Der Weise auf dem Lande

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Johann Peter Uz: Der Weise auf dem Lande (1755)

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O Wald! o Schatten grüner Gänge!
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Geliebte Flur voll Frühlings Pracht!
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Mich hat vom städtischen Gedränge
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Mein günstig Glück zu euch gebracht:
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Wo ich, nach unruhvollen Stunden,
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Die Ruhe, die dem Weisen lacht,
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Jm Schoose der Natur gefunden.

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Ich fühle mich wie neugebohren,
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Und fang erst nun zu leben an,
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Seit, fern vom Trotze reicher Thoren,
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Ich hier in Freyheit athmen kann.
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Es krieche wer nach Ehre flieget!
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Ich werde nie ein grosser Mann,
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Weil ich mich knechtisch nicht geschmieget.

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Es mögen andre höher trachten:
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Sie mögen, hungrig nach Gewinn,
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Jm Joche der Geschäfte schmachten,
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Da ich der Knechtschaft müde bin!
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Sie drängen sich durch List und Gaben
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An ihre Ruderbänke hin;
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Dieweil sie Sklavenseelen haben.

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Du glänzend Nichts! o Rauch der Ehre!
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Dich kauf ich nicht mit wahrem Weh.
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Mein Geist sey, nach der Weisheit Lehre,
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So stille, wie die Sommersee:
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So ruhig im Genuß der Freuden,
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Als dort, im perlenreichen Klee,
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Die unschuldvollen Lämmer weiden!

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O seht, wie über grüne Hügel
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Der Tag, bekränzt mit Rosen, naht!
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Jhn kühlen Zephyrs linde Flügel:
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Vom Thau glänzt sein beblühmter Pfad.
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Wie taumelt Flora durch die Triften!
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Die Lerche steigt aus trunkner Saat,
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Und singt in unbewölkten Lüften.

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Dort, wo im Schatten schlanker Buchen
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Die Quelle zwischen Bluhmen schwätzt;
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Seh ich die Muse mich besuchen,
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Und werde durch ihr Lied ergötzt.
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Sie singt entzückt in güldne Saiten,
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Indeß, von Morgenthau benetzt,
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Die Haare flatternd sich verbreiten.

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Noch süsser tönt um frische Rosen
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Jhr angenehmes Hirtenrohr;
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Und Amor kommt, ihr liebzukosen,
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Und ieder Ton entzückt sein Ohr.
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Auch er versucht, wies ihm gelinget:
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Ein schwaches Murmeln quillt hervor,
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Das ungeübte Hand erzwinget.

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Geht hin, die ihr nach Golde schnaubet!
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Sucht Freude, die mein Herz verschmäht!
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Betrügt, verrathet, schindet, raubet
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Und erndet, was die Wittwe sät!
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Damit, wann ihr in Gold und Seide
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Euch unter klugen Armen bläht,
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Der dumme Pöbel euch beneide.

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Dem Reichthum, bleicher Sorgen Kinde,
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Schleicht stets die bleiche Sorge nach:
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Sie braust, wie ungestüme Winde,
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Durch euer innerstes Gemach.
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Der sanfte Schlummer flieht Paläste,
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Und schwebet um den kühlen Bach,
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Und liebt das Lispeln junger Weste.

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Mir gnüget ein zufriednes Herze
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Und was ich hab und haben muß,
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Und, kann es seyn, bey freyem Scherze,
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Ein kluger Freund und reiner Kuß:
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Dieß kleine Feld und jene Schafe,
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Wo, ohne stolzen Ueberfluß,
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Ich singe, scherze, küsse, schlafe.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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