Die Grotte der Nacht

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Johann Peter Uz: Die Grotte der Nacht (1755)

1
Wohin wird mein Gesang verschlagen?
2
Der Ocean ist voller Glut:
3
Denn Titan kommt; sein strahlenreicher Wagen
4
Schwebt feurig über blauer Fluth:

5
Indessen auf bethauten Schwingen
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Die braune Nacht entlassen flieht,
7
Und Nymphen sie zu ihrer Grotte bringen,
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Die kein unheilig Auge sieht.

9
Wird meinem Blick im tiefsten Meere
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Dort ihre Herrschaft aufgethan?
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Es trennen sich erschrockner Schatten Heere;
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Sie machen mir entfliehend Bahn.

13
O Ruh! o welch ein heilig Schweigen
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Beherrscht ihr schattigtes Revier!
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Kein Vogel schwatzt auf düstrer Ulmen Zweigen;
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Der muntre West entschlummert hier.

17
Ein zitternd Schimmern bleicher Kerzen
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Erleuchtet ihren dunkeln Sitz,
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Wo rings umher die leichten Träume scherzen,
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Geflügelt, wie der schnelle Blitz.

21
Von welchem angenehmen Kinde
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Kommt hier der schöne Morgentraum?
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Seht! Phantasus hüllt sich in rauhe Rinde
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Und grünt, beblättert, als ein Baum.

25
Nun, da in junger Nymphen Händen
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Gedämpfter Saiten Scherz erklingt:
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Ertönt ein Lied von muschelreichen Wänden,
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Das eine der Najaden singt.

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Geneuß die Ruhe, die du zeugest,
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O Göttinn! singt sie; holde Nacht!
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Der Lärm entschläft, wenn du zum Himmel steigest;
32
Und nur der Progne Schwester wacht.

33
Wie leise gehn in feuchten Büschen
34
Die Winde durch den finstern Hayn!
35
Die Ruhe will, was Odem schöpft, erfrischen:
36
Doch können Menschen ruhig seyn?

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Umsonst sind ihre müden Glieder
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Auf Sidons Purpur hingestreckt,
39
Wenn Mitternacht mit schweigendem Gefieder
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Den Marmor der Paläste deckt:

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Umsonst sind schwanenweiche Betten,
42
Bey stürmischer Begierden Wuth:
43
Der kranke Geist schleppt seine Sklaven-Ketten,
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Stets ohne Ruh, wann alles ruht.

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Der Mensch entflieht beblühmten Pfaden,
46
Wo ihm die stille Freude winkt.
47
Das Gute selbst misbraucht er sich zum Schaden:
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Zu Gift wird Necktar, den er trinkt.

49
Wenn Tantalus im höchsten Glücke
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Selbst an der Götter Tafel sitzt:
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Denkt nicht sein Herz auf schwarze Bubenstücke,
52
Noch da ihn Himmelstrank erhitzt?

53
Fern von Olymps gestirnter Schwelle
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Verbannt ihn Jupiters Entschluß:
55
Unseliger! ihn peinigt eine Hölle,
56
Mehr Hölle, denn der Tartarus.

57
Sein Reichthum wird ihm zum Verdrusse,
58
Zum Qual-Gepränge des Gesichts:
59
Er hungert, arm, in vollem Ueberflusse,
60
Hat alles und genießet nichts.

61
Wenn Wolken meinen Geist umziehen,
62
Durch stürmischer Begierden Wuth:
63
Beruhig’ ihn mit süssen Harmonien,
64
O Muse, die auf Rosen ruht!

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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