Es ist zu lang verharrt im Lust- und Laster-Leben

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Es ist zu lang verharrt im Lust- und Laster-Leben Titel entspricht 1. Vers(1676)

1
Es ist zu lang verharrt im Lust- und Laster-Leben,
2
Das mir nun selbst mißfällt;
3
Ich reiß das Band entzwey, und will itzt Abschied geben
4
Dem Fleisch und auch der Welt.

5
Ihr Pracht ist eitler Dunst, und alles ihr Vergnügen
6
Nur Schatten, Rauch und Schein;
7
Weil unter ihrer Lust verborgne Straffen liegen,
8
Die unvermeidlich seyn.

9
Gantz einem andern Herrn will ich zu Dienste leben,
10
Mit Leib, Hertz, Seel und Muth,
11
Der mir zum Gnaden-Lohn verspricht dafür zu geben
12
Das ewig-höchste Gut.

13
Hier ist doch kein Bestand, die Menschen müssen sterben,
14
Der Welt-Bau selbst vergeht;
15
Was heute kaum erzeugt, kan morgen schon verderben,
16
Nichts Zeitliches besteht.

17
Ich thu die Augen auf, und fliehe nun die Bande,
18
Die mich so lang bestrickt.
19
Ich weiß, daß mich der Tod aus diesem Jammer-Lande,
20
Ins Freuden-Leben rückt.

21
Es ist ein kurtzer Schritt zum Grabe von der Wiegen,
22
Der Tod schleicht gleich mit ein;
23
Der erste Tag, da wir in Mutter-Armen liegen,
24
Kan auch der letzte seyn.

25
Der Tod ehrt keine Zeit, ihm kan nichts wiederstehen,
26
Er achtet alles gleich.
27
Klopft er, so muß der Herr, als wie der Diener, gehen
28
Ins schwartze Schatten-Reich.

29
Er lässet sich sehr offt an solchen Orten finden,
30
Wo man ihn sucht zu fliehn;
31
Er schont dich in der Schlacht, und reißt dich wohl in Sünden
32
Von Tisch und Bette hin.

33
Dein eigen Hauß, worinn du dich gemächlich pflegest,
34
Es sey groß oder klein,
35
Kan, wie dein Schwerdt, das du zu deinem Schutze trägest,
36
Dein Sarg, dein Mörder seyn.

37
Wo man die höchste Lust allhier zu finden meinet,
38
Da steckt die gröste Noht.
39
Ja selbst die Artzeney, die dir so heilsam scheinet,
40
Verursacht deinen Tod.

41
Der Himmel selbst, der früh mit Seegen dich bethauet,
42
Zieht Abends Wolcken an,
43
Und richtet Donner zu, der dir von ferne drauet,
44
Und dich leicht treffen kan.

45
Nichts ist in der Natur, so nicht dein Grab kan werden;
46
Ein jedes Element
47
Das dich erhalten soll, Lufft, Wasser, Feuer, Erden,
48
Beschleunigt auch dein End.

49
Indessen leben wir in Sicherheit, und meinen,
50
Der Tod sey noch entfernt,
51
Der doch in uns selbst steckt: wo findet man leicht einen,
52
Der lebend sterben lernt?

53
Tod, Unglück, Noth, Gefahr, die kan man schwerlich fliehen,
54
Ein Thor stürtzt sich hinein:
55
Der Weise suchet sich durch Vorsicht zu entziehen,
56
Und fällt doch auch darein.

57
In dieser Zeitlichkeit kan es nicht anderst werden,
58
Drum, Seele, sey bemüht,
59
Daß weder Glück noch Kreutz, im Kercker dieser Erden,
60
Dich von dem Himmel zieht.

61
Und weil die gantze Welt dem Wechsel untergeben,
62
So reiche mir die Hand,
63
Und führe mich, o Tod, ja bald zu jenem Leben,
64
Wo gar kein Unbestand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.