch die Kehle?
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Was hilft es auch, daß ich dich quäle!

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Und fragt ihr, wie's weiter gekommen sei?
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So fragt zwei Vögel, sie saßen dabei,
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Der Rabe verweilte gar heiter,
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Die Taube konnte nicht weiter!

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Der Rabe erzählt, was der Böse noch that,
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Und auch, wie's der Henker gerochen hat,
79
Die Taube erzählt, wie der Knabe
80
Geweint und gebetet habe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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