Wer Lust zu lieben hat, geb es selbst zu erkennen

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Wer Lust zu lieben hat, geb es selbst zu erkennen Titel entspricht 1. Vers(1676)

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Wer Lust zu lieben hat, geb es selbst zu erkennen;
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Doch wann er frey heraus gesagt,
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Was ihn für eine Regung plagt,
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So muß man seinen Schwur auch keinen Meineyd nennen.
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Man trau ihm auf sein Wort, es gehe recht von Hertzen.
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Ein ungegründeter unbilliger Verdacht,
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Der endlich die Gedult der Buhler müde macht,
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Kan ein gewonnen Hertz offt liederlich verschertzen.

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Wenn die Erklärung nun einmahl geschehn,
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Dann haben beyde sich wohl vorzusehn,
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Daß andre nicht die neue Glut erkennen.
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Wo man verborgen liebt und ohne grossen Schein,
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Da findet sich die rechte Wollust ein,
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Und nichts, wenn zwey verliebte Hertzen brennen,
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Ist süsser, als verschwiegen seyn.

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Wenn jedes nun dem andern fest verheißt,
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Was ein verliebter Mund und ein entzückter Geist
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Nur je geschickt zu reden und zu dencken,
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Soll sie ein süsses Band der Einigkeit verschrencken;
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Und wann das Schicksal sie gleich von einander reißt,
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Muß die Beständigkeit deßwegen doch nicht wancken;
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Was nicht zugegen ist, das liebt man in Gedancken.

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Doch kan man auch wohl überhoben seyn,
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In steter Sterbens-Angst und überhäuffter Pein,
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Als wie ein Schatten, zu vergehen,
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Aus blosser Ungedult, sein liebstes Kind zu sehen.
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So liebte zwar die alte Welt;
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Doch, da sich alles umgekehret,
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Und uns die neue nun gelindre Sätze lehret,
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Ist keiner, dem diß Lieben mehr gefällt.
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Sagt, wendet man nicht auch sein Seuffzen übel an,
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Wann es die Schöne nicht verstehn noch hören kan?

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Wann uns die Liebe sprechen heißt,
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Ists besser, daß man sich der Lustigkeit befleißt,
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Als der betrübten Redens-Arten,
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Die man im Trauer-Spiel und Liebes-Büchern findt,
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Ein angenehmer Schertz hat offt mehr zu gewarten,
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Als solch ein Jammer-Thon verhaßter Traurigkeit.
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Die Liebe, wie bekannt, ist ja ein kleines Kind,
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Das man um sein Geschwätz und Spielen lieb gewinnt;
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Doch, wann es übel thut und schreyt,
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Und nicht mehr, wie vorhin, sich artig will erzeigen,
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So heisset man es stille schweigen.

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Wir wollen, wie gesagt, uns dergestalt verbinden,
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Daß unser Thun sonst niemand wissend sey.
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Nichts ist beschwerlicher auf dieser Welt zu finden,
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Als wann ein Buhler erst so arg schon im Geschrey,
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Daß ihn die gantze Stadt mit Fingern weisen kan,
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Und sagen: Seht doch den Verliebten an!
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Wer kan ihn ohne Lachen schauen?
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Wann er, mehr kranck und matt,
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Als mancher, der ein hitzig Fieber hat,
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Zu seiner Liebsten schleicht, ihr heimlich zu vertrauen,
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Was man ihm ohnedem schon aus den Augen list.
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Glaubt, daß jetzund die klügste Regel ist:
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Verliebt seyn, und es doch nicht scheinen.
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Genug, daß eine weiß, wie wir es mit ihr meynen.

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Man spühret aus dem Augenlichte
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Offt der Gedancken tieffsten Grund;
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Drum sehe man sich vor, sonst wird aus dem Gesichte
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Dem Neben-Buhler selbst leicht das Geheimniß kund.
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Vor Alters zwar, da muste man aus Noth,
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Wann man die Gegenwart der Iris wahrgenommen,
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Bald blaß seyn und bald wieder roth,
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Sonst wäre man in den Verdacht
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Der Unbeständigkeit sehr leicht gekommen.
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Doch die Gewohnheit hat es nun schon abgebracht;
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Die Liebe zeige sich, bey Schmertzen oder Schertzen,
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Niemahlen im Gesicht, wohl aber in dem Hertzen.

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Wann uns die Schöne nicht zu freundlich angesehn,
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So wünschen wir nicht mehr, vor Kummer, zu erkalten,
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Noch vor der Zeit ins Grab zu gehn.
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Man pflegt von Selbst-Mord ietzt nichts mehr zu halten.
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Was sonst aus Liebes-Trieb die Menschen weggerafft,
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Gifft, Raserey und Dolch, ist alles abgeschafft.
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Dergleichen Grausamkeit
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Wird selten von uns angeführet,
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Und zwar nur bey Gelegenheit,
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Weil sie noch manchen Reim in unsern Liedern zieret.

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Trägt sichs bißweilen zu,
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Daß sie von ihm, und er von ihr, was arges dencket;
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Wohl dem, der alles gleich zu besten lencket.
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Sonst stöhret er sich selber seine Ruh.
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Was hilffts, daß wir uns unterwinden,
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Durch zu genaue Spur der Sachen Grund zu finden?
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Ich will euch glauben, glaubt mir auch;
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Das ist fürwahr der löblichste Gebrauch.
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Der Fürwitz tauget nicht,
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Und qvält uns offt durch wiedrigen Bericht.
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Wie mancher wäre froh, viel Dinge nicht zu wissen,
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Nach deren Wissenschafft er sich zuvor beflissen?

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Auch muß die Eiffersucht weit weggebannet werden.
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Ist wohl was schöners auf der Erden,
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Als wann man glauben kan, daß Demant-feste Treu
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Der Grundstein unsrer Liebe sey?
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Und wer es anders macht, der macht sich selbst Beschwehrden.
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Die Schwachheit ist fürwahr bey dem nicht klein,
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Der, ob gleich die, die ihm ihr Hertze giebet,
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Es noch so sehr betheurt, und endlich zugeflucht,
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Sich selber doch zu überzeugen sucht,
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Er sey noch nicht genug geliebet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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