Zweytes Schertz-Schreiben

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Zweytes Schertz-Schreiben (1676)

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Ohn Zweiffel, lieber Bruder mein,
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Wirst du von mir ein Schreiben fein
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Zu Händen han empfangen,
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Und daraus wohl ersehen satt,
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Wie es allhier in dieser Stadt
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Und auch bey Hof ergangen.

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Nunmehr ich auch berichten thu,
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Was sich seit dem getragen zu
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Gar schön nach alter Weise.
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Der junge Printz I* gut,
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Sich hier nicht mehr aufhalten thut,
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Er nahm von hier die Reise.

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Gleichwie, er nun incognito
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Gelebet, hat er auch also
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Sich weggemacht zur Stunde.
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Warum? Es kam ein andrer Fürst
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Und nahm ihm, wie du hören wirst,
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Den Braten aus dem Munde.

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Der Bräutigam, die gute Haut,
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Verlohr darüber seine Braut,
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Denckt Christen, welcher Jammer!
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Der Printz von Neuburg Tugendsam,
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Des Käysers Schwager kam und nahm
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Besitz in Bett und Kammer.

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Er kam hieher ohn allen Spott,
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Und hatte seiner Diener Rott
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Bey sich ohn alle Scheue.
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Der Churfürst ihn ins Schloß nahm ein,
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Hat ihn auch selbst zur Tafel sein
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Geladen ein mit Treue.

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So bald er sich hier einlogirt,
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Ward gleich sein tapffres Hertz gerührt
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Mit des Cupido Pfeilen.
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Er dachte, wie er sich bey ihr
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Der Wittwen, möchte mit Manir
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Einspielen ohn verweilen.

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Die junge reiche Wittwe frisch
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Saß stets bey ihm an einem Tisch
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Wohl recht zu seiner Seiten,
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Und ließ sich drauf, in kurtzer Frist,
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Vernimm von mir ohn arge List,
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Zu seiner Liebe leiten.

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Vergessen war der Bräutigam,
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Der in Gedancken sie schon nahm
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Vor diesem jungen Helden.
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Sie ließ sich eilends mit ihm traun,
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B* durffte nicht zuschaun,
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Glaub mir, was ich thu melden.

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Den Herrn Gravel diß Ding verdroß,
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Vor Unmuth fuhr er bald aufs Schloß,
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Bald wieder auf die Strassen.
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Doch dieses halff nichts mehr dazu,
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Der Teuffel selber muß sie nu
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Wohl bey einander lassen.

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Das ist so in der Still geschehn,
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Da sich es niemand hat versehn,
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So geht es auf der Erden:
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Der eine sticht den andern aus,
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Wie in der Karte kan das Tauß
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Vom Trumpff gestochen werden.

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Hiermit, mein Bruder, gute Nacht!
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Tausend sechshundert achzig acht,
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Zu Berlin nicht zu Halle,
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Hab ichs den ersten Tag datirt,
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Der von August den Nahmen führt,
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Nun ist mein Neues alle.

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Das Brieflein liegen blieben ist,
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Muß ich dir noch diß schreiben,
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Daß heut, den anderen August,
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Die Thore dieser Stadt mit Lust
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Geschlossen müssen bleiben.

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Man war bemüht denselben gar,
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Der heimlich hat getraut diß Paar,
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Zu greiffen und zu fangen;
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Allein, der Fuchs hat sich bey Zeit
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Als wie ein Hofmann ausgekleidt,
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Und ist davon gegangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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