Empfindungen An einem Frühlings-Morgen

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Johann Peter Uz: Empfindungen An einem Frühlings-Morgen (1755)

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O welche frische Luft haucht vom bebüschten Hügel!
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Welch angenehmer West durchzieht
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Mit rauschendem bethauten Flügel
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Dieß holde Thal, wo alles grünt und blüht!

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Hier, wo die Grazien sich ihre Bluhmen hohlen,
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Hier seh ich, wie der Morgen lacht,
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Der unter düftenden Violen
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Und beym Gesang der Vögel aufgewacht.

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Das kleinste Gräschen blitzt vom farbenreichẽ Thaue
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Wie himmlisch lächelt die Natur,
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Wohin ich um und bey mir schaue,
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Dort im Gesträuch und hier auf grüner Flur!

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Die ganze Schöpfung zeugt von weiser Gute Händẽ;
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Mit Schönheit pranget unsre Welt.
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Muß nur der Mensch die Schöpfung schänden,
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Der sich so gern für ihre Zierde hält?

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Der Mensch darf sich nur sehn, damit er sich nicht
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brüste,
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Wie, an der Thorheit Brust gesäugt,
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Er sich im Taumel wilder Lüste
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Bald lächerlich und bald abscheulich zeigt.

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Um Tand und Puppenwerk vertauscht er seine Rechte
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Zu glänzender Unsterblichkeit,
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Erniedrigt sich und sein Geschlechte,
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Sucht kurze Lust und findet ewig Leid.

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Ein denkendes Geschöpf kann so verderblich wählen,
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Als wär es nur zum Thier bestimmt?
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Herrscht solche Blindheit über Seelen,
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In welchen doch der Gottheit Funke glimmt?

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Umsonst! weil dieser Strahl nur wenig Weisen funkelt!
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Er wird von Leidenschaft und Wahn
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In tausend Sterblichen verdunkelt,
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Oft eh er sich siegprangend kundgethan:

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Wie, wann die Sonne kaum dem Ocean entfliehet,
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Des dunkeln Mondes Zwischenlauf
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Jhr flammend Antlitz uns entziehet:
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Vor ihrem Thron steigt schwarzer Schatten auf.

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Die Vögel hemmen schnell die angefangnen Lieder;
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Der halbverirrte Wandrer bebt,
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Indeß mit schreckendem Gefieder
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Die frühe Nacht um Erd und Himmel schwebt:

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Bis Titans froher Blick, nach überwundnen Schatten,
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Jtzt wieder unverfinstert strahlt,
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Und in den aufgehellten Matten
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Um Floren lacht und ihre Bluhmen mahlt.

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So strahlet unser Geist, mit angebohrnem Lichte,
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Durch dicke Finsterniß hervor,
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Wenn vor der Weisheit Angesichte
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Die Nebel fliehn, worinn er sich verlohr.

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Geh auf mit vollem Tag, und herrsch' in Glanz und
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Ehre,
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Und herrsch’, o Weisheit! unbegränzt,
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Von einem bis zum andern Meere,
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Ja weiter noch, als unsre Sonne glänzt!

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Wie lang soll Finsterniß den Erdkreiß überziehen?
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Es müsse, wer im Schatten sitzt,
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Auf deine lichten Höhen fliehen,
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Wo Klarheit uns in Aug und Seele blitzt!

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Die Seele, die alsdann kein äussrer Schmuck betrü-
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get,
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Dringt in das nackte Wesen ein,
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Und was beständig sie vergnüget,
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Muß edel, groß, muß ihrer würdig seyn.

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Sie suchet nicht ihr Glück in schimmerreichen Bür-
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den,
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In Ehre, Gold und ekler Pracht,
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Nicht bey den thierischen Begierden,
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Durch die ein Geist sich Thieren ähnlich macht.

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Sie sucht und findet es in reiner Tugend Armen,
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Die sich für Andrer Wohl vergisst,
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Und, reich an göttlichem Erbarmen,
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Vom Himmel stammt, und selbst ein Himmel ist.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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