Glaubensbekenntniß eines nach Wahrheit Ringenden

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Aloys Blumauer: Glaubensbekenntniß eines nach Wahrheit Ringenden (1776)

1
Zwei Kräfte sind es, die den Menschen lenken,
2
Sie leiten ihn bald süd-, bald nordenwärts;
3
Natur gab ihm Verstand, um recht zu denken,
4
Um recht zu handeln gab sie ihm das Herz.

5
Und zwei so schwachen Kräften unterthänig,
6
Wie schwer wird oft dem Sterblichen das Ziel!
7
O der Verstand hienieden
8
Und ach, das Herz wünscht, ahnet,

9
Im Wahn, der Wahrheit selber nachzufliegen,
10
Jagt oft der Geist nach einer Wolke bloß:
11
Im Wahn, der Tugend selbst im Arm zu liegen,
12
Liegt oft das Herz dem Laster in dem Schooß.

13
Und sind nicht diese Führer auf den Wegen
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Des Glücks oft mit sich selbst im Widerspruch?
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Ist nicht oft das, was die Vernunft als Segen
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Erkennt und billigt, der Empfindung Fluch?

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Glaubt nicht das Herz oft Tugend da zu finden,
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Wo der Verstand nur Irrthum, Täuschung sieht?
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Beweist nicht die Vernunft mit ihren Gründen
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Oft Rechte, die das Herz als Laster flieht?

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Kann uns ein Licht, das jedes Wölkchen trübet,
22
Wohl zeigen, wo die helle Wahrheit sey?
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Bleibt ein Gefühl, das auch den Irrthum liebet,
24
Wohl stets der reinen, wahren Tugend treu?

25
D'rum meinen Viele, die's bequemer finden,
26
Sich einer fremden Hülfe zu vertrau'n:
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Man müsse, wo die Wahrheit zu ergründen
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So schwer ist, nur auf fremden Glauben bau'n.

29
Allein ist glauben sicherer als wissen?
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Gehorsam besser als das Selbstgefühl?
31
Und bringt ein Licht, das wir entlehnen müssen,
32
Uns leichter als das eigene zum Ziel?

33
Ist nicht der Funke, der im Menschen flimmert,
34
Ein Licht, so gleich vertheilt als allgemein?
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Und wird die Sonne, die hier Land's uns schimmert,
36
In andern Zonen ohne Flecken sein?

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Ist's sich'rer, sich die Augen zu verbinden,
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Um an des andern Stab' einherzugehn?
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Gab die Natur uns Augen zum Erblinden,
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Und Füsse, um nicht selbst darauf zu stehn?

41
Und dennoch ist in manchen Prüfungsstunden
42
Das Herz so gern dem Glauben unterthan,
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Und oft schlägt ihm die strenge Wahrheit Wunden,
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Die nur allein der Glaube heilen kann.

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Ja, auch dem Glauben ist sein Reich beschieden,
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So gut wie der Vernunft; allein wer kennt
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Die Linie, die sein Gebiet hienieden
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Von dem Gebiete des Verstandes trennt?

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Nur da, wo die Vernunft mit ihren Blössen
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Nicht hinreicht, fängt das Reich des Glaubens an.
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Doch wer hat des Verstandes Arm gemessen,
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Und wer bestimmt, wie weit er reichen kann?

53
Muß nicht der Glaube blos zum Mantel dienen,
54
Den stets der Geist um seine Blössen warf?
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Und darf der Sterbliche sich auch erkühnen,
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Noch mehr zu denken, als er wissen darf? –

57
O du, der mir den Geist voll Durst nach Wahrheit
58
Und ein so weiches Herz zum Glauben gab,
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Dir leg' ich hier am Throne deiner Klarheit
60
Ein frei Bekenntniß meines Glaubens ab.

61
Nur dir, Unendlicher! weil meine Seele
62
Vor deinem Blick' allein sich nicht verschließt,
63
Nur dir, weil du allein nur, wenn ich fehle,
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Und nicht der Mensch in Rom, mein Richter bist.

65
Nur dir, weil du nicht so, wie Menschen, strafen,
66
Nicht unduldsam wie Menschen zürnen kannst,
67
Und einen Geist, den du selbst frei geschaffen,
68
Nicht so wie sie an's Joch des Glaubens spannst.

69
Und leuchtet nicht mein Geist mit deinem Lichte?
70
Hast du nicht jeden Strahl ihm zugezählt?
71
Geht mit dem Mond die Sonne zu Gerichte,
72
Wenn er nicht, so wie sie, die Nacht erhellt?

73
So höre denn, und zünde, wenn ich fehle,
74
Nur einen Strahl von deinem Licht mir an:
75
Ein Strahl aus deiner Hand in meiner Seele,
76
Ein Strahl des Heils, kein Strahl vom Vatican. –

77
Ich glaube, daß du manchen Lebensmüden
78
Mit Glauben an die beß're Zukunft lab'st,
79
Allein ich weiß auch, daß du mir hienieden
80
Den regen Geist nicht bloß zum Glauben gab'st.

81
Ich glaube, daß der Glaub' in allen Zeiten
82
Den schwachen Geist des Menschen aufrecht hielt,
83
Daß er ihn stärkt in Widerwärtigkeiten,
84
Und ihn mit süssen Hoffnungen erfüllt;

85
Allein ich weiß – die Welt hat es erfahren –
86
Daß selbst der Glaub' in deiner Priester Hand
87
Mehr Böses that in siebzehn hundert Jahren,
88
Als in sechs tausend Jahren der Verstand.

89
Ich glaube, daß der Mensch in einer Zone
90
Dem Licht sich mehr, als in der andern naht,
91
Allein ich weiß, er hat kein Recht zum Lohne,
92
Weil Rom, nicht Japan, ihn erzeuget hat.

93
Ich weiß, daß ich den Himmel nicht verdiene,
94
Und daß du wenig Dank mir schuldig bist,
95
Weil ich dir, Herr! in einem Tempel diene,
96
Der meines Vaters Haus' am nächsten ist.

97
Ich glaube, daß dir eine Art zu dienen
98
Mehr als die andere gefallen kann;
99
Allein ich weiß, du hörest den Braminen
100
So gut, als wie den frommen Christen an.

101
Ich glaube, daß du das Gesetz der Liebe
102
Auf harten Stein einst für die Menschen schriebst;
103
Allein ich fühl' es, daß es kraftlos bliebe,
104
Wenn du's nicht auch in's weiche Herz uns grüb'st.

105
Ich glaube, daß du uns ein Buch gegeben,
106
Das manche Spur von deiner Hand verräth,
107
Daß du darin für unser Erdenleben
108
Manch' Samenkorn des Guten ausgesä't;

109
Allein ich kenn' ein Buch, von dir geschrieben,
110
Und leserlich für jede Kreatur,
111
Ein Buch, das einzig unverfälscht geblieben,
112
Das grosse Buch der heiligen Natur.

113
Ich glaube, daß du Menschen ohn' Erbarmen
114
Mit eignem Mund ein gleiches Maß gedroht;
115
Allein mein Herz hört aus dem Mund des Armen
116
Viel dringender und lauter dein Gebot.

117
Ich glaube, daß Geheimnisse dich ehren,
118
Die nur ein Geist von deiner Grösse faßt;
119
Allein ich weiß, daß du für diese Lehren
120
Uns keine Geisteskraft gegeben hast.

121
Ich glaube, daß du auf geweihte Tempel
122
Und auf Altäre gnädig niedersiehst;
123
Allein ich weiß, daß nur die Welt dein Tempel,
124
Und unser Herz dein liebster Altar ist.

125
Ich glaube, daß du uns zu allen Zeiten
126
Durch Wunder kund gethan, wie stark du bist;
127
Allein ich seh's, daß dieser Bau der weiten
128
Und schönen Welt dein größtes Wunder ist.

129
Ich glaube, daß die schon verklärten Seelen
130
Dir werth sind, die der Mensch sonst heilig nennt,
131
Und daß wir gern auf ihren Beistand zählen,
132
Weil sie von uns kein solcher Abstand trennt;

133
Allein ich weiß, daß um des Menschen Bitte
134
Zu prüfen, deine Weisheit keinen Rath,
135
Und um sie zu gewähren, deine Güte
136
Nie einen fremden Antrieb nöthig hat.

137
Ich glaube, Herr! daß meiner Seele Schwächen
138
Mich manchmal ab von deinen Wegen zieh'n,
139
Und daß ich durch beständige Verbrechen
140
Werth deines Zorns und deiner Rache bin;

141
Allein ich weiß, daß meine Bosheit alle
142
So wenig je dein Herz verbittern kann;
143
So wenig, als ein kleiner Tropfen Galle
144
Den unermess'nen, weiten Ozean.

145
Ich glaube, daß uns Menschen zu erlösen
146
Ein Werk von drei und dreissig Jahren war;
147
Doch weiß ich, daß es nur ein Wort gewesen,
148
Das Millionen Welten uns gebar.

149
Ich glaube, Herr! daß meines Geistes Kräften
150
Ein ew'ger Wirkungskreis dort oben winkt;
151
Allein ich weiß, daß er von den Geschäften
152
Nur eines Tags schon matt in Schlummer sinkt.

153
Ich glaube, daß du nur auf einer Bahne
154
Den Geist des Menschen zur Erkenntniß rufst;
155
Allein ich weiß, daß du im Ozeane
156
Des Sternenlichts auch manchen Irrstern schufst.

157
Ich glaube, daß du Sinne mir gegeben,
158
Auf die allein mein Geist sein Wissen baut,
159
Ja, daß du diesen Führern selbst mein Leben
160
Und alle meine Kenntniß anvertraut;

161
Allein ich weiß, daß meine beiden Augen,
162
Durch die geführt, mein Geist so willig geht,
163
Mir nicht einmal zu unterscheiden taugen,
164
Ob deine Sonne gehet oder steht.

165
Ich glaube, daß mein Herz, trotz seinen Schwächen,
166
Der Tugend nur zum Sitz bestimmet ist;
167
Allein ich weiß, daß Tugend und Verbrechen
168
Unmerklich oft in Eins zusammenfließt.

169
Ich glaub' es kann mein Leiden hier auf Erden
170
In deinen Augen mir verdienstlich seyn;
171
Allein ich weiß, der Kinder Leiden werden
172
Nie eines guten Vaters Herz erfreu'n.

173
Und so, o Herr! dem Widerspruch zum Raube,
174
Gibt sich mein Geist der Ungewißheit preis:
175
So stürzt Vernunft das nieder, was ich glaube,
176
Und so verdammt der Glaube, was ich weiß.

177
Und ach! in diesen dichten Finsternissen,
178
Worin mein Geist stets mit sich selber ringt,
179
Wer sagt mir, ob mein Glauben oder Wissen
180
Hienieden mich der Wahrheit näher bringt?

181
Soll ich, o Herr! dem Glauben ganz entsagen,
182
Weil er den freien Geist tyrannisirt?
183
Sag', oder soll ich den Verstand verklagen,
184
Daß er zum Mörder meines Glaubens wird?

185
Ist's Sünde, nicht auf einen Führer bauen,
186
Den die Vernunft als einen Irrwisch haßt?
187
Ist es Verdienst, dem Lichte nicht zu trauen,
188
Das du mir selber angezündet hast?

189
Kann ich dein Wort nur in der Bibel lesen,
190
Steht dein Gebot auf zweien Tafeln nur?
191
Sprachst du nur dort, und ist's ein ander Wesen
192
Als du, das mit mir spricht durch die Natur?

193
Ist das nur Tugend, was ich darum übe,
194
Weil mich der Glaub' allein es üben lehrt?
195
Und ist all' das, was der Natur zu Liebe
196
Geschieht, von dir nicht eines Blickes werth?

197
Hast du allein an jenem Guten Freude,
198
Was einem deiner Gläubigen entsprießt?
199
Und ist dir's völlig Eines, ob der Heide
200
Ein Titus oder ein Thersites ist? –

201
O du, der mir den regen Trieb nach Wahrheit,
202
Und dieses Herz voll Treu' und Glauben gab,
203
O sende von dem Sitze deiner Klarheit
204
Nur einen Strahl auf meinen Geist herab!

205
Sieh diesen schweren Kampf, den mein Gewissen
206
Mit dem Verstande kämpft, mitleidig an;
207
Und lehre mich ein Mittel, wie mein Wissen
208
Mit meinem Glauben sich vereinen kann. –

209
Und hast du denn von dieser meiner Bitte
210
Dein gütig Ohr auf immer weggewandt,
211
So nimm – ich fleh's, o Herr! zu deiner Güte –
212
Nimm mir den Glauben – oder den Verstand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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