An die deutschen Mädchen

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Aloys Blumauer: An die deutschen Mädchen (1776)

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Deutsche Mädchen höret mich!
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Eu'rer Mütter Art will ich
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Schlecht und recht im Sang euch lehren,
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Wunderdinge sollt ihr hören:
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Mädchensitte, alt und neu,
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Will ich singen, frank und frei. –

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Arbeitlieb' und flinke Hand
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Geilte nie nach Stutzertand;
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Stutzer müssen Mädchen zollen,
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Die gebüfft sich brüsten wollen;
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Arbeitlieb' und flinke Hand
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Zollt wohl mehr als Stutzertand.

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Baß gedieh einst deutsches Blut
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Ohne Schirm und Sonnenhut;
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Vor der Sonne Strahlen beben,
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Heißt ja nur für's Auge leben:
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Reines, unverdorb'nes Blut
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Gibt nicht Schirm und Sonnenhut.

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Und der Jungfername war,
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Wie die Jungfrau, sonst nicht rar:
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Uns're lockern Junggesellen
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Machten Jungfern – zu Mamsellen,
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Und sie gaben Jungfernsinn
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Für Mamsellentitel hin.

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Trautes Nicken, Grüß euch Gott:
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War der Mädchen Grußgebot;
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Statt den deutschen Herzensgrüssen,
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Grüßt man jetzo mit den Füssen,
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Besser war einst Mädchengruß
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Mit dem Mund, als mit dem Fuß.

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Was man liebte, hieß im Nu
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Nach der deutschen Weise du;
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Gnadentitel, Excellenzen,
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Feile Zungenreverenzen
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Wurden deutsches Sprachgebot:
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Dutzen darf man jetzt – nur Gott.

37
Unschuld, holde Schüchternheit
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Galt sonst mehr als Artigkeit;
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Jungen mit den Blicken tödten,
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Und vor Zotten nicht erröthen,
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Heißt jetzt artig; schüchtern thun
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Nennt man Bauerneinfalt nun.

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Schamerröthen durft' allein
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Deutscher Mädchen Liebreiz sein.
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Dirnen, die mit Schande prangen,
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Malen Scham sich auf die Wangen,
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Malet, Dirnen, das Gesicht,
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Sparet das Erröthen nicht!

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Deutschem Herzen, deutschem Blut
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Waren deutsche Mädchen gut;
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Zwitterarten, Modelaffen,
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Die nach allen Dirnen gaffen,
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Frech vom Auge, frech von Hand,
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Schänden Mädchen und ihr Land.

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Deutsche Liebe, warm und rein,
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Nahm ein deutsches Mädchen ein;
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Honigwörtchen, Händelecken
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Sind der Angel süsser Gecken,
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So ein süßkandirter Wicht
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Freit' ein deutsches Mädchen nicht.

61
Heilig war der Ritterschaft
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Deutscher Mädchen Jungfrauschaft;
63
Schwache, geile Lotterbübchen:
64
Naschen nun bei jedem Liebchen:
65
Lotterbübchen, weiß und roth,
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Sind der Mädchenunschuld Tod.

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Gutem Leumund, rein wie Gold,
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Waren deutsche Mädchen hold;
69
Alle Welt kennt jetzt die Schwäger
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Von des Liebchens Hörnerträger;
71
Böse Sage, Spott und Schmach
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Folgt der Braut in's Ehbett nach.

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Vaterhaus und Vaterfeld
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War der deutschen Mädchen Welt,
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Assembleen, Promenaden,
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Ständchenlust und Serenaden,
77
Neuer Zeiten loser Tand,
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Fremd im deutschen Vaterland.

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Hausgeräth und Wirthschaft war
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Mädchenarbeit Jahr für Jahr;
81
Mit der Mode Putzgebühren
82
Hausprofit und Zeit verlieren,
83
War Verbrechen – Wohlstand heut:
84
Kehre wieder alte Zeit!

85
Bibel und Gesangbuch las
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Jedes deutsche Mädchen baß;
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Sang- und Bibelbuch verdrangen
88
Fratzenbüchlein – Sittenschlangen!
89
Süßer Witz und Tugendspott
90
Kitzeln Mädchenunschuld todt.

91
Armen Kindern gab in Noth
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Jedes gute Mädchen Brod;
93
Dafür mästen ihre Petzchen
94
Mädchen nun mit Zuckerplätzchen
95
Hunde fressen Zuckerbrod,
96
Arme Kinder leiden Noth.

97
Ritterlieder, keusch und rein,
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Schauerlich bei'm Mondenschein,
99
Flossen sanft aus Mädchenkehlen;
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Bänglich ward's den lieben Seelen,
101
Und manch' süsser Seufzer drang
102
Sich herauf in ihren Sang.

103
Nun ist Mädchen Melodei
104
Papageienkunstgeschrei,
105
Wenn Kanariengurgeleien
106
Sie dem Werklein nachlalleien:
107
Lieblicher und süßer klang
108
Freier Mädchen Waldgesang!

109
Deutsche Mädchen, wie gefällt
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Euch die alt' und neue Welt?
111
Mögt ihr noch die Nase rümpfen,
112
Und auf alte Sitte schimpfen.
113
Alt und neu, nun, was gefällt?
114
Doch ihr habt ja schon gewählt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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