Die Zeit, wo Schwestern, uns und euch

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Aloys Blumauer: Die Zeit, wo Schwestern, uns und euch Titel entspricht 1. Vers(1776)

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Die Zeit, wo Schwestern, uns und euch
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Ein Geist der Gleichheit wehte,
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Wo sich kein Frosch in seinem Teich
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Mehr als ein and'rer blähte,
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Die gold'ne Zeit, wenn ihr sie kennt,
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Dort in dem alten Testament,
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Die soll durch uns auf Erden
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Einst wieder Mode werden.

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Wir könnten aus Arkadien
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Die Mode zwar verschreiben;
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Allein ein Maurer, Schwesterchen,
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Muß bei der Bibel bleiben;
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D'rum, Schwestern, denkt mit uns euch fein
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In jene Lebensart hinein,
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Die uns're ersten Hirten,
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Die Patriarchen, führten.

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Die Mädchen lebten da fortan
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Ein paradiesisch Leben:
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Sie durften sich um einen Mann
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Gar nicht viel Mühe geben;
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Wenn gleich kein Baron Abraham,
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Kein Herr von Isaac um sie kam,
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So gab's doch an der Tränke
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Oft Männer und Geschenke.

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Und kamen nicht sogleich im Trott
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Die Männer angeritten,
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So durfte man wohl auch zur Noth
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Den nächsten besten – bitten:
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Miß Ruth, zum Beispiel, macht' es so;
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Sie legte sich zu Botz auf's Stroh,
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Und ist doch, wie wir lesen,
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Die Unschuld selbst gewesen.

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Auch pflegte sich das Glück der Eh'
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Nicht so geschwind zu enden;
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Denn Schnellkraft für Jahrhunderte
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Lag in der Männer Lenden:
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Was jetzo kaum ein Funfziger
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Mehr kann, hat als Fünfhunderter
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Durch Buben, stark wie Riesen,
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Herr Abraham bewiesen.

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Die Hausfrau wußte da nicht viel
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Von Zwang und Etikette,
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Und ging, so lang es ihr gefiel,
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Mit ihrem Mann zu Bette;
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Und war sie nun des Dinges satt,
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So konnte sie, wie Sara that,
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Dem Manne nach Belieben
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Ihr Mädchen unterschieben.

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Den Namen Schwester selbst erfand
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Der Patriarchen größter;
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Er war gen Pharao galant,
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Und hieß sein Weibchen Schwester:
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Und seit der Zeit wird jedes Weib,
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Dem der Gemahl zum Zeitvertreib
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Mehr Brüderchen vergönnet,
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Ein Schwesterchen genennet.

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Wohlfeil war alles desperat:
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Man zahlte keine Zinsen,
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Und kauft' ein ganzes Majorat
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Um eine Schüssel Linsen;
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Das schönste Weib sammt Unterrock,
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Galt höchstens einen Ziegenbock,
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Und Jungfern sah man bersten
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Um einen Schäffel Gersten.

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O lebtet ihr nur, Schwesterchen,
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In diesen gold'nen Tagen,
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Es würden da die zärtlichen
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Vapeurs euch nicht mehr plagen;
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Ihr wäret glücklich für und für:
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Statt Männerherzen würdet ihr
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Zuweilen Butter rühren,
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Um euch zu divertiren.

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Es würd' euch da kein Darat zwar
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Von Kuß und Liebe schreiben;
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Doch würdet ihr nicht ganz und gar
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Ununterrichtet bleiben:
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Ihr kämet darum doch an's Ziel,
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Und lerntet beides, ohne viel
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Französische Strapatzen
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Von Tauben und von Spatzen.

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Ihr dürftet da, vom Zwange frei,
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Nicht sorgsam calculiren,
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Wie weit es Wohlstandsregel sei,
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Den Busen zu verschnüren;
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Denn in dem Stand der Unschuld war
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Es Mode, bloß in Haut und Haar
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Herumzugeh'n auf Erden,
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Und d'rob nicht roth zu werden.

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D'rum laßt uns bald mit Sack und Pack
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In diese Länder reisen:
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Bei Meister Jubal's Dudelsack
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Läßt sich's vortrefflich speisen;
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Dann wollen wir ohn' Unterlaß
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Aus Vater Noah's vollem Faß
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Ein lautes Salve geben,
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Und singen – ihr sollt leben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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