Was wär ich ohne dich gewesen?

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Novalis: Was wär ich ohne dich gewesen? Titel entspricht 1. Vers(1787)

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Was wär ich ohne dich gewesen?
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Was würd' ich ohne dich nicht seyn?
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Zu Furcht und Aengsten auserlesen,
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Ständ' ich in weiter Welt allein.
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Nichts wüßt' ich sicher, was ich liebte,
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Die Zukunft wär ein dunkler Schlund;
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Und wenn mein Herz sich tief betrübte,
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Wem thät' ich meine Sorge kund?

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Einsam verzehrt von Lieb' und Sehnen,
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Erschien' mir nächtlich jeder Tag;
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Ich folgte nur mit heißen Thränen
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Dem wilden Lauf des Lebens nach.
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Ich fände Unruh im Getümmel,
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Und hoffnungslosen Gram zu Haus.
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Wer hielte ohne Freund im Himmel,
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Wer hielte da auf Erden aus?

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Hat Christus sich mir kund gegeben,
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Und bin ich seiner erst gewiß,
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Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben
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Die bodenlose Finsterniß.
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Mit ihm bin ich erst Mensch geworden;
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Das Schicksal wird verklärt durch ihn,
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Und Indien muß selbst in Norden
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Um den Geliebten fröhlich blühn.

25
Das Leben wird zur Liebesstunde,
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Die ganze Welt sprüht Lieb' und Lust.
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Ein heilend Kraut wächst jeder Wunde,
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Und frey und voll klopft jede Brust.
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Für alle seine tausend Gaben
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Bleib' ich sein demuthvolles Kind,
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Gewiß ihn unter uns zu haben,
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Wenn zwey auch nur versammelt sind.

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O! geht hinaus auf allen Wegen,
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Und holt die Irrenden herein,
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Streckt jedem eure Hand entgegen,
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Und ladet froh sie zu uns ein.
37
Der Himmel ist bey uns auf Erden,
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Im Glauben schauen wir ihn an;
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Die Eines Glaubens mit uns werden,
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Auch denen ist er aufgethan.

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Ein alter, schwerer Wahn von Sünde
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War fest an unser Herz gebannt;
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Wir irrten in der Nacht wie Blinde,
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Von Reu und Lust zugleich entbrannt.
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Ein jedes Werk schien uns Verbrechen,
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Der Mensch ein Götterfeind zu seyn,
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Und schien der Himmel uns zu sprechen,
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So sprach er nur von Tod und Pein.

49
Das Herz, des Lebens reiche Quelle,
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Ein böses Wesen wohnte drinn;
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Und wards in unserm Geiste helle,
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So war nur Unruh der Gewinn.
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Ein eisern Band hielt an der Erde
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Die bebenden Gefangnen fest;
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Furcht vor des Todes Richterschwerdte
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Verschlang der Hoffnung Ueberrest.

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Da kam ein Heiland, ein Befreyer,
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Ein Menschensohn, voll Lieb' und Macht
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Und hat ein allbelebend Feuer
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In unserm Innern angefacht.
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Nun sahn wir erst den Himmel offen
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Als unser altes Vaterland,
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Wir konnten glauben nun und hoffen.
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Und fühlten uns mit Gott verwandt.

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Seitdem verschwand bey uns die Sünde,
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Und fröhlich wurde jeder Schritt;
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Man gab zum schönsten Angebinde
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Den Kindern diesen Glauben mit;
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Durch ihn geheiligt zog das Leben
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Vorüber, wie ein sel'ger Traum,
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Und, ew'ger Lieb' und Lust ergeben,
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Bemerkte man den Abschied kaum.

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Noch steht in wunderbarem Glanze
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Der heilige Geliebte hier,
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Gerührt von seinem Dornenkranze
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Und seiner Treue weinen wir.
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Ein jeder Mensch ist uns willkommen,
78
Der seine Hand mit uns ergreift,
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Und in sein Herz mit aufgenommen
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Zur Frucht des Paradieses reift.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Novalis
(17721801)

* 02.05.1772 in Wiederstedt, † 25.03.1801 in Weißenfels

männlich, geb. Hardenberg

natürliche Todesursache | Blutung

deutscher Dichter der Frühromantik

(Aus: Wikidata.org)

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