Silenus

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Johann Peter Uz: Silenus (1755)

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Ich sah den Gott Silen! mit heiligem Erstaunen,
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Jhr Enkel! sah ich ihn! er zechte mit den Faunen,
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Und lehrte die betrunkne Schaar!
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Er sang, erfüllt vom Gott der traubenvollen Höhen:
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Ein Epheukranz verbarg des Alten graues Haar;
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Die Adern schwollen von Lyäen.

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Der Muse sey vergönnt, dir, Vater, nachzulallen!
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Ich hör ihr Saitenspiel von deinem Lied erschallen:
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Auch Nymphen merkten auf dein Lied!
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Du sangst, wie ungestüm das finstre Chaos brüllte,
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Bis Erd und schwarze Fluth und Luft und Feuer schied,
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Und sich die alte Zwietracht stillte.

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Nun ward die Harmonie, des Himmels Kind, ge-
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bohren:
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Der neuen Sonne ward ihr neu Gebieth erkohren:
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Der Mond nahm seine Herrschaft ein.
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Bald hörte der Parnaß die jungen Musen singen,
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Und sah die Grazien in seinem Lorbeerhayn
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Die Arme durcheinander schlingen.

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Du lehrtest, wie Mercur der Leyer Scherz erfun-
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den;
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Und wie das erste Rohr, mit fremder Kunst verbunden,
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In Pans betrübter Hand geklagt
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Als Pan von Syrinx, ach! der schönsten Nais, brann-
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te,
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Die Ladons Tochter war und in geliebter Jagd
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Arkadiens Gehölz durchrannte.

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Die sah der Hirten Gott nach scheuem Wilde jagen;
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Und ihr verirrtes Haar die weissen Schultern schlagen,
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Und ihre holden Wangen glühn.
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Er sah die schönste Brust den freyen Westen offen:
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Jhn brannte, was er sah: er war verliebt und kühn,
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Und fleht’ und wagte, stolz zu hoffen.

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Umsonst! weil Syrinx floh, wie ein gejagtes Rehe
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Dem Tode, der ihm folgt, auf schwarzbebüschter Höhe
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Mit flügelschneller Flucht entweicht.
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Es hemmen seinen Lauf nicht bluhmenvolle Felder,
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Durch die ein lautrer Bach mit heischerm Murmeln
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schleicht;
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Nicht Schatten sonst gewünschter Wälder.

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Sie floh: ihr folgte Pan, auf ungebahnten We-
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gen;
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Aus voller Urne rauscht’ ihr Ladons Fluth entgegen;
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Kein Weg war offen, zu entgehn.
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Hier, wo zum erstenmal die bangen Füsse ruhten,
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Hier, Schwestern! rief sie, eilt, mir hülfreich beyzustehn!
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Und sprang verzweiflend in die Fluthen.

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Gleich blieb ihr leichter Fuß an trägen Wurzeln han-
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gen;
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Der schlanke Leib ward Schilf, als Pan, sie zu umfan-
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gen,
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Um ihn die braunen Arme wand.
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Nun spielte Zephyrs Hauch in ungewohnten Rohren:
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Sie taumeln, sanftbewegt, und flistern um den Strand
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Jhm schwache Seufzer in die Ohren.

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Wie sinnreich machen uns, o Liebe! deine Lehren!
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Pan hörte diesen Laut und wünscht’, ihn stets zu hören,
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Auch wann der müde Wind entschlief.
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Er fügte Halm an Halm, die er verschieden wählte,
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Von Rohr zu Rohr alsdenn mit schnellen Lippen lief,
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Und sie durch sanften Hauch beseelte.

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Pan lehrte nachmals auch die Flöte seine Hirten,
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Und ieden Hirtentanz, im Schatten froher Myrthen,
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Belebte süsser Flöten Klang.
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Sie gieng vor Sparta her, das sich mit Bluhmen krönte,
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Und stimmte kriegrisch ein, wann Castors Lobgesang
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Dem nahen Feind entgegen tönte.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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