O-Tahiti

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Aloys Blumauer: O-Tahiti (1776)

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O glücklich Land! auf das, wie's heißt, hernieder
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So reichlich Gottes bester Segen quoll,
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Bist du's, auf dem ein Theilchen uns'rer Brüder
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Sein gold'nes Alter wirklich leben soll?

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Und du, o Volk! das, laut so vieler Sagen,
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Der Erdensöhne höchstes Glück genießt,
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Ist's wahr, daß du so frei von allen Plagen
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Der Menschheit, und so überglücklich bist?

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Zwar malt man in so reizendem Gewande
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Das Bild uns vor, das deine Fluren krönt,
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Daß mancher sich aus seinem Vaterlande
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Hinaus, und hin nach deinen Hütten sehnt.

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Allein erlaube mir nur wenig Fragen,
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Eh' auch mein Mund dich glücklich preist;
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Vielleicht läßt auch von dir der Spruch sich wagen:
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Es ist nicht alles ächtes Gold, was gleißt.

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Hast du Pandorens Büchse, die uns allen
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In der Vernunft Natur, die Mutter schenkt,
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Noch nicht so aufgethan, daß d'raus der Qualen
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Vollzählig Heer um deine Flur sich drängt?

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Ist's wirklich falsch, was ich im Angesichte
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Der Menschenleiden, und bei manchem Grab
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Mir dachte, daß mit jenem Seelenlichte
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Uns die Natur – ein spitzes Messer gab?

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Fuhrst du mit jenem spitzen Himmelsstahle
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Nie an die eigne Kehle, wie ein Kind?
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Erfuhrst du wirklich nie, was in der Schale
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Des hellsten Lichts für Irrwischflammen sind?

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Hat die Vernunft, der edlen Freiheit Mutter,
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Nicht selbst um ihre Gabe dich gebracht?
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Streust du nicht Königen gezwungen Futter,
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Und huldigst Götzen, die du selbst gemacht?

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Sind nicht ein Heer von deinen Brüdern Sklaven,
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Füllt ihre Hand nicht manches Höflings Wanst,
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Die, während diese Königsthiere schlafen,
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Für ihre leckern Gaumen kocht und pflanzt?

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Ist's nicht ein Raub an deinem eignen Gute,
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Daß dir der Stärkere die Schweine nahm:
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Erhälst du nicht mit deinem eignen Blute
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Die fremden Sklaven deines Königs zahm?

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Hört man dich nicht am harten Ruder winseln,
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Das du mit saurer Arbeit selbst geschnitzt?
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Führst du nicht Tausende nach fremden Inseln,
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Wo dann ihr Blut – nicht für die Freiheit – spritzt?

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Hat deine Seele keine Abentheuer,
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Des tollen Aberglaubens ausgeheckt?
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Hast du nicht Pfaffen, deren Hand den Schleier
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Der heil'gen Lüge

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Wird nicht durch sie das Weib im Trauerkleide,
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Das wüthend um des Mannes Leichnam rennt,
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Ein Ungeheu'r, das auch mit fremdem Leide
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Und fremdem Blute seinem Schatten fröhnt?

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Ernährest du nicht einen Schwelgerorden,
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Der Arbeit und des Ehstands Fesseln haßt,
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Und der, von dir gehegt, in ganzen Horden
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Herumzieht, und auf deine Kosten praßt?

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Sprich, hat die Mode, deren Narrenschelle
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Man sonst in aufgeklärten Zonen trägt,
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Zu stäter Qual erfindsam, wie die Hölle,
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Nicht auch dein Land schon mit Tribut belegt?

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Muß nicht dein Jüngling, ihrem Dienst zu Ehren,
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Sich lächelnd unter tausend Stichen freu'n,
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Und muß er nicht dein Ebenbild zerstören,
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Natur! um o-tahitisch schön zu seyn?

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Sind deine Weiber treu, sprich, sind sie minder
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Auf Putz und Tand als unsere erpicht,
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Vergessen sie Pflicht, Ehre, Mann und Kinder
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Ob einer kleinen Glaskoralle nicht?

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Wohnt Unschuld noch in deiner Mädchen Seelen,
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Ist unbestechbar, rein und keusch ihr Sinn,
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Und geben sie, was uns're für Juwelen
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Verkaufen, nicht für rothe Federn hin?

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Sind also unter deinem Himmelsstriche,
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So mild er ist, die Menschen glücklicher?
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Und drücken dich der Menschheit schwere Flüche,
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Weil Brod am Baum dir wächst, d'rum weniger?

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O nein! Wo Menschen sind, da sind auch Uebel:
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Mit ihrer Zahl wächst ihre Kümmerniß,
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Und, ach! gleich anfangs waren, laut der Bibel,
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Schon ihrer zwei zu viel für's Paradies! –

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So dacht' ich Freund! als ich dein Buch gelesen,
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Wo ich dies Bild von O-Tahiti fand:
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Ich war von meiner Lust dahin genesen,
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Und liebte – wie vorher – mein Vaterland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Aloys Blumauer
(17551798)

* 21.12.1755 in Steyr, † 16.03.1798 in Zum eisernen Mann

männlich, geb. Blumauer

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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