Graf Lauzun

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Aloys Blumauer: Graf Lauzun (1776)

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Ein edler Mann aus Frankenland,
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Lauzun war er genannt,
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Der einst den Lohn der Tapferkeit,
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Verfolgt von Fürstengunst und Neid,
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Im tiefen Kerker fand,

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Lag nun darin, mit seinem Gram
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Sich nährend, wie im Grab;
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Nur kärglich ließ ein Fensterlein:
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Der lieben Sonne milden Schein
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Mittags zu ihm hinab.

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Der tiefstn Todtenstille Grau'n
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Vermehrte seine Noth:
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Es schien ihm, hätten manche Nacht
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Nicht Uhu's schaudern ihn gemacht,
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Die ganze Schöpfung todt-

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Kein sanfter Freundeszuspruch hob
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Sein leidend Herz empor,
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Nur seiner Ketten wild Geklirr,
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Und Knarren seiner Kerkerthür
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Drang täglich in sein Ohr.

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Des Kerkerwärters Tiegerblick
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Und Henkermiene gab
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Des Armen mitleidfleh'ndem Blick
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Nur Trotz und kalten Spott zurück,
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Und schlug ihm alles ab.

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Er fleht um Feder und Papier,
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Damit er schreiben könnt';
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Umsonst. Es wurde nicht einmal
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Sich seiner Jammertage Zahl
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Zu merken ihm vergönnt.

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Es drückte langer Weile Last
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Schwer, wie der Alp, sein Herz:
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Die Geist- und Herzenshungersnoth.
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Viel ärger oft, als selbst der Tod,
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War nun sein größter Schmerz.

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Einst, als ihm die Verlassenheit
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Tief in die Seele ging,
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Er auf von seinem Lager sprang,
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Und in des Herzens Ueberdrang
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Die Kerkerwand umfing,

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Da nahm er eine Spinne tief
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In einer Ecke wahr,
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Das erste Thierchen, das so nah'
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Er leben und sich regen sah
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Seit manchem, langen Jahr.

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Er freute dieses Thierchens sich
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In seiner Einsamkeit;
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Er kannte Menschen, liebte sie;
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Doch hatten Freunde selber nie
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So sehr sein Herz erfreut.

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Oft sah er ihrer Arbeit zu
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Wohl ganze Stunden lang,
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Wie sie behend und fleissig an
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Dem feinen Wundernetzchen spann
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Zum schlauen Mückenfang.

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Bald wie die kleine Lauscherin
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In ihrem Häuschen, klug,
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Auf Mückchen lau'rte, wenn ein's kam,
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Herausfuhr, blitzgeschwind es nahm,
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Und in ihr Hellchen trug;

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Bald wie sie sich zum Zeitvertreib
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Von Fäden, fein wie Haar,
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Ein luftig schwebend Scheiblein spann,
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In dessen Mittelpunkte dann
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Ihr keiner Lustsitz war.

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Er sprach mit ihr, als hätte sie
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Für seine Worte Sinn:
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So oft sie neue Arbeit spann,
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Besah er sie, und lobte dann
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Die kleine Weberin.

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Besorgt für ihren Unterhalt
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Der gute Mann auch war;
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Denn schlüpft' ein Mückchen in sein Grab
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Oft auf der Sonne Strahl hinab,
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Bracht' er's zur Speis' ihr dar.

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Vertraut und heimlich hatte sie
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Ein Fädchen sich gespannt,
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Bis hin, wo ihr Ernährer lag,
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D'rauf hollte sie sich jeden Tag
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Die Speis' aus seiner Hand.

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So lebt' er nun in Freude, die
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Der Spinne Fleiß ihm bot;
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Sein Trost, sein Zeitvertreib, sein Freund,
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Sein Alles war in ihr vereint,
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Und er vergaß der Noth.

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Den Kerkermeister wunderte
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Des Grafen froher Sinn,
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Er sah den Jammerblick nicht mehr,
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D'rob sann er oft wohl hin und her,
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Es wurmt' und ärgert' ihn.

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Und als ihm einst das Schlüsselloch
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Des Grafen Lust verrieth,
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Da dachte sich der Schadenfroh:
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Vergnügt dies Fratzenspiel dich so?
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Ha, bald ist's aus damit!

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Und nun trat er hinein zu ihm
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Mit halb verbiß'nem Spott:
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Sieh, rief er, eine Spinne da,
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Und trat, eh' sich's der Graf versah,
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Das arme Thierchen todt.

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Wie Dolchstich fuhr die Mörderthat
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Dem Grafen tief in's Herz,
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Er sah mit schmerzbetäubtem Sinn
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Auf das zertret'ne Thierchen hin,
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Und rang mit wildem Schmerz.

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Wie wüthend fuhr mit Rachbegier
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Er auf den Mörder hin;
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Allein die Kette, die ihn band,
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War stärker, als die schwache Hand,
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Und zog auf's Lager ihn.

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Der Mörder ging, gesättigt war
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Von Teufelslust sein Herz:
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Sein Hohngelächter schallte noch
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Hinein zu ihm durch's Schlüsselloch,
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Und schärfte seinen Schmerz.

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Mein Glück, mein Alles, rief er, war's,
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Was hier dein Fuß zertrat!
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Zwar linderte die Zeit sein Weh;
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Doch wer es hörte, schauderte
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Zurück vor dieser That.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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