Der stolze Mensch, an seines Lebens Ziele

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Aloys Blumauer: Der stolze Mensch, an seines Lebens Ziele Titel entspricht 1. Vers(1776)

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Der stolze Mensch, an seines Lebens Ziele
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Noch immer lüstern nach Vergötterung,
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Erfand von je der schlauen Künste viele
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Zu seines kurzen Seins Verewigung.

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Zum Himmel hebt sich Marmor, schwingt sich Ode,
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Wenn in ihr Nichts der Fürsten Grösse sinkt,
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Und mancher Fürstenleib hüllt nach dem Tode
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In Ambra sich, indem sein Name stinkt.

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Noch stolzer pflanzt die menschlichen Gerippe
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Der Aberglaub' auf Hochaltäre hin,
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Und eine Welt berührt mit frommer Lippe
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Den Leib, vor dem sie vorher ausgespie'n.

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So wird Labré, der einst im Gassenmiste
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Sich seine Nahrung suchte, gleich dem Schwein,
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Nun bald, verklärt auf hohem Schaugerüste,
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Ein Gegenstand der Volksverehrung sein.

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So ward die Hülle, die als ihrem Meister
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Der Seele dient, von Menschen stets geehrt;
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Doch die Reliquien der großen Geister
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Fand nie die Welt so vieler Achtung werth.

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Sie ätzte mit stiefmütterlichen Händen
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Der Weisheit Schätze nur in rohen Stein,
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Und hüllte, daß nur wenige sie fänden,
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Sie noch sogar in Hieroglyphen ein.

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Selbst dann, als sie dem edleren Erfinder
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Der Schreibekunst dies Kleinod anvertraut,
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Da kleideten der Weisheit schönste Kinder
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Demüthig sich in eine Eselshaut.

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Oft nur gehüllt in Blätter, Bast und Rinde,
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Oft auch geätzt in Holz und Wachs und Blei,
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Ward doch die Weisheit bald ein Spiel der Winde,
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Und bald ein Spiel der Menschentyrannei.

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Sie war's, die ein Tyrann einst so verkannte,
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Daß er befahl den Flammen sie zu weih'n;
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Sie war's, die einst ein großer Papst verbrannte,
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Um groß, so wie Herostratus, zu sein.

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Nur kümmerlich im gothischen Gewande
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Erhielt sie sich durch ihrer Feinde Hand,
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Bis endlich ihr in unserm Vaterlande
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Die deutsche Kunst ein besser Kleid erfand.

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Rein, einfach, so wie sie und ihre Lehre,
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War nun das Kleid, das man für sie erdacht',
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Seitdem ging auch dem Vaterland zur Ehre
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Die Wahrheit stets in einer deutschen Tracht.

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Allein der Deutsche blieb bei dem Gewande,
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Das er zur Nothdurft ihr gegeben, steh'n,
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Und überließ nun einem fremden Lande
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Den Ruhm, auch schön gekleidet sie zu seh'n.

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Der Alde, der Stephan' und Baskerville,
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Und der
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Verschönerte der Weisheit deutsche Hülle,
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Und weit zurück blieb unser Vaterland.

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Denn eine deutsche Lotterbubenrotte
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Vergriff sich hier am Geisteseigenthum,
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Und hing der Weisheit, Kindern nun zum Spotte,
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Die Lumpen ihres eignen Schmutzes um.

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Piraten gleich, die fremde Habe plündern,
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Nahm diese Bande mit dem Ruhm vorlieb,
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Daß sie ein ganzes Heer von Geisteskindern,
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Den Sklaven gleich herum zu Markte trieb.

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Ein Deutscher war der schönsten Kunst Erfinder,
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Die für die Weisheit je der Geist ersann,
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Und seine goldbegier'gen Kindeskinder
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Vernichteten, was er für sie gethan.

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Wie lange wird zur Schande uns'rer Väter
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Noch deutscher Schmutz die deutsche Kunst entweihn;
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Und wird der Schritt, den hier ein Ehrenretter
68
Der Weisheit wagt, ganz ohne Folgen sein?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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