Schwesterngesundheit ausgebracht bei einer Schwesterntafel

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Aloys Blumauer: Schwesterngesundheit ausgebracht bei einer Schwesterntafel (1776)

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Hört, edle Schwestern! eh' wir, voll
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Des Maurersinns, auf euer Wohl
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Die Trinkpistolen leeren,
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Will ich den Ursprung, und anbei
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Sogar den Zweck der Maurerei
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In kurzem euch erklären.

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Es sind beinahe tausend Jahr,
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Daß unser Stifter Merlin war,
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Der
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Er fing die Tafellogen an,
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Und König Arthur pflanzte dann
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Sie fort auf seine Kinder.

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Und die, so er zu Rittern schlug,
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Die waren alle fromm und klug,
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Voll Muth und Seelenadel,
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Und jeder dieser Ritter war
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Im Feld, bei Tische, ja sogar –
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Im Bette ohne Tadel.

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Wie König Arthur, wenn er aß,
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An einer runden Tafel saß,
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So sitzen wir in Kreisen:
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Ihm schuf ein mächt'ger Zauberer
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Die niedlichsten Gerichte her,
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Uns hext ein Koch die Speisen.

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Und alle Ritter tranken bloß
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Aus einem Tummler, Mörsergroß,
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Den wir auch leeren müssen:
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Allein aus diesem Trinkgeschirr,
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Zu groß für Damen, liessen wir
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Für heut' Pistolen giessen.

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Die Ritter weihten feierlich
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Sich einer Dame, der sie sich
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In jeder Noth empfohlen;
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Es steht, ihr Schönen, nur bei euch,
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Ob wir in diesem Punkt auch gleich
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Den Rittern werden sollen.

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Wenn einer in die Ferne ritt,
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Nahm er der Dame Armband mit,
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Die Zeit sich zu verkürzen:
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Wir sind hierin den Rittern gleich,
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Und tragen auch etwas von euch
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Beständig an den Schürzen.

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Und was selbst mehr, als Tapferkeit',
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Die holden Damen einst erfreut',
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Das war des Ritters Treue:
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Wir lieben sehr die dritte Zahl,
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Und diese ist ja allemal
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Ein Sinnbild ächter Treue.

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Die Dame war dem Ritter hold;
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Von ihr ward oft der Minnesold
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Dem Glücklichen beschieden:
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Wir fordern nicht einmal so viel,
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Und sind, wenn man uns lohnen will,
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Mit einem Kuß zufrieden.

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Doch dafür schwur auch jederzeit
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Der Ritter ihr Verschwiegenheit
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Bei seinem Liebesbunde:
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Auch Maurerritter plaudern nicht,
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Und halten stets ob dieser Pflicht
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Den Finger vor dem Munde.

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Und endlich war's der Ritter Brauch,
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Die Damen ihres Herzens auch
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In Liedern zu verehren.
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Der Brauch ist noch: darum ließ heut
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Auch uns're Dichterwenigkeit
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Zu eu'rem Lob sich hören.

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So weit geht uns're Aehnlichkeit
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Mit jenen Rittern alter Zeit,
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Die wir zu Vätern hatten:
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Und nun entdeck' ich ohne Scheu
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Euch auch den Zweck der Maurerei,
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Den noch kein Mensch errathen.

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Die ersten Ritter uns'rer Art
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Entschlossen sich zu einer Fahrt,
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Und gingen einst auf Reisen:
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Ganz Asien und Afrika
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Durchreisten sie, und suchten da
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Den selt'nen Stein der Weisen.

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Ihr denkt, was mag wohl dieser Stein
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Der Weisen für ein Wunder sein?
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Geduld! ihr sollt es hören.
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Nur müßt ihr mir durch einen Eid
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Die pünktlichste Verschwiegenheit
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Auf Lebelang beschwören.

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Nun also, Schwestern, sey euch kund:
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Der Stein der Weisen ist – der Bund
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Der Schönheit mit der Tugend.
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Die Schönheit ist dem Alter feind.
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Und ach, die andere vereint
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Sich selten mit der Jugend.

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Allein die Schwester selt'ner Art,
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In der sich Reiz mit Tugend paart,
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Die mag sich selig preisen!
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Sie ist's, wornach der Maurer strebt,
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Sie ist's, wornach das Herz ihm bebt,
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Sie ist – der Stein der Weisen.

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Wohlauf, ihr Brüder, laßt uns freu'n!
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Stellt alles weit're Suchen ein,
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Der Stein ist nun gefunden:
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Blickt auf, wohin das Auge fällt,
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Hat Reiz mit Tugend sich vermählt,
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Und schwesterlich verbunden!

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Auf, Brüder, laßt uns nun durch Wein
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Den seltenen, gefund'nen Stein
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Zur Huld für uns erweichen:
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Heil euch, ihr Schwestern, für und für!
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Heil allen Schwestern, die wie ihr
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Dem Stein der Weisen gleichen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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