Lob des Ochsen

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Aloys Blumauer: Lob des Ochsen (1776)

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Du edles Thier, von dessen Fleisch wir essen,
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Auf dessen Haut wir geh'n,
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Du, den die Dichter, ach, so ganz vergessen!
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Dich soll mein Lied erhöh'n.

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Man kann Orest und Pylades nicht trennen,
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Wenn man von Einem spricht,
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Den Esel pflegt man hundertmal zu nennen,
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Und dein gedenkt man nicht.

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Das träge Thier bekömmt die fettsten Pfründen,
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Dich spannt man an den Pflug;
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Du bist, um unter uns dein Glück zu finden,
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Nicht unbrauchbar genug.

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Arbeitsamkeit ist immer zu bedauern,
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Damit bringts keiner hoch,
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Wärst du nicht stark, man spannte mit den Bauern
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Dich niemals an ein Joch.

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Du bist sowohl gesotten als gebraten
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Bei Jedermann beliebt,
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Du bist das Magazin: das ganzen Staaten
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Zur Hälfte Nahrung gibt.

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Was für ein Thier hat sich im Nahrungsstande,
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Wie du, signalisirt?
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Und dennoch hat man dich in keinem Lande
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Dafür nobilitirt.

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Du gibst mit deinem Fett bei schlechtem Futter
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Der halben Erde Licht;
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Ein Domherrnbauch, gefüllt mit eitel Butter,
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Stinkt nur und leuchtet nicht.

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Der Esel ward berühmt, weil er vor Zeiten
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Sein Ohr dem Midas lieh:
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Du leihst dein Horn so vielen großen Leuten,
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Und davon spricht man nie.

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So viel durch dich auch grosse Männer prangen,
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So schön dein Horn sie ziert,
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So werden doch daraus zum Läusefangen
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Nur Kämme fabricirt.

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Doch besser denkt von deiner Hörner Stärke
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Der Dialektiker;
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Die höchste Kraft zum Ueberzeugungswerke
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Nimmt er von ihnen her.

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Dein Doppelhorn hat eine übergrosse
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Gewalt in seiner Hand,
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Es stößt dem Gegenpart bei jedem Stosse
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Ein Loch in den Verstand.

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Ja, Freund, so lang die Welt Juristen, Pfaffen
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Und Theologen hat,
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Beschützest du allein mit diesen Waffen
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Religion und Staat.

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D'rum haben auch die guten Götter immer
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Dein Doppelhorn geschätzt,
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Und es verklärt mit hellem Silberschimmer
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In unsern Mond versetzt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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