130. Aufrichtige Erklärung, wies ihm ums Herz ist

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Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: 130. Aufrichtige Erklärung, wies ihm ums Herz ist (1730)

1
Du unser auserwehltes Haupt,
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An welches unsre Seele glaubt!
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Laß uns in Deiner Nägel Maal
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Erblikken die Genaden-Wahl,
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Und durch der aufgespaltnen Seite Bahn
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Führ unsre Seelen aus und durch und an.

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Dis ist das wunder-volle Ding:
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Erst dünkts für Kinder zu gering;
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Und dann zerglaubt ein Mann sich dran,
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Und stirbt wol, eh ers glauben kan,
11
Es sind die Sephiroth am gläsern Meer,
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Es ist das Schibboleth vom kleinen Heer.

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Solange eine Menschheit ist,
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Solange Jesus bleibt der Christ,
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So bleibet diß das A und O
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Vom ganzen Evangelio,
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Und daß dasselbige die Weisheit ist,
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Das wißt ihr alle, die ihr Wahrheit wißt.

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Mein Heiland! wär ich armes Kind,
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Das sich um Deine Füsse windt,
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Das Dich, du Seelen-Ehemann,
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Nicht eine Stunde missen kan,
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Und das Dich über sich und alles liebt,
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In Deiner Sprache etwas mehr geübt.

25
Doch laß die Lippen trokken seyn,
26
Des Geistes Hauch darf nur hinein,
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Der vor dem Thron der Majestät
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In Donnern und Posaunen geht,
29
Und eine Kohle vom Altar gebraucht,
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So rühren sich die Lippen, daß es raucht.

31
So zeug ich dann, wer hört mir zu?
32
Wer hat im Herzen keine Ruh?
33
Wer weiß, wie tief die Sünde frißt,
34
Und daß er nichts als Sünde ist,
35
Und weiß sich keinen Rath, wo ein noch aus,
36
Der höre zu! denn da wird etwas draus.

37
Wer aber von der Mutter her
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Vielleicht noch unbescholten wär,
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Und wüßte kaum was Fleisch und Blut,
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Was Geitz sey oder hoher Muth,
41
Und sich in allem selber helfen kan,
42
Der ist ein blinder und ein tauber Mann.

43
Ein heiliger und reiner Geist,
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Und was man einen Heilgen heißt,
45
Sind vor dem Herrn der Creatur,
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Und vor dem Meister der Natur
47
Von keinem andern Zeuge, als ein Blat
48
Das auch sein Wesen von dem Schöpfer hat.

49
Auch ist ein Rath der Ewigkeit
50
Viel älter als die graue Zeit,
51
Und wer den Rathschluß meistern will,
52
Muß Satan seyn, sonst schweigt er still:
53
Ein Töpfer macht aus einem allerley,
54
Und das ists, was er machet, daß es sey.

55
Das Leben ist von oben her,
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Der Tod ist auch nicht ohngefehr,
57
Darzu verdammet das Gericht,
58
Das Herze Gottes aber nicht.
59
Wer Gottes Wesen weiß, weiß Seinen Tod,
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Wers Herze kennt, der ist aus aller Noth.

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Wir sehen wol die Geister nicht,
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Die erst die Sünde angericht't;
63
Doch sehe sich nur jedermann,
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Der bey sich selbst ist, selber an.
65
Wenn keine Sünde in der Menschheit wär,
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Wo hätten ich und er die Sünde her?

67
Wie weislich ist der Rath bestellt,
68
Der Rath der Wächter aller Welt,
69
Das meiste ist nicht offenbar,
70
Und was man weiß, ist Sonnen-klar,
71
Die Thorheit fragt den Herrn: Was machest du:
72
Die Weisheit glaubt und denkt: Du Liebe Du!

73
Gelobet sey das Lebens-Buch
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Vor dem verhüllt in Mosis Tuch,
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Mit sieben Siegeln zugemacht,
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Bis man das Lamm herzugebracht,
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Das Lamm, den Welt-bekanten Sünder-Freund,
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Der selbstgewachsnen Tugend ihren Feind.

79
Das Wort, das an das Creutz gemahlt,
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Im Blut-Rubinen-Feuer strahlt,
81
Das heißt: Hier hängt Immanuel!
82
(das Gegenbild des Hazazel,)
83
Darüber stutzt und fluchet die Natur,
84
Und Gott betheuert es mit einem Schwur.

85
So wahr ich lebe! spricht der Mann,
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Der nichts als Amen sagen kan,
87
Und der unfehlbar Wort und That
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Im Augenblik beysammen hat,
89
Und was Er will, das läßt Er sich nicht reun;
90
Mein Sohn, mein Sohn soll Hoherpriester seyn!

91
Er kommt, der Sohn, Er sagts uns an,
92
Wies mit dem Priester-Amt gethan:
93
Der Vater hat den Erben lieb;
94
Und dazu kommt ein neuer Trieb,
95
Daß ich den ew'gen Rath und Recht erfüll,
96
Und für der Menschen Leben sterben will.

97
Die Worte sind unleugbar da;
98
Die That war denen Worten nah:
99
Die Probe, ob es Wahrheit ist,
100
Was man im Buch geschrieben liest,
101
Da spricht der grosse Gnaden-Bundes-Mann,
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Daß sie ein jeder selber machen kan.

103
Man macht sie dann auf solche Art,
104
Daß sich im Herzen offenbart,
105
Ob Jesus Christus, Gottes Lamm,
106
Wahrhaftig starb am Creutzes-Stamm.
107
Die Art der Probe theilt sich überaus,
108
Die Probe aber lauft auf eins hinaus.

109
Wenn einer in dem Glanz des Lichts
110
Sich sieht, und sieht, er tauge nichts,
111
Und geht und greifft die Sache an,
112
Und thut nicht, was er sonst gethan,
113
Und müht sich selber viel und mancherley,
114
Der lernet nie, was ein Erlöser sey.

115
Wenn aber ein verlornes Kind
116
Vom Tod erwacht, sich krümmt und windt,
117
Und sieht das Böse böse an,
118
Und glaubet, daß es sonst nichts kan,
119
Verzagt an sich, es geht ihm aber nah;
120
Kaum sieht sichs um, so steht der Heiland da.

121
Wie geht dirs? O es geht nicht gut!
122
Ich liege hie in meinem Blut.
123
Da spricht der Seelen-Freund: Mein Sohn!
124
Nim hin die Absolution,
125
Und sieh mich an, und glaub, und stehe auf,
126
Und freue dich, und zieh dich an, und lauf.

127
Die Seele krigt den neuen Geist,
128
Sie glaubt und thut, was Jesus heißt,
129
Sie sieht das Lamm mit Augen an,
130
Die kein Erfahrnes leugnen kan;
131
Steht auf, bekommt ein unsichtbar Gewand,
132
Und ist auf einmal mit dem Lamm bekant.

133
Die Schaam, die Beugung und die Kraft,
134
Die machen gleichsam Schwesterschaft,
135
Und schliessen sich ins Herze ein,
136
Und wollen nicht getrennet seyn;
137
Da geht kein guter Wille mehr zurük,
138
Denn ihre Arbeit ist ein ewigs Glük.

139
Erst heißt der Freund die Seele ruhn,
140
Dann essen, und darnach was thun;
141
Da steiffet sie die Glaubens-Kraft
142
Zu einer treuen Ritterschaft;
143
Sie thut, und wenn sie dann ihr Werk gethan,
144
Denkt sie gemeiniglich nicht weiter dran.

145
Und würde sie ja irgendwo
146
Der eignen Gnaden-Arbeit froh,
147
So kommt die heilge Schaam herbey
148
Und zeiget ihr so mancherley,
149
Daß sie Gott dankt, wenn sie sich selbst vergißt,
150
Und denkt an nichts, als daß ein Heiland ist.

151
Und allenthalben steht der Sinn
152
Der Gläubigen zur Gnade hin,
153
Und sinnet, wie er Nacht und Tag
154
Dem Bräutigam gefallen mag,
155
Der ihn von dem Verderben los gemacht,
156
Und sichtbarlich zu Kron und Thron gebracht.

157
Herr Jesu! wenn der Zeugen Heer
158
Nicht eine Donner-Wolke wär,
159
So könte man es noch verstehn,
160
Daß viele sie nicht hörn und sehn.
161
Doch, was ists endlich Wunder? denn es sind
162
Die Menschen von Natur getäubt und blind.

163
Darum befiehlt uns Jesus nun
164
Der Blinden Augen aufzuthun;
165
Und wenn wir rufen, ist Er da,
166
Und ruft dem Tauben: Hephathah!
167
So wird das Evangelium gehört,
168
So wird das Auge auf das Lamm gekehrt.

169
Da bin ich auch, Dein Unterthan,
170
Und melde meine Gaben an,
171
Die Du mir Armen mitgetheilt;
172
Seitdem Dein Pfeil mein Herz ereilt.
173
Nun säh ich gern ein gutes Theil der Welt
174
Gerettet und zur Rechten hingestellt.

175
Wenn mich der Haus-Herr Boten schikt;
176
So halt ich mich für höchst-beglükt.
177
O! unser allgemeines Haupt
178
Gib, daß man meiner Botschaft glaubt;
179
Mein Rufen dring in Herz und Ohren ein,
180
Und wenn ich auf Dich weise: So erschein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
(17001760)

* 26.05.1700 in Dresden, † 09.05.1760 in Herrnhut

männlich, geb. Zinzendorf

deutscher lutherisch-pietistischer Theologe, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine

(Aus: Wikidata.org)

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