Liebeszauber

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Friedrich Hebbel: Liebeszauber (1844)

1
Schwül wird diese Nacht. Am Himmelsbogen
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Zieh'n die Wolken dichter sich zusammen,
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Breit beglänzt von Wetterleuchtens Flammen
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Und von rothen Blitzen scharf durchzogen.

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Alles Leben ist in sich verschlossen,
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Kaum nur, daß ich mühsam Athem hole;
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Selbst im Beete dort die Nachtviole
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Hat den süßen Duft noch nicht ergossen.

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Jedes Auge wär' schon zugefallen,
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Doch die Herzen sind voll Angst und zittern
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Vor den zwei sich kreuzenden Gewittern,
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Deren Donnergrüße bald erschallen.

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Jene Alte schleppt sich zur Kapelle,
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Doch sie wird den Heil'gen nicht erblicken,
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Eh' die Wolken ihre Blitze schicken,
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Betend kauert sie sich auf der Schwelle.

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Ist das nicht des Liebchens taube Muhme?
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Ja! So will ich hier nicht länger weilen,
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Will zu ihr, zu ihrem Fenster eilen,
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Und dort lauschen, statt am Heiligthume.

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Weiß ich's denn? Kann nicht ein Blitz da zünden?
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Kann ich, wenn ich aus der Glut sie rette,
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Nicht – o daß er schon gezündet hätte! –
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Ihr mein süß Geheimniß endlich künden?

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Sieh, da bin ich schon! Bei'm Lampenlichte
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Sitzt sie, in die weiße Hand das Köpfchen
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Stützend, mit noch aufgeflochtnen Zöpfchen,
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Stillen Schmerz im blassen Angesichte.

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Horch', der erste Donnerschlag! Es krachen
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Thür und Thor! Sie scheint es nicht zu hören!
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Wessen denkt sie? Wüßt' ich's, würd' ich schwören:
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Heut' noch will ich den Garaus ihm machen.

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Sie erlebt sich. Willst du dich entkleiden?
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Gute Nacht! Warum? Zur rechten Stunde
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Löscht sie selbst das Licht, und giebt dir Kunde:
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Mehr ist nicht erlaubt! Dann magst du scheiden!

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Was? Sie knüpft ein Tuch um ihre Locken?
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Hüllt sich in der Muhme alten Mantel?
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Ist sie – Oder stach mich die Tarantel?
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Wird sie – Die Besinnung will mir stocken?

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Ja, schon knarrt die Thür. Da kommt sie. Nimmer
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Würd' ich selbst sie, so vermummt, erkennen,
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Hätt' ich nicht – – Die Lampe läßt man brennen,
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Daß es scheint, man sei im frommen Zimmer.

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Rasch an mir vorbei! Sie ist, wie Alle!
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Folg' ich ihr? Ja freilich! Um zu schauen,
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Ob man ihr mit braunen oder blauen
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Augen – schwarze hab' ich selbst – gefalle.

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Waldhorn-Klänge aus dem Jägerhäuschen!
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Bei'm Gewitter? O, das ist ein Zeichen!
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So ist das der Jüngling sonder Gleichen?
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Wohl! Doch nächstens pflücken wir ein Sträußchen.

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Und weshalb? Hat sie dir was versprochen?
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Nein! Und dennoch muß ich sie verklagen,
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Daß sie, ja, so darf, so darf ich sagen,
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Einen stillen Bund mit mir gebrochen.

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Weiter! Weiter? So vergieb, Geliebte!
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Doch wohin? Hier zieht der Wald sich düster,
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Und dort wohnt die Alte an der Rüster,
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Die in mancher dunklen Kunst geübte.

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Gilt es der? Halt ein! Dein Herz muß klopfen!
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Rastlos donnert's ja, zur Feuergarbe
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Schwillt der Blitz, blutroth wird seine Farbe,
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Und noch immer fällt kein milder Tropfen.

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Fort! Und fort! Und unter falschen Bäumen,
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Die der Blitz – – Ihr näher! daß sie keiner
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Treffen kann, der mich verschont, nicht einer!
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Schritt auf Schritt ihr nach! Wer würde säumen!

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Ist sie nun am Ziel? Da ist die Hütte!
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Ja, sie pocht. Man öffnet ihr. Ich spähe
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Durch den Ritz. Wer weiß, was ihr geschähe,
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Wenn ich nicht – – Ein Kreis! Sie in der Mitte!

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Wie sie da steht, fast zum Schnee erbleichend,
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Und die Alte, in der Ecke kauernd,
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Dreht ein Bild aus Wachs. Sie sieht es schauernd.
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Jetzt spricht die zu ihr, das Bild ihr reichend:

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Zieh dir nun die Nadel aus den Haaren,
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Rufe den Geliebten, laut und deutlich,
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Und durchstich dies Bild, dann wirst du bräutlich
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Ihn umfangen und ihn dir bewahren.

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Schweigt, ihr Donner! Praßle noch nicht, Regen,
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Daß ich noch den Einen Laut vernehme,
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Ob er auch des Herzens Schlag mir lähme
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Und der Pulse feuriges Bewegen!

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Wie sie zögert! Wie sie mit Erröthen
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In die Locken greift und eine Nadel
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Auszieht auf der Alten stummen Tadel
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Und noch säumt, als gälte es, zu tödten!

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Endlich zückt sie die, und – meine Sinne
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Reißen! – ruft – hinein! Zu ihren Füßen! –
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Ruft mich selbst mit Worten, stammelnd-süßen,
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Als den Einen, den sie heimlich minne! –

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Und dem Zagen kommt der Muth, behende
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Weicht die Thür. Wer durfte sich erfrechen,
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Ruft die Alte, und den Zauber brechen? –
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Ohne Furcht! Hier kommt nur, der ihn ende!

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Sie entweicht mit holden Schaam-Geberden;
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Da umschließt er sie, und Glut und Sehnen
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Lös't bei Beiden sich in linden Thränen,
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Die der Mensch nur einmal weint auf Erden.

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Und so steh'n sie, wechseln keine Küsse,
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Still gesättigt und in sich versunken,
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Schon berauscht, bevor sie noch getrunken,
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In der Ahnung dämmernder Genüsse.

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Und auch draußen lös't sich jetzt die Schwüle,
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Die zerrißnen Wolken, Regen schwanger,
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Schütten ihn herab auf Hain und Anger,
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Und hinein zur Hütte dringt die Kühle.

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Als nun auch der Regen ausgewüthet,
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Wallen sie, die Alte gern verlassend,
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Kinderfromm sich an den Händen fassend,
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Wieder heim, von Engeln still behütet.

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Als sie aber scheiden will, da ziehen
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Glühendheiß die Nachtviolendüfte
115
An ihm hin im sanften Spiel der Lüfte,
116
Und nun küßt er sie noch im Entfliehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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