Der Bock und die Ziege

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Aloys Blumauer: Der Bock und die Ziege (1776)

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Zu einem Bock, der, weil er schwarz von Haar
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Von langem Bart, und finst'rer Stirne war,
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Ganz einem hochgelehrten Meister
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An Ausseh'n und an Mienen glich,
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Und der, durch jeden Kampf noch dreister,
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In keinem Bocksgefechte wich,
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Den die Natur statt dem Gehirne
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Mit zwei steinharten Knöpfen an der Stirne
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Zum Kampf versah, der, wenn er stieß,
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Sich und den Gegner stets in eine Lache schmiß,
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Und, wenn die Scham den Gegenpart vertrieben,
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Der Letzte auf dem Platz geblieben.
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Der endlich, weil sein Herz so hart
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Als seine Stirne schien – der Heerde Führer ward:
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Zu diesem Bock kam eine durst'ge Ziege,
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Und flehte, wie die Armuth flehen kann,
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Ihn um ein bischen Klee für ihre Jungen an.
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»meinst du, daß ich mein Futter gratis kriege?«
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Erwiederte der Bock, der wie
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Ein Wuch'rer nur auf Pfänder lieh,
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»zu schenken hab' ich nichts; doch weil da steht geschrieben,
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Man müsse seinen Nächsten lieben,
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So will ich, wenn du zahlst, und Sicherheit
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Mir schaffen kannst, auf eine kurze Zeit
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Von meinem Futter dir, so viel du brauchest leihen.«
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»ich würde nicht das Zahlen scheuen,
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Wenn du mir borgtest, sprach die Ziege; aber wer
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Verbürgt für Arme sich? und ach, ein Pfand, woher?
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Du hast ja noch an deinem Leib, versetzte
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Der zähe Filz, ein schönes Fell,« und schätzte
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Mit einem Blick den Werth; »verpfände mir
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Den Balg indeß', in warmen Sommertagen
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Pflegt man ja keinen Pelz zu tragen:
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Laß mir zur Sicherheit ihn hier,
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Ich will ihn dir bewahren vor den Schaben.

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Im Winter, wenn du zahlst, magst du ihn wieder, haben.«
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Was war zu thun? Die Ziege brauchte Klee.
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Um sich aus ihrer Noth herauszuwinden,
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Ließ sie geduldig sich von ihrem Wuch'rer schinden,
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Gab ihm den Balg, und fütterte
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Zu Haus die Jungen satt. Der Winter kam heran
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Und strenger Frost hielt sie zum Zahlen an.
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Sie darbte kümmerlich vom Munde
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Sich jeden Bissen ab, und lief zur Stunde
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Zum Gläubiger, ihr Pfand zu lösen, hin.
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Der Bock, mit Brillen auf der Nase,
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Durchsah den Klee, ob sie mit Grase
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Ihn nicht vermischt, verwahrte ihn,
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Und gab ihr die zerfreßnen Stücke
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Von einem Balg, der ganz einst war, zurücke.
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»gott! rief die Ziege mit bethräntem Blick,
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Ich hab' euch frisch mein Fell vom Leibe geben müssen,
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Und ihr gebt mir es nun zerrissen,
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Voll Löcher und ganz kahl zurück;
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Seyd nicht so hart mit einem armen Thiere:
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Ihr gabt mir aus Erbarmen Klee,
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Damit ich nicht verhungerte,
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Gebt mir nun auch ein Fell, damit ich nicht erfriere!«
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»kauf dir beim Kirschner ein's!« erwiederte
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Der Bock voll Zorn, und stieß sie vor die Thüre.
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Die Ziege ging mit tiefgebeugtem Sinn
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Und halb zerfreß'nem Balg zum Thron des Adlers hin,
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Um ihm das schändliche Betragen
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Des Bock's und ihre Noth zu klagen. –
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Der weise Adler sprach: Der Bock ersetze dir
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Dein Fell, und zahle, was du willst, dafür.
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Allein dem Eigennutz, der stinkt, zur Strafe,
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Soll immerhin zum Abscheu aller Schafe
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Gestank sein Antheil sein! – Der Adler winkt,
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Und sieh: der Bock ersetzt – und stinkt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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