Die Zufriedenheit

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Johann Peter Uz: Die Zufriedenheit (1755)

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Ein Geist, der sich zu keiner Zeit
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In feiger Ungeduld verlieret,
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Und stets die Weisheit hört, die, wie das Glück
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uns sühret,
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Mit Rosen ieden Pfad bestreut:

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Freund! ein wahrhaftig weiser Geist
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Fühlt kaum die halbe Last der Plagen,
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Und lacht bey trüber Luft in angenehmern Tagen,
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Als Thoren, die man glücklich preist.

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Schilt nicht des Himmels Tyranney,
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Von ihm kommt unser wenigst Leiden.
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Kein Zustand ist so hart: ein Chor der stillen Freuden
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Gesellt sich ihm mitleidig bey.

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Wir fröhnen thörichter Begier,
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Die auch bey nahen Quellen schmachtet.
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Vergnügen beut sich an: umsonst! es wird verachtet;
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Nur was uns flieht, verfolgen wir.

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Zu ekel sind wir, uns zur Pein:
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Wir lassen West und Sommer weichen,
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Und wollen, wann sie fliehn, in schattigten Gesträuchen,
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Um murmelnd Wasser fröhlig seyn.

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Der warme Frühling kommt zurück:
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Da braucht ein Weiser ihn beyzeiten.
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Er läßt Vernunft allein die blinden Wünsche leiten,
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Und wünscht kein schimmerreiches Glück.

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Kein stolzer Schein bethört sein Herz:
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Er schätzt nicht bloß ein theures Lachen;
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Und kan des Pöbels Wahn durch sich zu schanden machen,
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Ob flöh uns Arme Lust und Scherz.

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Weil ich nicht prächtig schmausen kann,
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Soll ich nicht fröhlig schmausen können?
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Will Flora, für mein Haar, mir holde Rosen gönnen;
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Was geht der Fürsten Pracht mich an?

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Was hilfts zur Lust, wann ihre Wand
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Sich in gewürktes Gold verhüllet,
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Und ein Bedienten-Schwarm die Marmor-Säle füllet,
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Mit güldnen Schüsseln in der Hand?

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Sieh hin, wo keine Pracht gebricht!
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Man gähnt auch mitten im Gepränge;
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Der Necktar Jupiters, der Speisen ekle Menge,
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Die fesseln, ach! die Freude nicht.

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Die Freude, des Lyäus Kind,
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Entflieht unruhigen Palästen,
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Und schwärmt zu Hütten hin, die nur gewählten Gästen,
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Nur dir, o Freundschaft! heilig sind.

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Fleußt nicht für sie der Reben Blut,
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Die Chios edle Berge schwärzen?
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Auch Bacchus unsers Rheins flößt in zufriedne Herzen
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Vertraulichkeit und guten Muth.

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Wo Bacchus lacht, wer bleibt betrübt?
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Der Gott begeistert aller Busen,
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Und läßt den Satyr los, und lädt die muntern Musen
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Und Amorn, der die Musen liebt:

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Und Lieder der Zufriedenheit
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Ertönen aus dem trunknen Munde;
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Bis, nach durchscherzter Nacht, die kühle Morgenstunde
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Die Schatten und den Schmaus zerstreut.

(Uz, Johann Peter: Lyrische und andere Gedichte. 2. Aufl. Ansbach, 1755.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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