Morpheus

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Johann Peter Uz: Morpheus (1755)

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Bey Venus ward von Schäferinnen
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Der holde Morpheus hart verklagt:
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Wird sein abscheuliches Beginnen
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Jhm, sprachen sie, nicht untersagt.
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Bey Tage sind wir Schäfern spröde:
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Doch sieh, wie schalkhaft Morpheus ist!
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Jm Traum ist keine Hirtinn blöde;
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Ja, leider! auch die Unschuld küsst.

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Die Schäfer weihen ihm Gesänge:
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Er heuchelt ihrer Zärtlichkeit,
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Und spottet unsrer keuschen Strenge,
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Die ach! uns manche Lust verbeut.
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Ein Thyrsis, der zu Doris Füssen
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Vor wenig Stunden trostlos lag,
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Kann träumend seine Spröde küssen,
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Die alles will, was Morpheus mag.

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Hier unterbrach die langen Klagen
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Der Traumgott voller Ungeduld,
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Und sprach: o Göttinn! darf ichs wagen;
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So höre mich mit gleicher Huld.
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So müsse dir der Weltkreis fröhnen,
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Und Amors Bogen sey beglückt,
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Solang auf Wangen junger Schönen
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Ein blühend Morgenroth entzückt!

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Ich muß der frommen Mädchen lachen:
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Sie träumen von verliebter Lust!
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Welch Wunder? herrscht, wann Mädchen wachen,
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Die Liebe nicht in ihrer Brust?
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Ich weis, was ieder Schönen fehlet,
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Um die mein stiller Fittig spielt;
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Und sehe was ihr Herz verhehlet,
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Und oft sie selbst nur dunkel fühlt.

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Manch Mädchen prangt mit scheuer Tugend,
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Das ingeheim zu Amorn fleht,
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Wann itzt im Frühling muntrer Jugend
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Jhr Busen in der Fülle steht.
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Sie seufzt, und, o gerechter Kummer!
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Es jammert mich der Schäferinn:
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Ich führe sie bey frühem Schlummer
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In ihres Hirten Arme hin.

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Liebt Chloe nichts, als ihre Heerde?
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Sie glaubts! ihr Auge saget mir,
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Daß Chloen Damon küssen werde;
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Und ich verrath es ihm und ihr.
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Die Spröde schleicht mit mir in Gründe
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Zu Büschen, wo kein Fremder lauscht,
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Wann beym Geschwätze sanfter Winde
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Der Scherz geheimer Schmätzchen rauscht.

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Ein ieder gleichet seinen Träumen:
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Jm Traume zecht Anakreon:
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Ein Dichter jauchzt bey seinen Reimen,
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Und flattert um den Helikon.
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Für euch, Monaden! ficht mit Schlüssen
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Ein Liebling der Ontologie;
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Und allen Mädchen träumt von Küssen:
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Denn was ist wichtiger für sie?

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Der Traumgott wollte weiter sprechen:
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Doch itzt rief ihm die braune Nacht:
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Sie lag schon über dunkeln Bächen;
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Und Philomela war erwacht.
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Er floh, und lächelnd sprach Cythere:
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Jhr Kinder! wißt nicht, was ihr wollt.
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O predigt nur von strenger Ehre!
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Mir seyd ihr doch im Herzen hold.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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