An Herren J.F. Ratschky

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Aloys Blumauer: An Herren J.F. Ratschky (1776)

1
Fünf Monden lang
2
An Faulheit krank,
3
Lag meine Mähre
4
Schon auf der Streu,
5
Und ich dabei.
6
Der Sporn der Ehre
7
War viel zu schwach;
8
Was er auch stach,
9
Ich streckt' und dehnte
10
Mich aus, und gähnte,
11
Und ward nicht wach.
12
Ich sah den Mayen,
13
Doch träumend nur,
14
Das Jahr erneuen.
15
Selbst die Natur
16
Sprang aus dem Bette,
17
Und zog sich an;
18
Und in die Wette
19
Erscholl ihr dann
20
In lauten Schlägen
21
Gesang entgegen.
22
Doch Aug und Ohr
23
Blieb mir, wie vor,
24
Fest zugeriegelt,
25
Als wären sie
26
Mit Pech versiegelt.
27
Die Harmonie
28
Von hundert Chören
29
Vermochte nicht
30
Mich aufzustören,
31
Bis dein Gedicht
32
Mich aufgerüttelt:
33
Ich las, und sieh!
34
Die Lethargie
35
War abgeschüttelt,
36
Mein Kopf ward warm
37
Und in den Arm
38
Kam mir ein Jucken
39
Wie Fieberzucken,
40
Und, Freund, für dich
41
Ergossen sich
42
Durch meine Finger
43
Die kleinen Dinger
44
Zur Antwort hier
45
Auf das Papier.

46
Du, dem hienieden
47
Das höchste Gut
48
Ein tanzend Blut
49
Und frohen Muth,
50
Natur beschieden,
51
Du machest dir
52
Selbst öde Mauern,
53
Wo Menschen trauern,
54
Zum Lustrevier,
55
Und mahlest mir
56
Kirch' und Kapelle,
57
Und selbst die Schwelle
58
Am Kerkerthor
59
So reizend vor,
60
Wie in der That
61
Wohl kein Prälat
62
Den Kandidaten
63
Den Aufenthalt
64
Der Herr'n Castraten

65
Allein der Bauer
66
Sey noch so schön,
67
D'rin wohnet Trauer.
68
Dem Vögelchen
69
Wird hinter'm Gitter
70
Wär's auch von Gold,
71
Der Zucker bitter:
72
Viel lieber holt
73
Es sich die Speise
74
Mit Müh', und lebt
75
Nach eig'ner Weise.
76
Es flattert, strebt
77
Nach seines gleichen:
78
Du magst ihm Trank
79
Und Futter reichen,
80
Es härmt sich krank,
81
Sieht seine Brüder
82
In freier Luft,
83
Hört ihre Lieder,
84
Sieht aus der Gruft
85
Der Liebe Freuden,
86
Und härmt sich ab
87
In seinem Grab

88
Zu solchen Leiden
89
Verdammten sich
90
Die Emigranten
91
Der Menschheit, bannten
92
Das all' von sich,
93
Was uns hienieden
94
Ein guter Gott
95
Zur Lust beschieden:
96
Ihr täglich Brod
97
Sind Sehnsuchtsblicke
98
In's Vaterland,
99
Das sie verbannt.
100
Und nicht zurücke
101
Die Armen läßt,
102
Die, ach! so fest
103
Ein Schwur gefangen,
104
Und von der Welt
105
Gesondert hält.
106
D'rum laß die Stangen
107
Nur immerhin
108
Von Golde prangen,
109
So bleibt ihr Sinn
110
Am Golde hangen.

111
O; glaube mir,
112
Es würde dir
113
Gar schlecht behagen,
114
Durch einen Schwur
115
Von der Natur
116
Dich loszusagen,
117
Und immerhin
118
An jedem Sinn
119
Ein Schloß zu tragen.

120
Bedenke nur,
121
Wie die Natur
122
Die Ueberläufer
123
Der Menschheit straft.
124
Ein blinder Eifer
125
Gibt ihnen Kraft
126
Das inn're Treiben
127
Der Menschlichkeit
128
Zu übertäuben;
129
Doch pflegt im Streit
130
Den Geiselstreichen
131
Kein Härchen breit
132
Der Trieb zu weichen,
133
Dem Heid' und Christ
134
Gleich zinsbar ist.
135
Was hilft all' Ringen
136
Mit ihrem Fleisch?
137
Wer kann sich keusch
138
Und fühllos singen?
139
Ein Opiat
140
Wär' in der That
141
In solchen Nöthen
142
Viel besser, als
143
Durch den Hals,
144
Den Wurm zu tödten,
145
Den Kämpfern rinnt.
146
Wenn Leib und Seele
147
In Flammen sind,
148
Und durch die Kehle
149
Noch Feuer rinnt,
150
Wer kann da sagen:
151
Ich habe mich
152
Mit meinem Ich
153
Herumgeschlagen?
154
Was Wunder denn,
155
Wenn sie im Bette
156
Gespenster seh'n,
157
Und in der Mette
158
Das hohe Lied
159
An Sulamith –
160
Das uns're Zeiten
161
So mystisch deuten –
162
Im gleichen Ton,
163
Wie Salomon,
164
Herunter singen,
165
Und oft dabei
166
Nach Athem ringen?

167
Wie vielerlei
168
Gefahren dräuen
169
Der Phantasei,
170
Wenn fromme Layen
171
Dem Priesterohr
172
In Schildereien
173
Ganz ohne Flor
174
Abkonterfeien,
175
Was sie verübt?
176
Allein es giebt
177
Noch mehr Gefahren:
178
Ein Mädchen, kaum
179
Von achtzehn Jahren,
180
Spricht nur von Traum
181
Und von Ideen,
182
Läßt stotternd kaum
183
Im Nebel sehen,
184
Was sie gethan;
185
Da muß der Mann
186
Durch zwanzig Fragen
187
Das gute Kind
188
So lange plagen,
189
Bis es die Sünd'
190
Ihm so genau
191
Wie Gerhard Dow
192
Im Kleinen mahlet.
193
So angestrahlet
194
Vom Schein der Lust,
195
Muß nicht die Brust
196
Ihm höher pochen,
197
Und Wollust kochen?
198
Ein Amtsgesicht
199
In solchen Fällen
200
Hilft wahrlich nicht,
201
Sich zu verstellen.
202
Kein Ordenskleid
203
Hemmt da das Bäumen
204
Der Menschlichkeit,
205
Und des geheimen
206
Verlangens Spur
207
Glüht auf den Wangen
208
Zu deutlich nur.
209
Dich hält, Natur!
210
Kein Eid gefangen;
211
Kein Scapulier,
212
Und kein Brevier
213
Band deine Triebe.
214
Der Arme hier
215
Verdammt die Liebe,
216
Und glüht von ihr,
217
Erwehrt sich kaum,
218
Selbst in den Sünden
219
Sie schön zu finden.

220
Ein Busenbaum
221
Zwar ahndet kaum
222
Das Echauffiren
223
In diesem Fall;
224
Denn judiciren
225
Muß nun einmal
226
Er über jeden
227
Gewissensfall:
228
D'rum hat er jeden,
229
Wie sich's gebührt,
230
Bei'm Sündenwägen
231
Privilegirt
232
Von Amtes wegen,
233
Weil ihn aus Pflicht
234
Der Kitzel sticht.

235
Kraft dieser Lehre
236
Die stets zur Ehre
237
Der Menschheit ist,
238
Bestimmt und mißt
239
Ein Casuist
240
Auf seiner Elle
241
Die Sündenfälle
242
Ohn' alle Fahr,
243
Und darf sogar
244
Ohn' Angst und Grauen
245
Der Sünderin
246
In's Antlitz schauen,
247
Die Sünde kühn
248
Anatomiren,
249
Mit Seel' und Sinn
250
Sich d'rein verlieren,
251
Darf, ohne Scham,
252
Dir jeden Schlamm
253
Von Lust filtriren. –
254
Noch nicht genug,
255
Er kann ein Buch,
256
Wie Sanchez, schreiben,
257
Und seinen Sinn
258
Zum Lustpfuhl in
259
Die Schwemme treiben,
260
Der gute Mann
261
Wird ohne Schaden
262
Darin sich baden,
263
Und bleibt – ein Schwan!

264
Genug für itzt!
265
Denn sieh, es schwitzt
266
Schon Roß und Reiter,
267
Auf einem Ritt
268
Bei solchem Schritt
269
Kömmt man nicht weiter.
270
Zudem sind ja
271
Die Verschen da,
272
Die kleinen Dinger
273
Dir, traun! von je
274
Gar bösliche
275
Gedankenzwinger.
276
Und Schritt vor Schritt
277
In dem Gebiet
278
Einher zu reiten
279
Ermüdet sehr;
280
Es auszureiten
281
Schickt es sich mehr
282
Zum Galoppiren,
283
Als zum Trottiren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.