Der Küster und sein Esel

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Aloys Blumauer: Der Küster und sein Esel (1776)

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Ein reicher Küster hatt' einmal,
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Nebst vielen Ochsen, Schaafen, Schweinen,
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Auch einen Esel in dem Stall:
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Seit Bileams Zeiten gab's so keinen;
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Denn so wie jener, ward auch der
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Im ganzen Dorf berühmter, als sein Herr.
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Des Esels Kraft bestand im Schreien, das zu stillen
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Unmöglich war, wenn er begann,
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Und wenn er in der Heerde ging, so hörte man
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Vom Blöcken, Grunzen, Wiehern, Brüllen
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Der ganzen Heerde nichts, als sein Iha!
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So oft man ihn nun auf der Gasse sah,
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Entstand im Dorf ein allgemein Geflüster,
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Man lief, und sah dem Wunderthiere nach,
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Und niemand war, der nicht vom Küster,
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Und seinem Wunderesel sprach.
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Das Aufseh'n, das der Esel machte,
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Gefiel dem Küster sehr; er dachte:
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So lang' die Welt von meinem Esel spricht,
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Vergißt sie sicherlich auch meiner nicht.
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Damit nun fernerhin von ihm gesprochen wurde,
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Macht' er den Esel gar zum Führer seiner Heerde
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Und wies den ersten Platz in seinem Stall ihm an.
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Der neue Führer nun begann
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Sein Amt mit ungemeiner Freude,
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Schrie alle Morgen Rind und Schaaf
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Und Schwein und Widder aus dem Schlaf,
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Und führte sie stolzirend auf die Weide.
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Das Dorf fand diesen Einfall schön,
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So lang' er neu noch war, und lachte;
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Der faule Küster aber dachte:
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Wenn Küh' und Ochsen auf den Ruf des Esels geh'n,
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So werden auch die Menschen ihn versteh'n,
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Und ließ auch, um nicht mehr zur Messe selbst zu läuten,
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Den Esel dies durch einen Schrei bedeuten.
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Das Kirchspiel fügte sich und lief
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Lautlachend zum Gebet, so oft der Esel rief.
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Am Ende ward dem Volk das Lärmen doch zuwider,
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Die guten Leute wünschten sich
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Die Thurm- und Rinderglocken wieder. –
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Der Esel legte sich auch endlich wirklich nieder –
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Schrie immer schwächer und verblich.
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Der Küster weinte bitterlich
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Um seinen Freund; denn, ach! dahin gefahren
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War mit dem Esel auch sein ganzer Ruhm,
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Und seine Stelle zu ersetzen, waren
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Die andern Esel alle viel zu dumm.
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Doch endlich glückt' es ihm, ein Mittel auszufinden
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Um der Vergessenheit sich zu entzieh'n:
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Er ging in der Verzweiflung hin,
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Ließ seinen todten Esel schinden,
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Ließ sich die Haut auf eine Trommel binden,
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Und trommelte, damit sein Ruhm
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Bei der Gemeinde nicht verfiele,
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Im ganzen, weiten Kirchenspiele,
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So lang er lebte, d'rauf herum.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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