Lied eines Landmannes, über den Fluch: Im Schweiß seines Angesicht's sein Brod zu essen

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Aloys Blumauer: Lied eines Landmannes, über den Fluch: Im Schweiß seines Angesicht's sein Brod zu essen (1776)

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Bei meinem Eid! mir schmecket nichts,
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Als was im Schweiß des Angesichts
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Ich selbst gepflanzet habe;
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Zwar ißt sich auch der Reiche satt;
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Allein das Brod heißt in der Stadt
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Gar selten Gottesgabe:

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D'rum schlägt es auch dem reichen Mann
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Daselbst so wunderselten an,
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Er mag sein Mahl mir preisen,
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Ich dank'. Er sitzt dabei und flucht
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Der Unverdaulichkeit, und sucht
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Den Hunger in den Speisen.

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Der Narr! er wird ihn nimmermehr,
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Und sucht er ihn auch noch so sehr,
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In seiner Schüssel finden;
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Und seufzt er denn nach Appetit
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So komm' er her, und helfe mit
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Im Feld die Garben binden.

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Und so das nicht den Eckel bannt,
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So nehm' er noch die Axt zur Hand,
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Und haue mit uns Buchen,
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D'rauf setz' er sich zum Milchtopf hin,
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Und traun! es wird der Hunger ihn,
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Nicht er den Hunger suchen.

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Und nach gestilltem Appetit,
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Da braucht es wohl kein Wiegenlied,
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Den Herrn auch einzuwiegen:
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Es wird sich dann auf hartem Brett
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Viel besser, als im Himmelbett
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Auf weichen Pflaumen liegen.

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Weiß Gott, was all' für Weh und Leid
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Im Magen und im Eingeweid
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Die Müßiggänger klagen:
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Nur zur Mittags-und Abendszeit,
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Wenn er nach Trank und Speise schreit,
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Empfind' ich meinen Magen.

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Die Arbeit ist zu jeder Zeit
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Zu Appetit und Munterkeit
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Der ächte Wunderschlüssel;
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So voll auch Topf und Teller ist,
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Ich leere sie, kein Eckel frißt
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Mit mir aus meiner Schüssel.

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Die Bäume, die ich pflanze, sind
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So lieb mir als mein eigen Kind;
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Und so sie Frucht ansetzen;
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So führ' ich meine Buben hin,
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Und lasse sie mit frohem Sinn
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Daran die Gaumen letzen.

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Und so sie dann mit frohem Muth
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Mir zuschrei'n: Vater, das ist gut!
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So sag' ich ihnen: Sehet,
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So ist die Frucht der Arbeit hold!
53
Doch Kinder, wenn ihr ernten wollt,
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So gehet hin, und säet!

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Mein Gärtchen ist beständig voll,
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Ich darf mit Geld um Kraut und Kohl
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Nicht erst zu Markte laufen:
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Mein Zugemüs schmeckt doppelt süß;
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O wüßten grosse Herren dies,
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Sie würden es nicht kaufen.

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Mein Kapital ist Arbeit bloß,
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Das leg' ich in der Erde Schooß
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Auf hohe Zinsen nieder;
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Und diese gibt mir allemal
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Die Zinsen sammt dem Kapital
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Wohl hundertfältig wieder.

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Und fühl' ich oft der Arbeit Druck,
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Und will vom schwergehalt'nen Pflug
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Die matte Hand mir sinken,
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So denk' ich meiner Mühe Lohn,
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Und seh' voraus im Geiste schon
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Die vollen Aehren winken.

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Ich bin vergnügt, und tauschte nicht,
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Was auch davon die Bibel spricht,
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Mit Adams Paradiese:
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Er wußte nicht, was Arbeit war,
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Und lag das liebe, lange Jahr
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Auf seiner grünen Wiese.

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Und war ihm, wenn er müssig lag,
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Wie mir an einem Feiertag,
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So hab' ich nichts dagegen,
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Und denke mir: du lieber Gott!
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Mit deinem Fluch hat's keine Noth,
84
Mir ist er lauter Segen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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