An meine Freunde in Göttingen

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Johann Martin Miller: An meine Freunde in Göttingen (1775)

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Von euch, ihr Lieben, fern, irr' ich allein,
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Und kummervoll am öden Pleißestrand;
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Die Gegend traurt im blassen Winterkleid;
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Im stummen Wäldchen krächzen Raben nur!

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Euch aber, Freunde, schließt im frohen Thal,
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Durch das sich still die gelbe Leine krümmt,
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Die Freundschaft noch in ihren treuen Arm,
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Und scherzt mit euch den trüben Abend weg.

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Vom silbernen Klavier strömt Harmonie,
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Durch Vossens Hand geleitet, euch ins Herz,
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Wenn, mit dem sanften Graun, die Seel' er schmelzt,
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Mit Bach in Himmelssphären euch entrückt.
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Alsdann spricht hoher Ernst, des Deutschen Freund,
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Von eurer Stirn, der Geist fühlt größer sich,
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Und stiller, feierlicher wird der Kreis. –

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O Vaterland, und du, Religion!
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Wie oft schlug unruhvoller euch mein Herz,
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Wenn mit den Edeln euch ich huldigte! –

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Ihr, Freunde, seid noch Deutsche, wert des Lands,
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Das Hermanns Schwert, und Luthers Donnerwort
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Vom Joche Roms befreit, und Klopstock sang.
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Ihr fühlt noch deutsche Kraft, und Mut zur That;
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Fühlt's, daß des Deutschen Erbteil Freiheit ist,
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Und straft's, wenn Bubenlist sie stürzen will!

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Verachtend blickt auf jeden ihr herab,
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Der Fürsten seine feile Harfe stimmt,
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Und ihren Lastern Tugendschimmer leiht;
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Verachtender auf den, der, feiger noch,
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Der Freiheit Wehr, dich, Herzensreinigkeit,
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Und, Unschuld, dich mit Lachen untergräbt,
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Und Buhlerlüst' in reine Seelen singt. –

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O Jüngling Deutschlands, fleuch das freche Lied,
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Und wär' in Honig jeder Ton getaucht!
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Fleuch, Mädchen, ist dir deine Seele lieb,
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Den tückischen, den ehrvergeßnen Mann!

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Ihr, Freunde, blickt euch freier an! Ihr sangt
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Mit reinem Sinn; die Tugend lächelt euch. –

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Doch, warum schleicht der Freudenthräne dort
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Die stille, bange Trauerzähre nach?
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Was blickt ihr schweigend euch, und ängstlich an?
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Durchforscht den stummen Kreis, und wendet euch?

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Ach, klein ist er, und manchen Edeln riß
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Sein winkendes Geschick aus eurem Arm!
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Entfernt von Vaterland und Freiheit, traurt
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Schon lang am Belt der Stolberg' edles Herz;
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Umsonst sehnt Cramern, Millern ihr zurück,
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Und Leisewitz, der kurze Zeit uns ward;
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Noch ist um Hahn, den Sklavenhasser, nicht
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Versiegt der Trennung Zähr'! Auch mich, der euch
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Unsichtbar jetzt umschwebt, sucht euer Blick!

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Weint nur um euch! Doch um die Brüder mehr,
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Die schwerer noch der Trennung Kummer drückt,
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Ach, fern von euch, ihr lieben, einsam drückt!

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Hier, wo mein Mißgeschick mich hin verschlug,
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Hier schlägt für Freiheit und für Vaterland
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Kein Herz an meinem Herzen; einsam fließt,
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Und ohne Trost, mir jeder Tag dahin;
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Nur

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Und bald werd' ich auch ihm entrissen; bald
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Zerstreut auch euren letzten Rest der Sturm;
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Und trostlos einsam weinet bald auch ihr.

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Doch, lass' sich nur der Trennung Schrecken nahn!
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Du, Meer! ihr, weite Länder, reißet nicht
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Das unsichtbare, teure Band entzwei,
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Das Freiheitslieb' und Tugend uns umschlang.

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Einst, wenn in Staube lange wir geruht,
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Und Erd' und Himmel sinken, und der Ruf
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Des Totenweckers schallt, vereint aufs neu'
69
Die Tugend uns zum ewigen Triumph!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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