Die Wollust

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Johann Peter Uz: Die Wollust (1755)

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Hier im Gesträuch, an Florens weichem Busen,
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Die Balsam haucht, geruhig hingestreckt,
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Erwart ich sie, die göttlichste der Musen,
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Die sich im Busch vor meinem Wunsch versteckt.
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Sie kommt, sie kommt! ich höre schon vom weiten,
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In stiller Luft, die Stimme güldner Saiten.

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Jhr Sterblichen, die ihr dem Schicksal fluchet,
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Wenn euern Arm gewünschte Ruhe flieht;
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Die ihr umsonst sie unter Dornen suchet!
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O höret mich! o hört mein lehrend Lied!
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Was quält ihr euch? die holde Wollust winket,
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Und beut euch an, was euch so schätzbar dünket:

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Die Wollust nicht, die auch der Pöbel kennet;
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Die viehisch ras’t, nicht sich vernünftig freut;
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Von Lieb und Wein, umkränzt mit Epheu, brennet,
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Und Lieb und Wein durch Uebermaaß entweiht!
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Nein! die zugleich Natur und Weisheit preisen;
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Der Weisheit Kind, die Königinn der Weisen!

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Ich sehe sie, und Morgen-Rosen schmücken
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Die heitre Stirn und glänzen um ihr Haupt.
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Wie ruhig strahlt aus ihren süssen Blicken
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Die reine Lust, die kein Verhängniß raubt!
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Durch sie wird selbst Lyäus zahm gemachet,
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Der hinter ihr mit einer Muse lachet.

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Die Freude schwingt um sie die güldnen Flügel
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Zu aller Zeit, auch wenn das Glück entflieht.
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So öde scheint kein dürrverbrannter Hügel,
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Wo nicht für sie noch manche Bluhme blüht:
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Und rings umher schwatzt unter Laub und Zweigen
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Ein sanfter West, und rauhe Stürme schweigen.

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Wie sollte dir nicht alles dienen müssen,
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Du, die allein die Sterblichen beglückt!
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Gefesselt liegt, o Göttinn! dir zu Füssen
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Der bleiche Gram, der schwache Seelen drückt.
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Du bändigest die hungrigen Begierden,
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Die ohne dich verderblich herrschen würden.

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Wie, wann der Sud sein schwarz Gefieder schüttert,
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Und auf der See sich als Tyrann erhebt;
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Der Ocean bis an den Grund erzittert,
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Und weißbeschäumt hoch in die Lüfte strebt:
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Indem kein Stern die bange Nacht erheitert,
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Verirret sich das kranke Schiff und scheitert:

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So wüthen auch die zügellosen Triebe,
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Die uns Natur mitleidig eingesenkt.
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Sie brechen los; und Recht und Menschenliebe,
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Was heilig ist, wird unbereüt gekränkt.
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Nicht ungestraft! der Frevelthaten Menge
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Bestraft in uns ein Richter voller Strenge.

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Die Furien, in deren blutgen Händen,
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Stets fürchterlich, die Dornen-Peitsche braust,
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Verfolgen ihn, wann zwischen Marmor-Wänden
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Der Lüste Sklav erraubtes Gut verschmaust.
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Sein Aug entschläft: sein wachendes Gewissen
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Stört seinen Schlaf mit gelber Nattern Bissen.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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