An die Phantasie

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Martin Miller: An die Phantasie (1782)

1
Freundin meiner Einsamkeiten,
2
Schöpferische Phantasie,
3
Tönte doch von meinen Saiten
4
Dir ein Lied voll Harmonie!
5
Wenn der müde Tag sich neiget,
6
Dämmerung die Welt umfließt,
7
Rings um mich die Schöpfung schweiget,
8
Und der Ruhe Glück genießt:
9
Dann erheiterst du des müden
10
Jünglings Seele, leitest ihn
11
In Gefilde voller Frieden,
12
Zu beglückten Schäfern hin.
13
Zauberische Bilder stehen
14
Jugendlich um ihn herum,
15
Und die trunknen Blicke sehen
16
Überall Elysium.
17
Götter! welche Lustgefilde
18
Welch ein reizend Blumenthal!
19
Alles lacht in Frühlingsmilde;
20
Jubel tönet überall.
21
Alle Thalgehölze blühen;
22
Mannigfacher Blumenduft
23
Und der Vögel Melodieen
24
Füllen ringsumher die Luft.
25
Fette Lämmerherden wallen
26
In dem hohen Gras einher,
27
Und der Hirten Lieder schallen
28
Fröhlich hinter ihnen her.
29
Alles eilt in Schattengänge,
30
Wenn die Mittagsstrahlen glühn;
31
Herden lagern im Gedränge
32
Sich im Eichenschatten hin;
33
Und der müde Schäfer lehnet
34
Sich an seinen Schäferstab,
35
Seiner Flöte Schall ertönet
36
Lange nicht ins Thal hinab.
37
Aber endlich gießt er wieder
38
Leben in das Haberrohr,
39
Süße schäferliche Lieder
40
Schallen in die Luft empor.
41
Alles horchet auf die Töne.
42
Plötzlich unterbricht sein Lied
43
Eine wonnigliche Scene,
44
Seine braune Wange glüht.
45
Von der Seite hergesprungen
46
Kömmt der kleine Tityrus,
47
Hält des Vaters Arm umschlungen,
48
Schmeichelt ihn um einen Kuß.
49
Und die holde Gattin schreitet,
50
Einen Liebling auf dem Arm,
51
Durchs Gebüsch daher, begleitet
52
Von der Amoretten Schwarm.
53
Liebe lächelt ihm entgegen.
54
Er umarmt die Schäferin
55
Und sie sinkt mit stärkern Schlägen
56
An den treuen Busen hin.
57
Fröhlichkeit und Lust verbreitet
58
Sich um sie, das ganze Thal
59
Lächelt ihnen, sie bereitet
60
Ihm indes ein kleines Mahl.
61
Beide lagern sich im Schatten,
62
Dürsten nicht nach Überfluß.
63
Zwischen den beglückten Gatten
64
Sitzt der kleine Tityrus,
65
Deutet auf die Flöte, winket
66
Seinem Vater, reicht sie hin,
67
Und der andre Liebling sinket
68
An die Brust der Schäferin.
69
Ungekünstelt spricht aus ihnen
70
Unschuld und Zufriedenheit,
71
Und aus ihren sanften Mienen
72
Lächelt die Vertraulichkeit –
73
Selig Paar! Ein Frühlingsmorgen
74
Ist das ganze Leben euch,
75
Vor der Neider Blick verborgen
76
Lebt ihr hier den Göttern gleich.
77
Aber holde Schäfersitten!
78
Ach, man suchet eine Spur
79
Nur vergebens in den Hütten,
80
Nur vergebens auf der Flur!
81
Nur des frommen Dichters Lieder,
82
Kinder seiner Phantasie,
83
Rufen eure Schatten wieder:
84
Aber ach! euch selber nie.
85
Doch gesegnet sei die milde
86
Phantasie; das stille Glück
87
Jener seligen Gefilde
88
Zaubert sie zu uns zurück.
89
Weich, o holde Freundin! weiche
90
Doch von meiner Seiten nie,
91
Jeden Augenblick beschleiche
92
Mich, geliebte Phantasie!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.