Euch, Schwestern, die ich allzulang

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Aloys Blumauer: Euch, Schwestern, die ich allzulang Titel entspricht 1. Vers(1776)

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Euch, Schwestern, die ich allzulang
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Geneckt, und manche Pille zwang
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In Gnaden zu verschlingen,
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Will ich ein Lobgedicht anheut',
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So schön, als wie ihr selber seid,
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Zum Söhnungsopfer bringen.

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Ja, Schwestern, um euch noch weit mehr,
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Als je ein Panegyriker
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Es konnte, zu verbinden,
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So sollt ihr selbst in dem Gedicht,
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Das heut zu eu'rem Lobe spricht,
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Kein Wort erdichtet finden.

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Ihr Schwestern, war't vom Anbeginn
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Die Blume Tausendschön, worin
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Sich alle Reize gatten:
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Uns aber pflanzte die Natur
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In diese Welt als Bäume nur,
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Um euch zu überschatten.

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Ihr seid – mit Ehrfurcht sag' ich es –
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Das auserwählete Gefäß
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Von aller Menschen Leben:
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Ihr seid es, die des Mannes Haupt,
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Damit er nicht ein Thier sich glaubt,
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Empor zum Himmel heben.

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Ihr seid der Menschlichkeit Magnet,
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Der alles, was auf Füssen geht
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Und kriecht, kann attrahiren:
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Ihr seid der Mittelpunkt, worin
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Sich Heid' und Christ und Mandarin
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Und Bettler concentriren.

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Der Knabe, Jüngling und der Mann
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Sind euch mit Liebe zugethan:
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Der Greis thut seine Triebe
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Euch noch als Wärterinnen kund,
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Und so seid ihr das Alpha und
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Omega uns'rer Liebe.

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Ihr waret schon im Paradies
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So klug, durch einen Apfelbiß
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Das Sterben einzuführen,
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Damit's an Wechsel nicht gebricht,
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Und wir am Ewigleben nicht
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Zu Tod uns ennuiren.

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Und hättet ihr uns nebst dem Tod
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Nicht auch noch Seuchen, Hungersnoth,
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Und Pestilenz gegeben,
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Wie könnten jetzt die Medicer,
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Die Bäcker und das ganze Heer
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Von Apothekern leben?

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Ja, hätten wir von eu'rer Hand
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Nicht auch zu Wasser und zu Land
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Oft Krieg und Donnerwetter,
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Held Cäsar wär' ein Donquixot,
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Und Franklin, der dem Blitz gebot,
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Nichts als ein Pflasterfreter.

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Und wären in der biblischen
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Pandora-Büchse unbeseh'n
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Die Güter all' geblieben,
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Sagt selber, hätte Leibnitz je
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Die göttliche Theodicee
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Zu unserm Trost geschrieben?

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Doch all' dies und des Guten mehr,
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Wofür euch der Profanen Heer
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Mit lautem Danke preiset,
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Ist nicht zu achten gegen das,
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Was ihr noch stets ohn' Unterlaß
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Der Maurerei erweiset.

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Euch danken wir es, Schwesterchen,
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Daß wir die meisten Suchenden
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Schon vorbereitet finden:
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Ihr lehret sie Verschwiegenheit,
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Geduld und Unterwürfigkeit,
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Ihr lehret sie erblinden.

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Bei euch gewöhnet ohne Müh'
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Der junge Maurerzögling früh
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Im Finsteren zu sitzen:
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Ihr gebt ihm auch wohl gar den Muth,
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Um einen Blick von euch sein Blut
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Im Zweikampf zu verspritzen.

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Ihr lehret auch den Suchenden
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Als Maurer reisen, lehrt ihn geh'n
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Auf Wegen, gleich dem Glase:
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Ihr thut hierin noch mehr als wir;
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Wir führ'n ihn an der Hand – und ihr –
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Ihr führt ihn bei der Nase.

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Durch euch hat uns're Bruderschaft
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An Wachstum, Grösse und an Kraft
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So mächtig zugenommen;
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Die Künste die der Maurer liebt,
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Die Tugendregeln, die er übt,
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Hat er von euch bekommen.

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Der Wind, den ihr mit eu'rer Pracht
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Aus unserm Gold und Silber macht,
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Ist Anlaß uns gewesen,
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Daß wir uns auch der theuern Kunst
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Ergaben, unser Gold in Dunst
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Hermetisch aufzulösen,

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Ihr Schwestern, lehrtet uns zugleich
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Die Kunst, den Teufel, der in euch
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Als Weibern steckt, zu bannen,
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Und überzeugt uns anbei,
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Daß es vergeb'ne Mühe sei,
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Ihn je zu übermannen.

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Nur ihr erfüllt den Maurer früh
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Mit Weisheit und Philosophie
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Vom Fuß bis auf zum Scheitel.
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Von euch belehrt, rief frühe schon
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Der Urgroßmeister Salomon:
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Wie ist doch alles eitel!

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Ihr, Schwestern, wart die ersten d'ran,
110
Der Güter Ungleichheit, die man
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Auf Erden sieht, zu heilen:
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Ihr fanget bei euch selber an,
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Und lehret jeden Ehemann
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Sein Gut mit andern theilen.

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Und, Schwestern, wäre nicht zugleich
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Der Männer Menschenlieb' an euch
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So sichtbar oft zu schauen,
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Wie könnten wir als Maurer nun
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Den armen Waisen Gutes thun,
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Und Findelhäuser bauen? –

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Um euch nun, liebe Schwesterchen,
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Für alles, was durch euch gescheh'n,
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Nach Würden zu belohnen,
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So geben wir zur Dankbarkeit
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Ein dreifach Feuer euch anheut'
126
Aus unseren Kanonen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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