Der Vater an seinen Sohn

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Johann Martin Miller: Der Vater an seinen Sohn (1772)

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O Sohn, du wendest dein Gesicht?
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Und hörest deinen Vater nicht,
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Und spottest seiner Zähren?
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Nicht deinen Gott, nicht die Natur,
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Des Lasters Stimme willst du nur,
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Betrogner Jüngling, hören?

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Sieh einmal noch zurück, eh du
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Der rettungslosen Tiefe zu
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Im trunknen Taumel rennest!
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Und dann vergeblich Hülfe suchst,
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Und dir und deinem Schöpfer fluchst,
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Und Wüterich ihn nennest!

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Der feilen Buhlerin im Arm,
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Umflattert dich der Träume Schwarm,
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Die mit der Nacht verschwinden,
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Und deinen heißen Busen bald,
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In schlangenförmiger Gestalt,
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Mit tiefem Schmerz umwinden.

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Trink immer deinen Taumelwein
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Mit gierigstarken Zügen ein!
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Bald wird der Rausch entweichen;
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Und abgemattet, freudenleer,
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Wirst du im Schwelgersaal' umher
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Beim Reihentanze schleichen.

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Ich sterbe, Sohn! Der Gram beschließt
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Ein Leben, das dir lästig ist;
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Bald wird das Grab mich decken.
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Komm dann, mit deiner Buhlerin,
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Zur Asche deines Vaters hin,
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Ganz deinen Sieg zu schmecken!

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Dann pflücke, Sohn, auf meinem Grab
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Dir Blumen zu den Kränzen ab,
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Sie um ihr Haar zu winden!
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Und tanze frech auf meiner Gruft,
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Und, wann noch das Gewissen ruft,
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Töt' es mit neuen Sünden!

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Zuviel, o Gott! Ach, höre, Sohn,
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Noch einmal die Religion,
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Sie will sich dein erbarmen.
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Nicht fremden Lobes darf sie, Sohn;
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Ohn' Eigennutz und Eigenlohn
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Will sie sich dein erbarmen.

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Du hörest, ach, du hörest nicht?
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Wohlan, so höre Gott dich nicht!
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Wann nun der Tod dich schrecket,
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Und dein Gewissen fürchterlich
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Zu Höllenpein und Qualen, dich
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Aus tiefem Schlummer wecket.

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Doch, Sohn! mir bricht das Herz. Dein Gott
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Erbarme sich in deiner Not,
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Und horch' auf deine Klagen!
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O möcht' er, durch mein Leid erfleht,
53
Zu meinem jammernden Gebet
54
Ein gnädig Amen! sagen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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