Ritter Richard

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Johann Martin Miller: Ritter Richard (1782)

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Der Ritter Richard sah einmal
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Das Fräulein Adelgund,
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Und herzlich that er seine Qual
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Ihr unter Thränen kund;

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Und wurde bald erhört. Es sprach
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Die Lieb' aus ihrem Blick,
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Sie sahen sich an jedem Tag,
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Und täglich wuchs ihr Glück.

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Doch schneller schwand es, als der Strahl
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Vom falben Abendlicht;
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Hienieden dau'rt kein Glück, zumal
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Das Glück der Liebe nicht.

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Er soll in Krieg, er wappnet sich,
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Giebt ihr den Scheidekuß;
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Und sie umarmt ihn inniglich
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Mit einem Thränenguß.

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Doch trocknen, wie ein jeder weiß,
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Der Mädchen Thränen bald;
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Ihr Busen, eben noch so heiß,
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Ward augenblicklich kalt.

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Ein schöngeputzter Edelmann,
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Herr Robert jung und fein,
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Sah sie mit Liebesblicken an,
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Und nahm sie jählings ein.

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Zwar hatt' er, wie ihr Richard, nicht
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Ein Herz ohn' allen Trug,
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Doch lieblich war sein Angesicht,
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Und das ist Mädchen g'nug.

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Bald, schrieb ihr Richard, bin ich dein,
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Ich komm', o Teure, schon;
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Sie aber las, und lachte sein,
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Und sprach ihm bittern Hohn;

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Und flog zu ihrem Robert hin,
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Und sprach: Bin ich dir wert,
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So laß die Trauung uns vollziehn,
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Eh' uns ein andrer stört.

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Kein Augenblick ward da gespart,
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Man fuhr hinaus aufs Land,
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Und gleich der zweite Morgen ward
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Zum Trauungstag ernannt.

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Indessen kömmt, mit Ruhm bekränzt,
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Der Ritter Richard an;
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Sein Busen pocht, sein Auge glänzt,
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Das Fräulein zu empfahn.

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Ach, was er da vernimmt! Die ist
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Des Ritter Roberts Braut,
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Und, eh' der zweite Tag verfließt,
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Wird sie ihm angetraut.

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Er flucht und betet, springt aufs Roß,
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Und rennt im wilden Trab
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Vor Fräulein Adelgundens Schloß,
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Und hastig springt er ab;

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Und will im ersten Augenblick
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Die falsche Dirne sehn:
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Doch höhnisch weist man ihn zurück,
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Und läßt ihn staunend stehn.

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Gott! ruft er rasend, welch ein Lohn!
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Und stampft, und knirscht, und lacht,
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Und eilt mit seinem Roß davon
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Und tobt die ganze Nacht.

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Die Dirn' indessen lachte sein
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Mit ihrem Bräutigam,
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Und hüllt' ins Brautgewand sich ein,
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Sobald der Morgen kam.

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Ein frischgeflochtner Blumenkranz
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Umschlang ihr blondes Haar,
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Und alles ging, in Prunk und Glanz,
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Mit ihnen zum Altar.

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Des Priesters Stimme schallte schon,
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Sie sprachen beid' ihr Ja.
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Gott segn' euch! – Fluch euch! hallt' ein Ton
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Und flugs war Richard da;

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Und stieß das Schwert mit einem Stoß
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Ins Herz dem Bräutigam,
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Daß quellend sich sein Blut ergoß
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Und schwarz am Altar schwamm;

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Und mit der andern Hand ergriff
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Er ungestüm das Weib,
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Und stieß das Schwert, noch rauchend, tief
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Ihr in den falschen Leib.

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Dann warf er neben sich das Schwert,
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Und knirscht' in wilder Wut,
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Den Blick gen Himmel hingekehrt,
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Und stampft' in ihrem Blut.

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Dann floh er weg; der Haufen sah
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Ihn unbeweglich fliehn,
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In tiefem Schweigen stand er da,
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Und ließ den Mörder ziehn.

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Die beiden lagen ausgestreckt
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Und röchelten nicht mehr;
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Ihr Blumenkranz mit Blut befleckt,
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Sein Aug' Empfindungleer.

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Drauf ward ein doppelt Grab gemacht.
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Ein feierlicher Zug
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Kam um die stille Mitternacht,
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Der die Erschlagnen trug.

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Erst senkte man beim Fackelschein,
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Der blasse Leuchtung gab,
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Den toten Ritter Robert ein,
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Dann ging's zu ihrem Grab.

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Und – Gott im Himmel – Richard riß
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Sich wütend aus der Gruft,
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Und sank, indem er sich durchstieß,
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Mit Schreien in die Kluft.

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Die Träger flohen alsofort
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Zum Kirchhofthor hinaus,
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Und jetzo noch ist dieser Ort
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Dem ganzen Land ein Graus.

109
Um tiefe Mitternacht erscheint
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Das Fräulein hier im Flor,
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Und ringt die bleichen Händ' und weint,
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Und Robert steigt empor;

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Und hinter ihm hebt wild und stumm
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Sich Richard aus dem Grab,
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Und beide sinken wiederum
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Mit Zeterschrei hinab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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