Die wahre Grösse. An Herrn Gleim

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Johann Peter Uz: Die wahre Grösse. An Herrn Gleim (1755)

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In meinen Adern tobt ein juvenalisch Feuer;
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Der Unmuth reichet mir die scharfgestimmte Leyer:
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Maßt sich des Pöbels Wahn
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Das Urtheil nicht von grossen Seelen an?

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Sey Richter, liebster Gleim! der Pöbel soll nicht
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richten,
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O du, der iedes Herz mit lieblichen Gedichten
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Nach Amors Willen lenkt,
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Der schalkhaft scherzt und frey und edel denkt!

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Ein Mann, der glücklich kühn zur höchsten Wür-
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de flieget,
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Und, weil er Sklaven gleich, vor Grossen sich geschmieget,
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Nun, als ein grosser Mann,
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Auch endlich selbst in Marmor wohnen kann:

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Der heißt beym Pöbel groß, da ihn sein Herz ver-
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dammet;
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Und wann der Bürger Gold auf seinem Kleide flammet,
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So sieht die Schmeicheley
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Für Schimmer nicht, wie klein die Seele sey.

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Soll seines Nahmens Ruhm auf späte Nachwelt
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grünen?
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Dem Staate dient er nur, sich Schätze zu verdienen:
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Bereichert ein Verrath,
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So, zweifle nicht, verräth er auch den Staat.

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Der Absicht Niedrigkeit erniedrigt grosse Thaten:
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Wem Geiz und Ruhmbegier auch Herculs Werke rathen,
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Der heißt vergebens groß:
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Er schwingt sich nie vom Staub des Pöbels los.

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Zeuch, Alexander! hin bis zu den braunen Scythen;
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Jrr um den trägen Phrat, wo heissre Sonnen wüthen,
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Und reiß dein murrend Heer
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Zum Ganges hin, bis ans entfernte Meer!

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Du kämpfest überall und siegest, wo du kämpfest,
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Bis du der Barbarn Stolz, voll grössern Stolzes, dämp-
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fest,
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Und die verheerte Welt
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Vor ihrem Feind gefesselt niederfällt.

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Doch laß dich immerhin der Menschheit nicht erbar-
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men!
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Von deinem Haupte reisst, auch in des Sieges Armen,
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Der Tugend rauhe Hand
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Die Lorbeern ab, die Ehrsucht ihr entwandt.

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Mit Lorbeern wird von ihr der bessre Held bekränzet,
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Der für das Vaterland in furchtbarn Waffen glänzet,
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Und über Feinde siegt,
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Nicht Feinde sucht, nicht unbeleidigt kriegt:

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Der Weise, der voll Muths, wann Aberglaube
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schrecket,
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Und Wahn die halbe Welt mit schwarzen Flügeln decket,
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Allein die Wahrheit ehrt,
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Und ihren Dienst aus reinem Eifer lehrt:

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Der ächte Menschenfreund, der bloß aus Menschen-
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liebe
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Die Völker glücklich macht und gern verborgen bliebe;
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Der nicht um schnöden Lohn,
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Nein! göttlich liebt, wie du, Timoleon!

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Zu dir schrie Syracus, als unter Schutt und Flam-
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men
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Und Leichen, die zerfleischt in eignem Blute schwammen,
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Der wilde Dionys
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Sein eisern Joch unträglich fühlen ließ.

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Du kamst und stürztest ihn, zum Schrecken der
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Tyrannen,
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Wie, wann ein Winter-Sturm die Königinn der Tan-
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nen
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Aus tiefen Wurzeln hebt,
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Von ihrem Fall ein weit Gebürge bebt.

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Durch dich ward Syracus der Dienstbarkeit ent-
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zogen;
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Und sichrer Ueberfluß und heitre Freude flogen
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Den freyen Mauern zu,
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Held aus Corinth! was aber hattest du?

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Nichts, als die edle Lust, ein Volk beglückt zu ha-
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ben!
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Belohnung bessrer Art, als reicher Bürger Gaben!
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Du Stifter güldner Zeit,
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Der Hoheit werth, erwähltest Niedrigkeit.

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Doch dein gerechtes Lob verewigt sich durch Lieder,
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Nachdem die Ehre dich auf glänzendem Gefieder
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Den Musen übergab:
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Noch schallt ihr Lied in Lorbeern um dein Grab.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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