Epistel an meinen Freund Pezzl, von Gastein im Salzburgischen

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Aloys Blumauer: Epistel an meinen Freund Pezzl, von Gastein im Salzburgischen (1776)

1
O Freund, dem ich dies Blatt aus einer Gegend schicke,
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Die zwanzigmal dem Himmel näher ist,
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Als ach! der Menschenpfuhl, worin ich dich erblicke,
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O höre doch, wenn du nicht ganz gehörlos bist,
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Die Stimme, die aus dieser Wüste
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Dir zuruft: Wenn du auch im Schlamm der Lüste
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Der Wienerwelt versenkt, und reif zur Hölle bist,
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So zieh' hieher, und werd' ein frommer Christ!
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O glaube mir, auf keinem Fleck der Erden
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Ist es so leicht ein Heiliger zu werden,
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Als hier; es sterben hier in diesem Grab
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Die Sünden uns, nicht wir den Sünden ab,
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So leicht, als ob sie nie gelebet hätten:
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Dies machte die Anachoreten
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Der Vorzeit einst so heilig, daß
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Der Fliegen, der Heuschrecken fraß,
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Und jener gar mit seinem heil'gen Hintern
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In einem Ameishaufen saß,
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Um d'rin andächtiglich zu überwintern,
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Kurz, was du siehst und hörst in dieser Einsamkeit,
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Ist lauter Stoff – zur Seligkeit! –
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Wir wohnen hier an einer Felsenwand,
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Die hinter uns empor zum Himmel steiget,
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Und vorn uns einen Abgrund zeiget,
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Der, weil ihn rund herum ein schwarz Gebirg umschließt,
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Ganz ähnlich einem Kessel ist.
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In diesen Kessel giessen die Najaden –
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Sonst Wäschernymphen von Gastein –
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Ihr heiß und rauchend Wasser stets hinein,
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Um gastfrei hier die Fremdlinge zu baden.
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Noch reißt durch diesen Kessel, fürchterlich,
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Ein ungeheurer, grosser Waldstrom sich,
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Der schäumend über gräßliche Cascaden
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Durch die von ihm gespaltne Felsenwand
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Wildbrausend selbst sich einen Weg gebahnt,
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Und hier im Kampf mit grossen Felsendämmen,
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Die seinem Laufe sich entgegenstemmen,
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Stets himmelan sein schäumend Wasser treibt,
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Das Auge netzt, und das Gehör betäubt.
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Und doch bei allen diesem hätte
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Man diesen Wasserfall zu Wien
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In eu'rer schönen Welt, ich wette,
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Daß mancher Grosse da für ihn
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Ein halbes Milliönchen böte.
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Ein Dutzend kleiner Bauern-Hütten
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Sind rund herum an Felsen angeklebt,
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Als schwebten sie in Luft, und mitten
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Auf einem breiten Felsen hebt
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Ein Haus, das einer Scheune ähnlich sähe,
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Wär's nicht mit Steinen zugedeckt,
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Sein hölzern Haupt stolzirend in die Höhe,
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Das sammt dem Felsen, der es trägt,
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Bei'm Wasserfall sich stets bewegt,
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Und allen, die darinnen wohnen,
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Die nichtige Vergänglichkeit der Welt
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Nachdrücklich stets vor Augen hält.
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O Freund, was für ein weites Feld
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Zu schönen Medidationen!

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Das Haus von innen, tritt mit dir nun fein
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Zugleich ein Ochs und Eselein hinein,
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Gleicht auf ein Haar dem heil'gen Stalle
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Zu Bethlehem, die Fenster alle
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Mit Scheiben wie ein Thaler klein,
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Steh'n mit dem Wind Jahr aus Jahr ein,
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Dem Anseh'n nach, in förmlichen Traktaten,
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Ihm stets den Durchzug zu gestatten.
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Und an des Hauses Utensilien
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Lernst du Genügsamkeit im höchsten Grade;
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Denn da ist nichts im ganzen Bade
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Von Kasten oder Kanape'n,
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Auch ist kein Vorhang da, ihn vorzuziehen;
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Denn ausser Ziegen oder Kühen
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Wird dir gewiß kein Aug' in's Zimmer seh'n.
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Doch dafür sind die Zimmer groß und schön,
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Und fast so hoch, als eure steinernen;
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Denn wiß', man nahm das Maß zu diesen Kabineten
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Nach eines Erzbischofs damastenen Tapeten,
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Der einst hier für das Zipperlein
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Dies warme Heilbad brauchen sollte,
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Und dessen Eminenz hier in Gastein
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So wie in Salzburg residiren wollte. –
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Der Weg hieher in diese Gegenden
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Ist recht vom Himmel ausersehen,
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Die Sünden all' durch Stossen und durch Rütteln
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Dir sammt und sonders aus dem Leib zu schütteln,
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Und lehrt daher selbst die gemächlichsten
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Bischöfe, so wie die Apostel geh'n;
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Denn ach, sie zögen nicht sechs Schimmel
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Den steilen Pfad. Kurz, Freund! beim Licht beseh'n
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Ist dies der wahre Weg zum Himmel,
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Den nur die Auserwählten geh'n.

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Die Berge bieten hier den Alexandern
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Und Hannibalen Trotz, und liegen seit
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Der unvordenklichen Gigantenzeit
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Noch immer einer auf den andern:
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Sie schliessen um und um dich ein,
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Und machen dir den Horizont so klein,
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Daß selbst die Sonne (wie uns hier die Sage
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Belehrt) an manchem Wintertage
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Die steilen Wände bis hinan
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Zum Gipfel nicht erklettern kann.
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Im Sommer reissen oft bei Regengüssen
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Die ungeheu'rsten Massen Stein
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Sich los, und sperren hier dich ein,
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Und lassen dich von aller Welt nichts wissen.
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Im Winter bist du Wochenlang verschneit,
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Bedenke, Freund! welch' eine Einsamkeit!

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Ganz ungestört kannst du in diesen öden Gauen
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Der Allmacht Wunder täglich schauen.
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Der kalte Winter mit schneeweissem Haupt,
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Der warme Sommer grün umlaubt,
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Die liegen hier in keuschen Liebesflammen –
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So wie manch Ehepaar bei euch – beisammen,
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Und zeugen dann in ihrer ehlichen
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Umarmung den, ach für uns arme Sünder
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Gefahrenvollen Lenz, und Florens eitle Kinder,
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Allein zum Glücke nicht für diese Gegenden;
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Ein Zephyr trägt sie fort in Zonen,
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Wo Menschen schon der Hölle näher wohnen.

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Und o das Klima, Freund! ist wie in Wien
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Die Schönen, launenhaft und voller Eigensinn,
122
Und recht gemacht, um dich in der Geduld zu üben;
123
Denn bald hüllt sich in einen trüben
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Und dichten Schlei'r der ganze Himmel ein,
125
Um ganze Wochen zu boudiren,
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Bald macht ein Bischen Sonnenschein
127
Dich schwitzen, bald ein Regen frieren,
128
Bald heizt man hier im Julius noch ein.
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Und um die Scene mehr noch zu variren,
130
Sieh, so geriethen neulich gar
131
Der Sommer und der Winter sich in's Haar,
132
Und gaben uns von bösen Ehen
133
Ein recht erbaulich Bild zu sehen.
134
Frau Sommer fing mit heissen Thränen an;
135
Allein ihr kalter, trotz'ger Mann
136
Ward toll, und schüttelte die eisige Perücke,
137
Und hauchte sie so grimmig an,
138
Daß, ach, in einem Augenblicke
139
Die arme Frau vom Scheitel bis zur Zeh'
140
Ganz überschneyt sich sah. Darob ereiferte
141
Sich dann Madam, und fing zum Gegenstücke.
142
Auf ihren alten Grobian
143
Zu donnern und zu blitzen an.
144
Und, so Freund, sahen wir, wie mitten
145
Im Junius der Schnee mit Blüthen,
146
Die Sommerlüftchen mit Dezember-Eis,
147
Der Blätter frisches Grün mit Weiß,
148
Und Blitze, die den Schnee versenkten,
149
Recht kunterbunt sich durcheinander mengten.

150
Das Volk ist gut und fromm, so wie es Schafen ziemt,
151
Die unter einem Hirtenstabe weiden,
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Der geistlich ist, und küßt darum mit Freuden
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Die Hand, die ihm die Wolle nimmt.
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Ja, Freund! in dieser Bergbewohner Hütten
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Herrscht noch die Einfalt alter Sitten,
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Allein nicht die, die Geßner uns beschreibt.
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Die Sennerin, die von der Welt geschieden,
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Den ganzen Sommer durch auf ihrer Alpe bleibt,
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Ist von der Ziege, die sie melkt und treibt,
160
Nur höchstens darin unterschieden,
161
Daß ihre Brust ein Bischen schwärzer ist.
162
Auch liegt auf ihren schönen Händen,
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Die ihr Damötas, wenn sein Herz zerfließt,
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Mit schmalzbeträuften Lippen küßt,
165
Von so viel Jahren Schmutz und Mist,
166
Als Schnee hier auf den höchsten Felsenwänden;
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Und will der Schäfer erst recht artig sein,
168
So geht er hin, und fängt mit eig'nen Händen
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Der Schönen einen Vogel? – nein!
170
Er fängt ihr einen jungen Bären,
171
Um ihr damit ein Möpschen zu verehren:
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Und läßt er sie, um recht galant zu sein,
173
Ein Lied auf seiner Pfeife hören,
174
So ist es ihrem Kropf und dicken Wanst zu Ehren.

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Kurz, Freund, und brennte Mark und Bein
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Dir von der bösen Lust, zieh nur hieher, ich wette,
177
Die Flamm' erlischt, als ob sie nie gebrennet hätte.
178
Zum mindsten ist – und kröchst du auch in's Bette
179
Zu einer solchen Lalage
180
Die Sünde, die du dann begehst, sehr klein.
181
Und für ein ganzes Dutzend solcher Sünden
182
Dich in dem Beichtstuhl abzufinden,
183
Hast du an einem Kreuzer schon
184
Genug; so wohlfeil ist die Absolution.
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Doch dafür ist mit Recht der Pfleger strenger;
186
Denn der bestraft die Sünd', die so ein Bärenfänger
187
Mit seinem Ziegenliebchen oft begeht,
188
Als eine wahre Bestialität.

189
Man hat noch manche sonderbare Weise:
190
Voressen nennt man hier die dritte Speise,
191
Und einen Hengsten ein verschnitten Pferd;
192
D'rum, Freund, wär' es ja wohl der Mühe werth,
193
Daß mancher, den die Sünde schon kastrirte,
194
In diese Gegend her sich retirirte,
195
Wo jeder, dem man schon zwei Drittel subtrahirt,
196
Noch immerhin für voll passirt.

197
So viel von dieses Landes Seltenheiten.
198
Du frägst nun auch nach unsern Lustbarkeiten?
199
Ja, lieber Freund, die Lustbarkeit
200
Ist eben hier die größte Seltenheit.
201
Die Jagd ist hier ein
202
Ein wahres
203
Weil, wie man sagt, seit undenkbarer Zeit
204
In allen bischöflichen Landen
205
Das Wildpret insgesammt – gerade so
206
Wie wir uns
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Einmüthiglich sich einverstanden,
208
Nur aus des Bischofs Hand, die niemals Blut vergießt,
209
Mit wahrem, christlichen Verlangen
210
Die heil'ge Bluttauf' zu empfangen.
211
Darum weh' dem, der einen Hasen schießt!
212
Weh' dem sogar, der einen ißt!
213
Denn zehnmal eh' wird jener losgesprochen,
214
Der alle Freitag Rindfleisch frißt,
215
Als der zu einem Hasen nur gerochen.
216
Ja, jeder, der sich nur vermißt,
217
Ein Federchen auf seinem Hut zu tragen,
218
Kann sicher sein, daß er in wenig Tagen
219
Für seine Eitelkeit im Kerker büßt!
220
Das Tanzen, wie du weißt, ist vieler Sünden Zunder,
221
D'rum, nimmt es, Lieber, mich nicht Wunder,
222
Daß hier sich jeder tanzbegier'ge Fuß
223
Vom Pfleger sich erbitten muß.

224
Im Bade selbst kann unser Leben
225
Dir ein frappantes Bild vom Himmel geben;
226
Denn, Freund, so wie im Himmelreich,
227
Ist hier ein Tag dem andern völlig gleich.
228
Man badet, ißt und legt sich nieder,
229
Und so schleicht jeder Tag dahin.
230
Die Unterhaltung mit den Badegästen
231
Sieht mager aus; denn aus den allerbesten
232
Ist nicht einmal ein Rüdikil zu zieh'n.
233
Ein läppisch Thier von einem Bader
234
Läßt manchesmal wohl unser'm Witz zur Ader,
235
Doch von der dicken Haut, die ihm der Himmel gab,
236
Prallt von zehn Bolzen stets die Hälfte ab.
237
Kurz, Freund, was Riesbeck auch von diesen Bergen schwärmte,
238
Es zeigt in diesem weiten Grab
239
Sich keine Seele dir, die leuchtet', oder wärmte.
240
Ja selbst dein Zwillingsbrüderchen,
241
Faustin, käm er in diese Gegenden,
242
Erführe bald – in diesen öden Gauen,
243
In dieser unfruchtbaren Welt von Stein,
244
Und bei so kargem Sonnenschein
245
Sei wenig Menschenglück zu bauen,
246
Und predigte dann statt Philosophie
247
Hier höchstens – Mineralogie.

248
Doch gerne, Freund! will ich in diesen Gegenden,
249
Wo man, statt dem Spazierengehen
250
Spazierenklettert, und anstatt dem Summen
251
Der Bienen, höchstens Bären brummen,
252
Und statt der Nachtigall, nur Schafe blöcken hört,
253
Gern will ich hier noch länger eingesperrt
254
Verweilen, wenn mir nur die gütige Najade
255
Von diesem sonst so wundervollen Bade
256
Die Heilung meines Freund's gewährt.
257
Gern will ich dann mein Täfelchen
258
Und diese wüsten Gegenden
259
Gleich einem Paradies besingen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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