Prolog zu Herrn Nicolai's neuester Reisebeschreibung von Obermayer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Aloys Blumauer: Prolog zu Herrn Nicolai's neuester Reisebeschreibung von Obermayer (1776)

1
Der bösen Kritik Ursprung fällt
2
Gerade in das Jahr der Welt,
3
Das man nicht darf bedeuten;
4
Weil sich zwei große Kritiker,
5
Petavius und Skaliger,
6
Im Grabe d'rum noch streiten.

7
Kurzum, der erste Kritiker
8
War Cham: der ging zum Luzifer
9
Sechs Monat' in die Lehre:
10
Er zeigte bald recht viel Geschick,
11
Und machte durch sein Meisterstück
12
Dem Meister sehr viel Ehre.

13
Denn als sein Herr Papa sich krank
14
Am ersten Ratzerstorfer trank,
15
(und wie's im heissen Lande
16
Oft Blössen gibt) so sah er ihn,
17
Und zeigte mit dem Finger hin,
18
Auf seines Vaters Schande.

19
Doch, hätte schon um diese Zeit
20
Von derlei Blössen Würdigkeit
21
Präputius
22
Es wäre, das versichr' ich euch,
23
Der unverschämte Fingerzeig
24
Gewißlich unterblieben.

25
So aber ward der Wein verflucht,
26
Und macht nun dem, der ihn versucht,
27
Koliken im Gehirne:
28
Wir selbst sah'n noch zu uns'rer Zeit,
29
Die Folgen seiner Schädlichkeit
30
An Nicolai's Stirne.

31
Allein davon ein andermal –
32
Die Kritik ward nun überall
33
Durch Cham's Geblüt verbreitet:
34
Auf Sara's Runzeln, Abram's Bart,
35
Aus Ziegen, Ochsen, Schafe ward
36
Mit Fingern hingedeutet.

37
Noch ärger ging's zu Babel her,
38
Da war kein Ziegel, den das Heer
39
Der Kritiker verschonte,
40
Woher es denn auch kommen mag,
41
Daß man damit bis diesen Tag
42
Nicht fertig werden konnte.

43
Und eben von dem Saus und Braus
44
Bekam das grosse Schneckenhaus
45
Den bösen Namen Babel;
46
Denn als sie's gar zu bunt gemacht,
47
Wuchs jedem Kritler über Nacht
48
Zur Straf ein andr'er Schnabel.

49
Das Kritlervolk zerstreute sich
50
Nun unter jeden Himmelsstrich,
51
Ward kecker in der Ferne,
52
Und bellt nun, wenn es ihm gefällt,
53
So wie der Hund den Mond anbellt,
54
Hinan bis an die Sterne.

55
Der Zeichendeuter Balaam
56
Ließ sich der erste ohne Schaam
57
Mit Geld und Schimpfen dingen:
58
Er wollte los gen Israel zieh'n,
59
Doch glückt' es seinem Esel, ihn
60
Noch zur Raison zu bringen.

61
Dafür gelang's dem Semei,
62
Der seinem Herrn in's Antlitz spie,
63
Sich zu nobilitiren:
64
Denn der Minister machte kund:
65
Er sollt' hinfür den Titel:
66
Im Prädikate führen

67
Indeß die Kritik auf der Welt
68
Ihr Amt bald gratis, bald um's Geld
69
So ziemlich leidlich führte,
70
Geschahe in der Himmelsburg
71
Ein Unglück, das sie durch und durch
72
Mit Giftschaum inprägnirte.

73
Der alte Momus, der bisher
74
Am Hof des Vaters Jupiter
75
Den Tischhannswursten spielte,
76
Als er einst Junons Möpschen stieß,
77
Bekam von ihm solch einen Biß,
78
Daß er vor Schmerzen brüllte.

79
Und weil das Hündchen wüthig war,
80
So ward es auch der arme Narr,
81
Es schwoll ihm Mund und Kehle;
82
Und jedes Wörtchen, das er sprach,
83
Ward auf der Zunge Gift, und stach
84
Die Götter in die Seele.

85
Er tobt' und schäumte fürchterlich,
86
Biß unter'n Göttern wild um sich
87
Und ihren Kammerdienern;
88
Kurzum, er spielte allen mit,
89
Wie unlängst ein Nicolait
90
Es machte mit den Wienern.

91
Seit dieser Zeit ist Kritelei
92
Und böse Hundswuth einerlei:
93
Das Gift fieng an zu schleichen,
94
Und ist, kömmt's gleich vom Himmel her,
95
Den Menschen nun gleich schrecklicher,
96
Als Pest und and're Seuchen.

97
Denn ach! vom Kritlergifte wird
98
Man augenblicklich inficirt
99
Vom Fuß bis auf zum Scheitel;
100
Ja vor dem Biß des Kritikus
101
Schützt nicht einmal Merkurius –
102
Nur höchstens noch sein Beutel.

103
Dabei ist dieses Gift sehr fein,
104
Man kann es in ein Briefelein
105
Ganz leichtlich einballiren;
106
Man liest, und ist des Giftes voll,
107
Und so kann man von einem Pol
108
Zum andern inficiren.

109
Ja, was noch mehr, es ist so scharf,
110
Daß man's nur sehen lassen darf,
111
Um Unheil anzustiften;
112
Auch kann man nach Jahrtausenden
113
Damit die Abgeschiedenen
114
Im Grabe noch vergiften.

115
Nun sollt ihr Herr'n noch kurz und gut
116
Von der besagten Krittlerwuth
117
Den ganzen Stammbaum wissen:
118
Gebt Acht: Man hat von Momus an
119
Bis auf den heut'gen Tag fortan
120
Einander sich gebissen.

121
Mit rechtem Hundesappetit
122
Biß einst Herr Momus den Thersit,
123
So kam das Gift schon weiter:
124
Weil der Gebißne beißen muß,
125
So biß Thersit den Zoilus,
126
Homerens Sylbenreiter.

127
Herr Zoilus war auch nicht faul,
128
Und biß den Aristarch in's Maul,
129
Den grossen Splitterrichter;
130
Der aber biß den Mevius,
131
Mev aber biß nun aus Verdruß
132
Herrn Martial, den Dichter.

133
Und Skaliger, gelehrt, durch ihn,
134
Biß den Muretus
135
Das müßt ihr mich nicht fragen:
136
Und wenn es denn gesagt seyn muß,
137
So gehet hin, – Präputius
138
Wird euch's statt meiner sagen.

139
Der hochgelehrte Fleischerhund
140
Sciopius biß alles wund,
141
Was er nur wahrgenommen,
142
Und weil er die Jesuiten biß,
143
So ist das Gift auch unter dieß

144
Hier ward es noch gefährlicher,
145
Dann schleichend Gift und trieb nicht mehr
146
Den Schaum heraus zum Munde;
147
Es war oft, eh man sich's versah,
148
Im Leibe des Gebißnen da,
149
Doch sah man keine Wunde.

150
Allein mit gifterfülltem Zahn
151
Fiel Burmann einst Herrn Klotzen an,
152
Und zwickt' ihn in die Wade;
153
Klotz ward nun auch dem Wasser gram,
154
Und wer ihm nur zu nahe kam,
155
Den biß er ohne Gnade.

156
Er biß gar schrecklich um sich her,
157
Es wollte schon kein Autor mehr
158
Auf off'ner Strasse gehen,
159
Herr Doktor Lessing gab ihm zwar
160
Zum Schwitzen ein, allein es war
161
Nun schon einmal geschehen.

162
Einst als die Wuth in's Hirn ihm schoß,
163
Ging er auf Nikolai los,
164
Und packt' ihn bei den Ohren:
165
Der Arme schrie gar jämmerlich:
166
Iha! Iha! – und fühlte sich
167
Zum Kritler auserkohren.

168
Nun war das Gift im rechten Mann:
169
Er schäumte wild, und biß fortan
170
Mit Jedem in die Wette,
171
Die Polizei litt in Berlin
172
Das Beissen nicht, d'rum schloß man ihn
173
An eine lange Kette.

174
Doch um das Gift, das ihm fortan
175
In Strömen aus dem Munde rann,
176
Durch Deutschland zu verbreiten,
177
So ließ er für den Giftschaum all'
178
Sich einen eigenen Kanal
179
Von Löschpapier bereiten.

180
Vor diesem mächtigen Kanal
181
Ließ er die grossen Männer all'
182
In Kupfer konterfeien,
183
Um ihnen, wenn's ihn lüstete,
184
Zum mind'sten in
185
In's Angesicht zu speien.

186
Bald fiel's ihm ein, die Dichterschaar
187
Die nicht so, wie sein Ramler, war,
188
In Stücke zu zerreissen;
189
Bald wandelte die Lust ihn an,
190
Den Teufel, der ihm nichts gethan,
191
Zur Höll' hinauszubeissen.

192
Einst fiel er einen Britten an
193
Mit seinem Uebersetzerzahn,
194
(denn ach! sein Bauch war eitel)
195
Den fraß er, spie ihn d'rauf und hieß
196
Uns essen, doch wer aß, den biß
197
Er schrecklich in den Beutel.

198
Mit beiden Pfoten scharrt' er d'rauf
199
Der Tempelherren Gräber auf,
200
Und nagt' an ihren Knochen,
201
Und ruhte keinen Augenblick,
202
Bis er den Armen das Genick
203
Zum zweitenmal gebrochen.

204
Einst als die Wuth am höchsten war,
205
Zerriß er seine Kette gar,
206
Und lief nach neuer Beute:
207
Die Böhmen und die Deutschen sah'n
208
Ihn laufen, aber jedermann
209
Ging hübsch ihm auf die Seite.

210
Gar bald kam er in Wien auch an,
211
Hier schärft' er seinen Kritlerzahn
212
Zu neuen Heldenthaten;
213
Trank unsern Ratzerstorfer Wein,
214
Und ach, verbiß sich obend'rein
215
In unsern Lungenbraten.

216
Allein man scheute seine Wuth,
217
D'rum fand der Magistrat füt gut,
218
Sogleich zu publiciren:
219
Zur Sicherheit soll man hinfür
220
Die tollen Hund' und Krittler hier
221
An einem Strickchen führen.

222
Auch lag bei hoher Obrigkeit
223
Sankt Huberts Schlüssel schon bereit,
224
Um ihn damit zu brennen:
225
Doch er verließ, eh dies gescheh'n,
226
Um in die Schweiz zu rennen.

227
Was er gegessen und geseh'n,
228
Ward in dem Leib des Wüthigen
229
Zu Gift im Augenblicke:
230
So kam er toller als vorher,
231
Bepackt mit Gifte Zentnerschwer,
232
Nun nach Berlin zurücke.

233
Da staunte man ob seiner Wuth,
234
Und fürchtet' eine Sündenfluth,
235
Im Fall er bersten sollte;
236
Gleich ritt die Polizey herum,
237
Die ein
238
Dafür zusammenholte.

239
Man disputirte her und hin,
240
Und als die Aerzte von Berlin
241
Nun ihre Vota gaben,
242
So decitirte der, man sollt'
243
Ihm aderlassen, jener wollt'
244
Ihn angezapfet haben.

245
Allein der Protomedicus
246
Stand auf, und sprach: ihr Herr'n, hier muß
247
Man keine Zeit verlieren,
248
Ich fand des Giftes ihn so voll,
249
Daß er sogleich purgiren soll;
250
Und alle schrie'n – purgieren!

251
Man gab ihm ein. Die Dosis war
252
Gewaltig groß, und macht' ihm gar
253
Entsetzliche Beschwerden:
254
Er schrie dabei gar jämmerlich,
255
Und krümmte manche Stunde sich,
256
Des Giftes los zu werden.

257
Nach langem Drucken endlich wich
258
Das Gift von ihm, er gab von sich
259
Acht dicke Bände Reisen:
260
Dazu lud er uns schriftlich ein,
261
Und wer von der Partie will sein,
262
Dem wünsch' ich – wohl zu speisen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.