97. Auf die Salbung König Christian des Sechsten und Königin Sophia Magdalena

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Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: 97. Auf die Salbung König Christian des Sechsten und Königin Sophia Magdalena (1730)

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Wach auf,
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Zur Zeit des Bruna Olds verschloßnen Ritter-Staub!
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Ihr Feuer-Flammen leiht den überlaßnen Raub,
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An diesem grossen Fest den Pallast zu verriegeln.
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Die Hütten, die der Geist belebte, sind verzehrt,
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Die Flammen sind zurük ins Element gekehrt.

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Frey'r! wo dich jener Fels noch unverweslich hält,
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Beut alle Riesen auf, die sich in Harnisch strekten;
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Und ist Dan Mekilat' mit unter den Erwekten,
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So leit ihn auf dem Roß in diese obre Welt.
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Vielleicht verträt er gern den Platz beym Salbungs-Mahl,
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Den der Geharnischte

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Nein! ruht ihr Könige! der Glanz von unsren Kerzen
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Gibt einer Million von Lebenden den Schein:
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Des Frohde Macht beschleußt ein stolzer Bauta-Stein,
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Den sanften Christian ein Wunder-Bau der Herzen;
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Sein Gnaden-voller Blik wird allen zum Magnet:
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Er sieht so tief herab, als er erhaben sieht.

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Hier unterstehet sich ein wohl bekanter Knecht
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Mit Niedrigkeit der Kunst vor deinen Thron zu ziehen.
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Herr! senke deinen Blik, den Strahl laß linde glühen.
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Er tichtet, er bedenkt, er scheuet sich mit Recht:
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Und hätt er Trieb und Kiel dem Dichter abgeborgt,
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Der Carln besungen

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Der Thron, die Herrlichkeit des Tages, und der Sache,
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Die ungemeine Pracht, darinn der König sitzt,
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Und was der Königin von ihrer Scheitel blitzt,
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Das alles hemmet mich, sobald ich Worte mache;
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Ein Finger-Zeig auf das, was aller Augen sehn,
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Der solte einer Hand, wie meiner, übel stehn.

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Großmächtiger Monarch! Dein Wink erlaube nur,
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So will ich ungesäumt zu meinem Zwekke kommen:
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Herodes Götter-Schein hat dich nicht eingenommen,
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Und unsrer Königin gefällt der Esther Spur.
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Ich weiß für meinen Trieb (und dächt er tausendmal)
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Kein würdiger Object, als deine eigne Wahl.

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Es hätte dich dein Knecht, ists möglich? fast gefraget,
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Noch liebenswürdiger, als Ehren-volles Haupt!
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(allein wie wäre ihm das Fragen nicht erlaubt?
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Da du die Antwort schon von Herzen weggesaget!)
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Wem soll das Gegen-Bild von dieses Tages Schein:
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Gott und dem Volke will dein Scepter dienstbar seyn.

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Gott? das ist bald gesagt; allein wo ist Beweis?
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Darüber haben noch verschiedne Fürsten Zweifel,
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Sie glauben nicht einmal so vest als wie der Teufel,
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Was man von jener Welt ohnfehlbar Wahres weiß.
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Mein König! du erkennst, daß Gott die Wahrheit ist:
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Weil du in deiner Brust von Gott gerühret bist.

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Dem Volke? sind das nicht die unglükselgen Haufen
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Der Menschen, die man doch nicht alle kennen lernt,
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Die von dem hohen Glanz des Hofes weit entfernt,
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Nur, wie das zahme Wild, in ihrem Zwinger lauffen?
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Fragt unsern Christian, wie der das Volk erkennt,
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Die Schaar ists, die ihn Hirt, und die er Heerde nennt.

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So geht dein muntrer Fuß zur heilgen Salbung hin.
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Hier dekt das Sichtbare die Majestätsche Haube,
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Und der verborgne Mensch liegt vor dem Herrn im Staube;
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So thut der Königin mit dir gepaarter Sinn.
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Was sag ich denen mehr, die voll von Wahrheit seyn?
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Der Bischof leg' es aus, ich will nur Weyhrauch streun.

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Der Herr, der nicht gewolt, wiewol Er alles hatte,
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Daß, was erfreuen kan, Ihm selbst zu Gute käm,
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Eh Er Sein armes Volk der Traurigkeit entnähm,
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Und ist bis diesen Tag der Seinen treuster Gatte;
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Der mache diesen Thron, um welchen Wonne lacht,
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Zum steten Wiederschein von seiner Länder Pracht.

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Das Auge, das sich nie den Seinigen entwandt;
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Nicht, wenn sie Seinem Strahl vor Schwachheit ausgewichen,
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Nicht, wenn sie hingestrekt, Verweseten geglichen,
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Noch, wenn das blinde Volk Ihn selber nicht gekant;
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Das sehe kräftiglich auf diß Erhabne Zwey,
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Und mache, daß ihr Blik so wie der Seine sey!

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Das Ohr Immanuels, das sich im Lauf der Zeiten
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Auch dem geringsten Theil der Menschen offen hielt;
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Wiewol er nichts geglaubt, als was das Herz gefühlt,
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Das Ohr, das so geneigt zu denen Niedrigkeiten,
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Das höre dein Gebet, um deiner Reiche Flor:
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Du aber, Königs-Paar, hab auch ein offnes Ohr.

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Der Mund, der so geredt, wie sonst kein Mensch vermag,
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(ein Zeugnis, welches Ihm auch Seine Feinde gaben,)
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Der aber sonderlich, was elend hieß, zu laben
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So oft es nöthig war sich zu eröffnen pflag;
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Der rufe, so geschichts; der wolle, so wirds wahr:
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So rührt des Königs Mund die Kohle vom Altar.

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Sein Herz war unverrükt voll friedlicher Gedanken,
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Und Sein Vergnügen hat auf unserm Wohl beruht;
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Ein Herze, das sich auch zu denen nahe thut,
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Die bald zu Ihme zu, bald wieder seitwerts wanken:
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Durch dieses Herzens Ritz seh König Christian
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Die Freunde für beglükt, den Feind für elend an.

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Der von der Stunde an des Gehns nicht müde ward,
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Da Ihn des Vaters Schluß zur kleinen Schaar verbunden;
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Der die Beschwerlichkeit von Erd und Meer empfunden,
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Und der in dieser Pflicht biß an das Ziel verharrt;
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Der lehr des Königs Fuß itzt Land und Sund durchgehen,
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Itzt, wenns die Noth erheischt, zum Segen stille stehen.

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Die ausgerekte Hand, die sich nie arm gegeben,
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Weil Geben seliger als Nehmen bey ihr war;
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Die vor dem Fall ergrif, verbannte die Gefahr,
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Und zielete so gar bey Sterbenden aufs Leben;
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Die segne unsere Herrn, und unsre Frau zugleich,
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Und stärke ihre Hand; so fühlts das ganze Reich!

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Gesalbter! der Du Dich so gern zur Menschheit büktest,
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Und unterliefst des Rechts auf uns gezukten Blitz,
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Als Du vor dieser Zeit den unerstiegnen Sitz
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Der stolzen Ewigkeit beherrschtest und beglüktest;
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Gib diesem Götter-Paar, daß ihm der Lasten Bley,
108
Nicht schwerer als das Gold von seiner Krone sey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
(17001760)

* 26.05.1700 in Dresden, † 09.05.1760 in Herrnhut

männlich, geb. Zinzendorf

deutscher lutherisch-pietistischer Theologe, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine

(Aus: Wikidata.org)

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