An ein Paar Ringeltäubchen

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Johann Martin Miller: An ein Paar Ringeltäubchen (1772)

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Flattert näher, bunte Ringeltäubchen!
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Komm, mit deinem lieben, trauten Weibchen,
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Frommer Tauber, tiefer in den Hain!
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Unter diesen grünen Finsternissen
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Könnt ihr ungestört einander küssen,
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Und euch ganz der süßen Liebe weihn.

7
Friedlich soll die Pappel euch bewirten;
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Fürchtet nicht den frommen Lämmerhirten,
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Den, wie euch, ein sanfter Trieb erfüllt!
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Könnt' ich Lieb' und Zärtlichkeit verletzen?
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O, ich folge Cypriens Gesetzen,
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Und wer ihnen folgt, ist sanft und mild.

13
Sammelt kleine Myrtenreiser, bauet
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Euer Nest im Pappelstamm, vertrauet
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Eure weißen Eierchen ihm an!
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An der Unschuld sichern Ruheplätzen
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Soll kein wilder Habicht euch verletzen,
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Euren Jungen sich kein Sperber nahn.

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Still ist diese Gegend; Ruhe wohnet
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Rings umher; die sanfte Unschuld thronet
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Hier am liebsten. Eine Schäferin,
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Die an Liebreiz eurer Göttin gleichet,
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Daphne, mit den blauen Augen, schleichet
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Oft in diese stillen Schatten hin.

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Und der Friede wallt auf allen Wegen
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Der geliebten Schäferin entgegen,
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Unschuld folget ihren Schritten nach;
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Zephyr weht durchs junge Laub gelinder,
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Laute Wasserfälle brausen minder,
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Und das Lied der Nachtigall wird wach.

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Wenn ihr euch auf schlanken Ästen wieget,
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Und das Mädchen hier auf Blumen lieget;
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Dann beginnt der Küsse süßes Spiel!
34
Weckt in ihrem jugendlichen Herzen
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Unbekannte Seufzer, stille Schmerzen,
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Und der Sehnsucht zärtliches Gefühl!

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Seufzer werden ihren Busen heben,
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Thränen über ihre Wangen beben,
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Liebe wird im blauen Auge glühn;
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Dann will ich mich sittsam zu ihr stehlen,
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Zum Geliebten wird sie mich erwählen,
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Und mit mir in Eine Hütte ziehn.

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Kommt dann, Täubchen, wenn der Herbst entfliehet,
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Und der Winter unsre Flur beziehet,
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Vor die Hütte! Bis er wieder flieht,
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Will ich euch die besten Körner streuen;
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O, wie wird sich meine Daphne freuen,
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Wenn sie ihre Täubchen wieder sieht!

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Hat euch meine Bitte schon gerühret?
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Seht! von Lieb' und Mitleid hergeführet,
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Flattert ihr der kühlen Pappel zu.
52
O wie pocht mein Herz in stärkern Schlägen!
53
Tausend Freuden lachen mir entgegen;
54
Hoffnung, Hoffnung! o wie süß bist du!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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