Clarissa an Cäcilien

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Johann Martin Miller: Clarissa an Cäcilien (1773)

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Ach! Cäcilia, verschwunden
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Sind in ewig trübe Nacht
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Unsers Lebens erste Stunden,
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Die so freundlich uns gelacht;
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Als noch über unserm Haupte
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Freiheit ihre Palmen schwang,
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Bis dich Aberglaub' ihr raubte,
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Und in seine Fesseln zwang.

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Jedes Glück des Lebens fühlten
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Wir im unbescholtnen Sinn;
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Wie der Unschuld Lämmer, spielten
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Wir durchs goldne Leben hin.
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Sahen keine Schlangen lauschen,
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Wo wir Blumen blühen sahn;
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Hörten vor des Baches Rauschen
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Keiner Wetterwolke Nahn.

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Armes Lamm! der List des Hirten
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Konntest leider nicht entfliehn;
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Seine falschen Bande führten
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Dich zum Würgaltare hin –
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O des Vaters, der im Grimme
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Allen Freuden dich entriß!
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O der Mutter, die die Stimme
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Der Natur verstummen hieß! –

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Als du am Altare knietest,
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Schon als Opferlamm geschmückt;
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Als du, wie die Rose, blühtest,
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Die nun bald der Sturm zerknickt;
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Als bei lauten Orgelchören
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Dich der Pöbel selig sprach:
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Ach! da flossen meine Zähren,
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Und mein Herz voll Liebe brach.

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Noch erschallt in meinen Ohren
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Deiner Stimme schwacher Ruf,
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Als du jedem Glück entschworen,
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Dem auch dich der Schöpfer schuf.
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Deine nassen Augen irrten,
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Suchten nun zum letzten mich;
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Und die Klosterthore klirrten,
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Und verschlangen ewig dich.

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Ach! da ging ich hin zu klagen,
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Daß dich alle Welt verließ,
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Daß des Lebens schönsten Tagen
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Dich ein wilder Wahn entriß;
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Selig pries ich meine Stunden,
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Von der Freiheit Strahl erwärmt,
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Selig, auch von Gram durchwunden,
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Auch von jeder Angst umschwärmt. –

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Aber tausend Leiden stürzten
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Über meine Seel' herab!
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Menschentrug und Frevel kürzten
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Alle meine Freuden ab. –
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Weine nicht in deiner Zelle,
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O Geliebte, weine nicht!
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Naht doch ihrer Ruhestelle
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Sich kein frommer Bösewicht.

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Außer ihren sichern Mauren
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Siegen Arglist und Gewalt;
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Auf der Tugend Frieden lauren
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Tausend Feind' im Hinterhalt.
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Schmeicheln im Gewand der Liebe
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Sich in unsre Seelen ein,
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Und der heiligste der Triebe
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Wandelt sich in jede Pein.

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Wiß! Es trog um alle Freuden
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Ein verkappter Bube mich!
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Sittsam kam er und bescheiden,
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Schlich in meine Seele sich.
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Blumen lachten mir entgegen,
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Die sein Zauber hieß entstehn;
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Liebe kam, mich zu bewegen,
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Mit durchs Leben hinzugehn.

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Aber, o! in Wüsteneien
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Wandeln alle Fluren sich;
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Tausend Ungeheuer dräuen,
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Und mein Führer fliehet mich.
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Schenkt an feile Buhlerinnen
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Seinen falschen Flattersinn;
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Und in trübem Jammer rinnen
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Alle meine Stunden hin.

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Freundin! ach, der Qual erlegen
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Wäre meine Seele schon;
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Käm' uns Jesus nicht entgegen,
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Und mit ihm Religion.
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Wenn ihr Strom uns nicht entquölle,
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Wo der Lebensbach verrinnt;
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O, so wär' ein Leben Hölle,
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Wo so viele Teufel sind!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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