Der Morgen

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Johann Martin Miller: Der Morgen (1772)

1
Wieder bist du dahin, traurige Mitternacht,
2
Und der Morgen ergraut! Aber noch senkte sich
3
Auf mein schmachtendes Auge
4
Der erquickende Schlummer nicht.

5
Freier atmet die Brust, nenn' ich der Dämmerung,
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Was dem horchenden Tag nie noch mein Mund entdeckt,
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Deinen Namen, o Daphne,
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Der wie Silber der Saite tönt.

9
Ruhig schlummerst du jetzt; Engel umschweben dich,
10
Lispeln leise sich zu, daß du ein Engel bist,
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Und vor allen einst glänzest,
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Wenn dein Geist sich dem Staub entschwingt.

13
Ruhig ist er; denn noch kennst du die Qualen nicht,
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Die die Lieb' in das Herz ihrer Vertrauten geußt,
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Nicht den Kummer, o Daphne,
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Den dein lächelndes Auge schuf.

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Wiß, o Mädchen, ihn nie! Trauren will ich allein;
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Denn ein grausamer Wahn trennt' uns auf Erden doch,
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Schlüg' auch lauter dein Busen
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Meiner schmachtenden Seele zu. –

21
Horch! der Lerche Gesang wecket die Dämmerung,
22
Und ich schweige, bis mich wieder von Westen her
23
Meiner Qualen Vertraute,
24
Die verschwiegene Nacht, umfängt.

(Haider, Thomas: Deutsches Lyrik Korpus (DLK) v5.0, 2022. Ursprünglich von Editura GmbH & Co. KG (Digitale Bibliothek) digitalisiert, vom TextGrid-Verbund erworben und angereichert; als DLK-Ausgabe bearbeitet und kuratiert. Lizenz: Verbreitet unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz (CC BY-SA 4.0). Änderungen: Textkorrekturen, Anreicherung mit Metadaten und Textannotationen sowie Konvertierung durch Textopus.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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