Schwesterngesundheit, ausgebracht am St. Johannisfest

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Aloys Blumauer: Schwesterngesundheit, ausgebracht am St. Johannisfest (1776)

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Das erste, Schwestern, was ich heut'
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Bei dieser grossen Fei'rlichkeit
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Euch werde bitten müssen,
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Ist, daß ihr uns verzeiht, daß wir
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Euch heut' schon wiederum die Thür
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Zu unserm Mahl verschliessen.

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Und dennoch lieben wir euch mehr,
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Und sind um zehnmal artiger,
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Als uns're Väter waren;
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Denn hört nur, liebe Schwesterchen,
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Wie die bei den Mysterien
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Mit euch einst sind verfahren.

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Gesetzt einmal, wir hielten euch
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Den Weibern in Aegypten gleich,
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Wie würdet ihr nicht zittern!
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Ihr müßtet, ohne was zu seh'n,
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Im Vorhof Mäus' und Käferchen,
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Statt eu're Möpschen, füttern.

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Man sah euch in Italien zwar
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Der Isis opfern, doch da war
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Der Eifer schon erloschen,
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Und wo das Weibsvolk opferte,
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Das waren nur verdächtige,
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Geheime Winkellogen.

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So hatt' auch einst in Persien
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Ein König
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Zum Priesteramt gelassen:
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Doch mußte sie dafür zum Lohn
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Sowohl vom Vater als vom Sohn
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Sich initiiren lassen.

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Die art'gen Herr'n, die Gallier,
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Verleideten's euch noch weit mehr,
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Den Priesterrock zu tragen;
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Denn die darein sich kleiden ließ,
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Die mußte Evens Apfelbiß
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Auf Lebelang entsagen.

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Und die, so schon vereh'licht war,
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Die durfte nur einmal im Jahr
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In Hymens Armen lachen:
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Sagt, heißt das nicht die Priesterschaft
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Euch recht mit Vorsatz eckelhaft,
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Ja gar unmöglich machen?

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Auch bei den alten Deutschen war't
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Ihr nichts als Hexen schlimmer Art,
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Behextet Küh' und Kälber.
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Man sieht euch zwar das arme Thier
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Nicht mehr verschrei'n; allein dafür
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Behext ihr nun uns selber.

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Zu Rom und auch in Gräcien
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Ließ man euch nur die weiblichen
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Mysterien verwalten:
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Dergleichen habt ihr ja noch heut',
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Und haltet noch dazu sie weit
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Geheimer, als die Alten.

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D'rum wünscht euch uns're Arbeit nie,
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Denn wahrlich, Schwestern, sie ist die
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Beschwerlichste aus allen:
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Sie ist, damit ich's euch gesteh',
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Die Kunst, euch mehr als andere
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Profane zu gefallen.

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Denn seht, nur euch zur Sicherheit
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Pflegt man uns die Verschwiegenheit
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So sehr an's Herz zu legen,
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Und daß der Maurer seinen Hut
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Vorsichtig nie vom Kopfe thut,
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Geschieht bloß eu'retwegen.

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Nur eu'retwegen üben wir
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Im Schweigen uns: euch haben wir
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Gehorsam zugeschworen.
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Für euch nur, Schwestern, perorirt
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Man uns so oft, und exercirt
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Im Dulden uns're Ohren.

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Für euch gewöhnet williglich
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Der Maurer an die Binde sich,
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Und thut Verzicht auf's Sehen:
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Zu eu'rem Vortheil lernen wir
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Behutsam klopfen an der Thür,
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Eh' wir in's Zimmer gehen.

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Nach eu'rer Vorschrift, Schwestern, sind
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Wir Suchende so lange blind,
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Als wir auf Reisen gehen,
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Und euch zu Lieb' läßt man erst dann,
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Wenn man es nicht mehr ändern kann,
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Das Licht uns Armen sehen.

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Für euch nur endlich feuern wir
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Aus den Kanonen, welche hier
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In voller Ladung stehen:
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D'rum laßt die Arbeit uns, und seyd
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Zufrieden, wenn ihr jederzeit
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Da ärntet, wo wir säen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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